Lendenschurz oder Handy?

Der 9. August ist Tag der indigenen Völker: Die Vereinten Nationen wollen damit die vielen verschiedenen Ethnien der Welt feiern. Das Leben abseits der Moderne, gewollt oder ungewollt, ist für viele aber eine frustrierende Gratwanderung.

4148_p1_1

San José (dpa) – Klar kennt er das Großstadtleben, sagt der 15-jährige Sigonda Seth. Damit meint er das Nest Sablayan mit ein paar tausend Einwohnern, eine Autostunde von der Straße entfernt, die von seinem Dorf aus nur nach einstündigem Fußmarsch über einen Trampelpfad über den Berg zu erreichen ist. Da sei es schon schön, so sauber, weil die Straßen Asphalt hätten, und es sei viel los, Geschäfte und so. Leben will er da aber nicht, sagt er bestimmt. Sigonda gehört zum Volk der Mangyan. Er lebt mit seiner Familie in einer Bambushütte in Mayba, auf der philippinischen Insel Mindoro.
Mit dem Internationalen Tag der indigenen Völker (9. August) feiern die Vereinten Nationen die bunte Vielfalt der Menschheit und mahnen Regierungen, die Rechte aller Ureinwohner zu respektieren. Oft prallen aber traditionelle Werte und modernes Leben aufeinander. Wie in Mindoro auf den Philippinen. Dort ist es ein Nickel-Bergwerk, das die Mangyan zu schwierigen Entscheidungen zwingt.
Die Mangyan, einige zehntausend Menschen, leben in den Bergen. Viele sind Nomaden und ziehen je nach Jahreszeit und Pflanzzyklus um. Manche Clans lehnen Kontakt zur Außenwelt ab. Einige bauen Maniok, Süßkartoffeln und Bananen an und strecken die Fühler aus. Ein Handy, sagt Lonito Dassa, einer der Stammesälteren aus der Gegend bei einer Dorfversammlung in Mayba, das würde auch er schon mal gerne ausprobieren. Er hat die jungen Leute gesehen, die darauf Spiele machen, und Fotos. Empfang gibt es in Mayba nicht.
Eine Straße, sagt ein anderer, Simon Rubin, das wäre auch nicht schlecht. «Dann müssen die Kinder die Bananenstauden nicht ewig bis zur Straße schleppen. Sie machen sich dabei ja den Rücken kaputt.» Aber dann sind sich alle einig hier: «Wir sind bescheiden und zufrieden, eigentlich wollen wir so leben wie bisher.» Einer der Stammesältesten ist im Lendenschurz gekommen.
Sie haben alle von dem Nickel-Projekt gehört. Intex, eine norwegische Firma, will das Bergwerk bauen. Die Mangyan haben Angst. Bergwerke, da wird der Berg abgetragen, die Flüsse werden verseucht und am Ende ist das Land unbrauchbar, so haben sie es gehört. «Dieser Wald, das ist unser Leben», sagt Dassa und die anderen nicken. «Es ist die Schule für unsere Kinder, es ist unsere Apotheke. Wir müssen ihn für unsere Kinder und deren Kinder erhalten.»
Intex gibt sich als engagierter Partner. «Wir bieten umsonst Gesundheitsversorgung, wir haben Wasserleitungen installiert, 2.900 Familien bekommen jetzt sauberes Trinkwasser. Wir haben zwei Schulen gebaut, mit Inventar, wir haben Material gestiftet», sagt Joselito Bacani, Präsident der Intex-Niederlassung auf den Philippinen.
Rund 1.000 Mangyan hätten an Ausbildungskursen teilgenommen, Anbaumethoden, Umweltschutz, Buchhaltung etwa, Fischverarbeitung, Kompostieren, Pflanzenmedizin herstellen. Das Nickel-Projekt schaffe 8.000 Arbeitsplätze. «Aber haben wir da irgendeine Chance?» sagt Rubin. «Die meisten von uns können ja noch nicht einmal Auto fahren.»
Nach UN-Angaben sind etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung Angehörige indigener Völker, 370 Millionen Menschen in 90 Ländern, die 4.000 Sprachen sprechen. 70 Prozent leben in Asien. Als indigene Völker gelten Gruppen, die meist als Minderheit unter anderen Völkern in einer Region leben und eine eigene Sprache und Tradition haben.
Ein UN-Forum indigener Völker kümmert sich. Es verlangt etwa Maßnahmen zum Erhalt aussterbender Sprachen. Es ruft auf, Artefakte zurückzugeben, die Weltentdecker im 18. und 19. Jahrhundert als Kuriositäten für Museen in ihrer Heimat mitnahmen. Es bekräftigt, dass Projekte wie das Intex-Bergwerk nur mit der vorherigen Zustimmung der betroffenen indigenen Bevölkerung genehmigt werden.
Der Rat der Mangyan-Stämme (Paksakami) hat sich geschlossen gegen das Bergwerk ausgesprochen, wie der Vorsitzende Nestor Liboro sagt. «Dieses Land gehört Gott, wir sind nur die Statthalter, und wir müssen es der nächste Generation intakt übergeben.» «Wir verstehen nicht viel von Bergwerken, wir verlassen uns auf das, was Paksakami sagt», sagt ein Dorfvorsteher in der Ortschaft Banban, Artemio Enano.
Aber sein Kollege, Mario Daguhoy, sagt: «Ich war schon einmal auf einer Insel, da ist ein Bergwerk. Den Leuten geht es viel besser, die haben jetzt eine richtige Stadt, die Schule hat sogar zwei Etagen.» Bewunderung schwingt irgendwie mit. Aber trotzdem: Lieber nicht, finden die meisten auch hier bei einer Dorfversammlung.
«Unser Leben ist doch gut hier», sagt Lani Nala (31). Die Mutter von drei Kindern hat ihre Jüngste dabei, Joyjoy (3). «Ich hoffe meine Kinder bleiben hier im Dorf.» Dodoy Sabong (34) hat acht Kinder. Nach der Versammlung, als alle anderen weg sind, sagt er: «Wenn mein Ältester in einem Bergwerk arbeiten will – ich hätte nichts dagegen. Hier im Dorf – da kommt niemand auf einen grünen Zweig.»
Nestor räumt ein, dass es Spannungen gibt: «Manchmal prallen die Generationen aufeinander. Oft sind die Jüngeren eher für solche Projekte», sagt er. «Heutzutage sind junge Leute individualistischer. Sie geben den Älteren sogar Widerworte, sie kommen mit neuen Ideen und fragen: Wenn hier alles so bleibt, wie es ist, wo bekommen wir dann Handys her?» Einfache Antworten auf die Fragen gibt es nicht.
Die philippinische Regierung stärkt die Rechte der indigenen Völker. Sie bekommen inzwischen Landtitel für die Regionen, auf denen ihre Vorfahren seit Jahrtausenden leben. Der Prozess ist schwierig, die Grenzen sind unklar, um Regionen mit Bodenschätzen wird gestritten. Mehrere Mangyan-Stämme haben inzwischen Landtitel. Sie können jetzt offiziell mitbestimmen, was mit ihrem Land passiert.
Organisationen wie das Kinderhilfswerk Plan International arbeiten mit indigenen Völkern. So idyllisch, wie die Leute von Mayba sagen, sei die Situation nicht überall: «Es gibt wenig Bewusstsein für Kinderrechte», heißt es in einer Broschüre. Kinder würden zu Hause und in Schulen manchmal geschlagen. Schulen seien oft so weit weg, das Kinder nicht hinkämen. Eltern, die selbst ohne Bildung aufgewachsen seien, seien auf Feldern beschäftigt und hätten kaum Zeit, ihre Kinder zu fördern. Viele Kinder seien unterernährt.
Plan schickt Lehrer von Dorf zu Dorf, die an den Bedürfnissen der Kinder orientiert unterrichten. Es fördert Kinderbeiräte in den Dörfern, die zeigen sollen: Kinder brauchen Respekt. Sigonda ist in Mayba der Beiratssprecher.
Die großen Fragen, ob Dörfer Strom brauchen oder nicht, wie dafür bezahlt werden soll, ob junge Leute mehr Ausbildung brauchen, um in der Stadt Geld verdienen zu können, ob ein Nickel-Bergwerk gut oder schlecht ist – diese müssen die Mangyan selbst beantworten.
Marlon Cabre (18) spielt in Mayba leidenschaftlich Basketball mit seinen Freunden. Er träumt vom College, sagt er, aber was er damit dann machen könnte, da bleibt er ratlos. Ihn reizt die Stadt nicht. «Hier bin ich geboren, hier gehöre ich hin.»
«Reichtum, was ist das schon?» sagt der Stammesälteste Dassa. «Kein Land der Welt kann je so reich sein wie das Gebiet, auf dem unsere Vorfahren seit Jahrtausenden gelebt haben.»

Weltbevölkerung wächst schneller als angenommen

New York (dpa) – Die Menschheit wächst schneller als angenommen. Aus den derzeit 7,3 Milliarden Menschen werden schon in 15 Jahren 8,5 Milliarden, hieß es vom Weltbevölkerungsfonds der Vereinten Nationen in New York. Im Jahre 2050 sollen es dann 9,7 Milliarden sein – etwa 200 Millionen mehr als bislang geschätzt. Im Jahr 2100 könnten dann 11,2 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Forscher haben ihre Zahlen korrigiert, weil die Fruchtbarkeitsraten langsamer als erwartet sinken. Das stärkste Wachstum gibt es vor allem in den Regionen, die heute zur sogenannten Dritten Welt gehören. Einige Länder sollen 2100 fünfmal so viele Einwohner haben wie heute.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*