«Teuer erzeugtes Licht strahlt ins All hinaus»

Wissenschaft sorgt sich um Lichtverschmutzung – Neue Webanwendung des GeoForschungsZentrums Potsdam

In Santiago ist die Lichtverschmutzung so groß, dass mit den vorhandenen Teleskopen gegen den hell erleuchteten Nachthimmel nur noch der Mond und die hellsten Sterne und Planeten zu sehen sind.

Zwei Drittel der Weltbevölkerung kann die Milchstraße nicht mehr sehen, weil die Megastädte zu viel Licht ausstrahlen. Lichtverschmutzung lautet die neue Sorge für die Wissenschaft. Dazu hat das Deutsche GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam jetzt eine Webanwendung lanciert, mit der die Lichtemissionen auf der ganzen Welt analysiert werden können. Wozu brauchen wir das?

Der Cóndor fragte Dr.-Ing. Erwin Plett, Experte für Beleuchtung und Physiologie und Geschäftsführer der chilenischen Firma Alfa Lux.

Cóndor: Nach Luftverschmutzung hat die entwickelte Welt nun auch noch mit Lichtverschmutzung zu kämpfen Was versteht man darunter?

Dr.-Ing. Erwin Plett: «Lightpollution ist ein relativ neuer Begriff, der die leider zunehmende antropogene, also vom Menschen verursachte Lichtverschmutzung, das heißt die Hinzufügung von Licht selbst, in Analogie zu zusätzlichem Lärm, Kohlendioxid und so weiter beschreibt. Die negativen Folgen sind vielfältig und einige von ihnen sind möglicherweise noch nicht bekannt. Wissenschaftliche Definitionen umfassen daher die Veränderung des Lichtniveaus in der Außenumgebung – von den natürlichen Gegebenheiten – durch direkte oder indirekte Einführung künstlicher Lichtquellen. Lichtverschmutzung in Innenräumen ist eine Veränderung der Lichtintensität und -qualität, die die menschliche Gesundheit gefährdet. Die Lichtverschmutzung konkurriert zudem mit Sternenlicht am Nachthimmel der Stadtbewohner, stört astronomische Observatorien sowie Ökosysteme und wirkt sich nachteilig auf die Gesundheit aus.»

Welche negativen Auswirkungen hat sie auf den Menschen?

«Von den fünf Sinnen, die der Mensch benutzt, ist der Sehsinn der meist verwendete. 70 Prozent unserer Sensoren/Detektoren/Papillen für die Beschaffung der Information der Außenwelt befinden sich in den Augen, was die Wichtigkeit der Beleuchtung in unserem täglichen Arbeiten – und Schlafen – erklärt. Wichtig ist dabei der zirkadiane Rhythmus, der unsere Wach- und Schlafphasen bestimmt und mit der Sonne, unserem wichtigsten Energiespender, vereinbart. Das Licht ist ein Zeitgeber, der diese innere, biologische Uhr synchronisiert, also verstellen kann. Das falsche, also unnatürliche Licht bringt unseren Lebensrhythmus durcheinander, wie jeder nach einer durchzechten Nacht oder beim Jetlag schon gespürt hat. Die Lichtverschmutzung bringt Menschen und die Tier- und Pflanzenwelt durcheinander und verursacht Langzeitschäden.»

Wozu ist die für jeden zugängliche Webanwendung «Radiance Light Trends» des Geoforschungszentrums in Potsdam gut?

«Wir kennen die spektakulären NASA-Bilder, die hell erleuchtete Städte nachts aus dem All zeigen. Diese schönen Bilder zeigen aber eine unglaubliche Energieverschwendung, denn es handelt sich um teuer erzeugtes Licht, was in das All hinausstrahlt, wo sich nur ein paar Astronauten aufhalten und es niemanden sonst nutzt, denn die meisten Menschen leben bekanntlich auf der Erde.

Mit der Webanwendung „Radiance Light Trends“ des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ kann die Entwicklung der Lichtemissionen analysiert werden. Sie macht die weltweit gemessenen Lichtverschmutzungsdaten jedem in einfacher Weise zugänglich, damit die Schwerpunkte für die Vermeidung oder Verringerung des Problems durch Behörden, Organisationen oder Umweltverbände gesetzt werden können. Wichtig ist, dass man nicht nur einzelne Bilder, sondern zeitliche Trends an jedem Ort georeferenziert sehen kann.»

Wie sieht es in Chile aus?

«Die Lichtverschmutzung ist in vielen Ballungsräumen schlimm. Die Straßenbeleuchtung dient mehr der Erwärmung von Hausdächern und Gärten als der Ausleuchtung der Verkehrswege. Ganz besonders kritisch war die Lichtverschmutzung im Norden, wo Astronomie weltweiter Bedeutung betrieben wird. Ein Beispiel ist das Observatorium der Universidad de Chile auf dem Cerro Calán in Santiago. Die Lichtverschmutzung der Millionenmetropole ist so groß, dass mit den vorhandenen Teleskopen gegen den hell erleuchteten Nachthimmel nur noch der Mond und die hellsten Sterne und Planeten zu sehen sind. Wir haben Beleuchtungsanlagen durchgemessen und festgestellt, dass nur 20 Prozent des Lichts von den hohen Lampenpfosten auf die beabsichtigte Beleuchtungsfläche trifft. Der Rest verteilt sich in der umliegenden Pflanzen- und Tierwelt und leuchtet die Berge und den Himmel aus. Jeder, der von seinem Schlafzimmer aus eine Straßenleuchte sehen kann, weiß wie störend das für den Schlaf und damit für seine Gesundheit sein kann. Wichtig ist aber auch zu betonen, dass es heute in Chile viel strengere Regeln für die Beleuchtung von einigen Städten wie Antofagasta gibt, da die ungewollte Lichtausstrahlung negative Konsequenzen im 120 Kilometer entfernten Observatorium Cerro Paranal hat. Zuletzt möchte ich gerne noch betonen, dass um den menschlichen Zirkadianrhythmus nicht durcheinander zu bringen, Handys und Laptops nachts unbedingt auf Warmlicht umgeschaltet werden sollten. Geräte mit Bildschirmen werden mit Kaltlicht betrieben. Das ist sehr gut zum Arbeiten, aber ungeeignet zum Entspannen und Einschlafen.»

Die Fragen stellte Petra Wilken.

«Radiance Light Trends»-Website des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ lighttrends.lightpollutionmap.info

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