Kurzgeschichte: Bevor die Flocken fielen

Von Richard Wagner

«Die Kinder tanzten und sprangen im Reigen umher, einige hielten schon Schneebälle in den Händen und viele schrien etwas vom Schneemann bauen. Der Alte freute sich wie schon lange nicht mehr.» Foto: privat

Langsam und nachdenklich ging der Alte durch die Reihen kahler Bäume des spätherbstlichen Parkes und setzte sich schließlich auf eine stark bemooste Bank. Er tat es keineswegs weil er zu müde oder gar erschöpft gewesen wäre, was man aus seinem langsamen Gang und erst recht aus der Tatsache hätte schließen können, dass ihn doch nur wenige Schritte von seiner Wohnung trennten. Er tat es vielmehr weil er in Ruhe die Bäume betrachten wollte, deren letzte farbige Blätter heute früh, als er zum Arzt ging, zusammengekehrt und fortgebracht worden waren.

«Jetzt ist alles leer», sprach er leise vor sich hin, «leer, kalt und grau. Starr und tot ragen eure Äste zum düsteren Himmel hinauf, verzweifelt und einsam! Wie verwandt ihr mir doch seid!»

Der Arzt hatte ihn freilich gewarnt, solchen Stimmungen nachzugeben und erst recht sie wollüstig zu hegen und zu pflegen.

«Sagen Sie, Herr Dornbusch», hatte der Doktor gefragt, «trat dieses Leeregefühl eigentlich nach Ihrer Pensionierung auf?» «Keineswegs, Herr Doktor! Ganz im Gegenteil: Gerade damals überfiel mich so etwas wie ein schöpferischer Rausch. Schon in der Schule habe ich gerne Gedichte und Aufsätze geschrieben und nun war mir, als öffneten sich in meinem Inneren Schleusen, ja als sei ein Damm gebrochen und meine Enkel waren begeistert.» «Haben Sie sonstige Liebhabereien?». «Nun ja, Herr Doktor! Eben die Dichter und Schriftsteller und die großen Meister der Musik.» «Haben Sie in letzter Zeit eine Veränderung bemerkt?» «Das ist es ja gerade. So wie mir selber absolut nichts mehr einfällt, so langweilt mich jedes Buch, das ich in die Hand nehme und die beste Musik stört mich geradezu». «Sonderbar, sonderbar, Herr Oberstudiendirektor! Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Beruf bekommen?» «Das weiß ich noch ganz genau, Herr Doktor! Begeistert von unserer herrlichen Sprache, war Deutsch bei weitem stets mein Lieblingsfach in der Schule, und ich hatte ein ganz besonders vertrauensvolles, ja freundschaftliches Verhältnis zu unserem Deutschlehrer, der in der Oberstufe zugleich unser Klassenlehrer war. Auf seine Frage, was ich einmal werden wolle, sagte ich ganz offen: ‘Dichter und Schriftsteller!’ Und trug ihm mein Gedichtlein ‘Frühling’, das mir in der Nacht zuvor zuhause eingefallen war, begeistert vor:

Wer kommt da gesprungen,

sträut Blumen um sich,

ihm ist es gelungen,

bringt Leben und Licht,

vertreibt dunkle Tage

erfreut uns das Herz?

Nun rate und sage!

Der Frühling, der Lenz.

Ich sah sehr wohl, wie sich mein Lehrer das Lachen verbiss und sich große Mühe gab, ernst zu bleiben. Schliesslich sagte er zu mir: ‘Mein lieber Bruno! Du wirst Eduard Mörike gelesen haben, aber ich will ganz offen und ehrlich zu dir sprechen: Das Zeug zum Dichter hast du nicht. Mach dich bitte nicht unglücklich, verdirb dir nicht dein Leben! Du liebst die deutsche Sprache, so mache es doch wie ich, werde Germanist, werde Lehrer!’ Und das bin ich geworden, Herr Doktor, aber kein geschickter und geeigneter, kein begnadeter Pädagoge, ich bin darin nicht glücklich gewesen. Na ja, Herr Doktor, es ist vorüber!» «Lieber Freund», sagte der Neurologe sehr nachdenklich, «was halten Sie davon, einen Psychologen oder Psychoanalytiker oder Psychiater gelegentlich auch einmal aufzusuchen?» «Psychiater ginge ja vielleicht noch, lieber Herr Doktor, aber mit den andern beiden verschonen Sie mich bitte, ich traue ihnen nicht über den Weg.» «Sie müssen selbst entscheiden, Herr Oberstudiendirektor!» sagte der Arzt, indem er verstohlen auf seine Uhr sah und etwas beunruhigt an die vielen Kassenpatienten draußen im überfüllten Warteraum denken musste. Nach bestem Wissen und Gewissen stellte er dann das Rezept für Bruno Dornbusch aus.

Der Alte erhob sich von seiner Bank, überquerte die Strasse und betrat den ersten der vier Häuserblocks, die die eingezäunte Wohngemeinschaft bildete, in deren Mitte ein sehr schön angelegter Garten sich befand. Freilich war auch er jetzt völlig kahl. Dennoch spielten Kinder darin und immer mehr gesellten sich hinzu. Es wurde eine fröhliche Gruppe.

Der Alte schmunzelte und stieg in den dritten Stock hinauf. In seiner Wohnung war alles schlicht und einfach, aber ansprechend eingerichtet. Bruno Dornbusch ging durch das geräumige Wohnzimmer hindurch auf die Veranda hinaus, wo ihn von unten, vom Garten herauf das Lachen und Schreien der Kinder empfing. Es störte ihn nicht, wie so manche alte Leute, er hatte Freude daran, Freude am aufblühenden Leben. Lange lehnte er sich an die Brüstung und sah und hörte den Kleinen lächelnd zu. Aber allzulange konnte er nicht so verharren. Gerade als er sich umwendete um ins Haus zurückzugehen, brach unten ein Jubelgeschrei aus, das ihn sogleich zurückrief: Dicke Schneeflocken fielen dicht vom Himmel herab und hatten im Nu den Boden des Gartens bedeckt. Die Kinder tanzten und sprangen im Reigen umher, einige hielten schon Schneebälle in den Händen und viele schrien etwas vom Schneemann bauen. Der Alte freute sich wie schon lange nicht mehr. Dann aber hinkte er zu seinem Schreibtisch in die Wohnung. In Eile nahm er ein Blatt Papier und einen Bleistift zur Hand, verharrte einen Augenblick sinnend und begann dann zu schreiben. Er war so sehr darin vertieft, dass er nicht bemerkte, wie seine nun schon fast erwachsene Enkelin Lily ganz leise hereinkam, hinter ihn trat und ihm über die Schulter blickte. Lily las:

WINTER

Wenn die dichten Flocken fallen,

freut die alte Erde sich,

ruhen will sie nun und schlafen:

«Weicher Schnee, bedecke mich!»

Und die weiße Decke breitet

unterm Mondenlicht sich aus;

in der Stille nur noch eilet

ein verspätet` Has` nach Haus.

Unter ihrer warmen Decke

– silbern in des Mondes Schein –

fragt die neugierige Erde:

«Wie wird wohl der Frühling sein?»

«Erschrick nicht, Opa!», sagte Lily, «ich möchte dich etwas fragen.» «Ah, du bist es, mein Herzchen! Willkommen! Worum geht es denn?» «Hoffst und wartest auch du auf den Frühling, auf das andere Leben, so wie die alte, müde Erde in deinem Gedicht?» «Meine liebe Lily! Du hast nicht sorgfältig genug gelesen: meine Erde hat bloß gefragt, nur das allein. Wir beide aber wollen heute auch das Fragen vergessen. Ich mache dir einen Vorschlag: Wir gehen in den Garten hinunter und bauen miteinander einen Schneemann!» «Großartig, Opa! Aber wirst du das können?» «Mit dir, meine Lily, kann ich alles!» Dann sprangen die beiden die Treppen hinab in den schon dicht beschneiten Garten hinein.

War das derselbe Alte, der vor Kurzem müde durch den Park gekommen war?

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