Klangkörper für die Ewigkeit

4168-4169_p16-17_1
Die Pummerin im Wiener Stephansdom erklingt nur zu besonderen Anlässen.

Als 1683 die Türken nach ihrer zweiten Belagerung Wiens geschlagen waren und Hals über Kopf die Flucht ergriffen, ließen sie in der Eile wertvolles Kriegsmaterial zurück: Munition, Lebensmittel, Güter, Tiere und schwere Geschütze. Etliche Kanonen waren auf dem Schlachtfeld liegen geblieben. Sie wurden zunächst beschlagnahmt und verwahrt. Knapp 30 Jahre später fanden sie eine neue Verwendung.

Von Walter Krumbach

Johann Achamer erhielt 1710 von Kaiser Joseph I. den Auftrag, eine Glocke für den Stephansdom herzustellen. Die türkischen Kanonen kamen als Rohmaterial wie gerufen. Im Juli 1711 erfolgte der Guss. Sie wog mit Klöppel, Joch und Armaturen über 22.500 kg.
Infolge ihrer Größe (Durchmesser: 320 cm, Höhe 295 cm) war der Transport von der Gießerei zum Dom keine leichte Aufgabe. Ein eigens für die Überführung gebauter Wagen wurde von 200 Männern an zwei mächtigen Seilen gezogen. Die Glockenfahrt dauerte vom 29. Oktober bis zum 15. Dezember. Tags darauf begannen die Freiwilligen, die Glocke in den Albertinischen Turm hinaufzuziehen.
Am 27. Januar 1712 war es soweit. Sie konnte zum festlichen Gottesdienst geläutet werden, bei dem die Rückkehr Kaiser Karls VI. nach seiner Krönung als Römisch-Deutscher Kaiser gefeiert wurde. Auch dieses Verfahren war alles andere als unproblematisch: 16 Männer zogen synchron am Glockenstrang, brachten langsam die mächtige Apparatur in Bewegung, bis endlich – nach einer Viertelstunde – der Klöppel zum ersten Mal anschlug.
Ihr Klang in der tiefen Tonlage H ließ die Wiener aufhorchen. Schon nach kurzer Zeit erkannten sie ihn sogleich, wenn sie läutete, weshalb sie ihr einen Namen gaben, der sich bis heute erhalten hat: die Pummerin.
Dombaumeister Friedrich von Schmidt machte sich 1875 Sorgen um das Gewicht der Glocke, obwohl sie über 160 Jahre keinen Schaden verursacht hatte. Normalerweise ruhte sie auf zwei Eichenbalken, von denen sie vor dem Läuten losgeschraubt werden musste. Von Schmidt fürchtete, der schlanke Südturm könnte den Schaukelbewegungen nicht standhalten und verbot kurzerhand, sie zu läuten. Man fand eine Kompromisslösung, indem nunmehr der Klöppel angeschlagen wurde, ohne die Glocke zum Schwingen zu bringen.
Glocken haben eine lange Lebensdauer, besonders, wenn sie gut gefertigt wurden. Die alte Pummerin könnte heute noch in Betrieb sein, wäre sie nicht dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. 1945 tobten in Wien die Kämpfe zwischen der Roten Armee und der Wehrmacht. Am 11. April fing der Stephansdom Feuer. Der Glockenstuhl geriet in Brand, die Flammen fraßen sich durch den Untersatz, am 12. April um 14.30 Uhr stürzte die Pummerin herunter und zerbrach.
Im Jahr 1951 spendete das Bundesland Oberösterreich eine neue Glocke. Aus den Resten der Pummerin und zwei weiteren, ebenfalls aus dem Stephansdom abgestürzten Glocken goss Werkmeister Karl Geiß mit Gussmeister Edmund Karl eine neue Pummerin. Die Legierung besteht aus 80,6 Prozent Kupfer sowie 18,4 Prozent Zinn und einem Prozent anderer Metalle.
Am Nachmittag des 26. April traf sie unter dem Jubel einer auf sie wartenden Menschenmenge am Stephansdom ein. Schon am Tag darauf wurde sie zum ersten Mal während des Festgottesdienstes zur Eröffnung des wiederhergestellten Chores geläutet. Die neue Pummerin wurde im Nordturm aufgehängt, womit die statischen Probleme verhindert wurden, die ihre Vorgängerin am alten Platz verursacht hatte.
Sie wiegt mit Klöppel und Zusatzmaterial über 21 Tonnen. Bei Vollschwung schlägt sie 34-mal in der Minute an, mit einem Nachhall von drei Minuten und zehn Sekunden. Die Pummerin wird lediglich zu besonderen Anlässen eingesetzt, so etwa am Heiligen Abend nach der ersten Vesper und zu Beginn der Christmette, am Karsamstag zum Ostergloria, am Pfingstsonntag nach dem Hochamt und zu Silvester.
Seit 2003 besitzt sie ein elektronisches Läutwerk, welches mittels zwei Antriebsmotoren ermöglicht, sie gleichmäßiger einzuschaukeln. Ebenso ist es derzeitig machbar, den ersten Schlag genau einzukalkulieren. Das ist besonders in der Neujahrsnacht wichtig: so erfolgt er um Mitternacht auf die Sekunde genau, um Punkt 12.
Der einzigartige Klang dieser Glocke, auch «die Stimme Österreichs» genannt, ist somit selten in Natur zu hören. Beim Internetdienst YouTube findet man verschiedene Aufnahmen von ihr (siehe Kasten). Besonders empfehlenswert ist jedoch eine DVD des Mitschnitts von Mozarts Requiem am 200. Todestag des Komponisten, dem 5. Dezember 1991 (Dirigent: Georg Solti). Zum Ausklang des Konzerts läutet die Pummerin etliche Minuten und wird sogar in Großaufnahme gezeigt.

Die Pretiosa des Kölner Doms im Einsatz.
Die Pretiosa des Kölner Doms im Einsatz.

Ebenso klangschön läutet die Pretiosa (pretiosus = kostbar) im Kölner Dom. Sie ist mit ihren 10,5 Tonnen Gewicht wesentlich kleiner als die Pummerin. Christian Cloit und Heinrich Brodermann gossen sie 1448. Die Herstellung war problematisch. Erst beim vierten Versuch glückte den Gießern ihr Werk. Sie hängten sie im noch unvollständigen Südturm auf. Damals war sie die größte Glocke im christlichen Abendland. Sie trägt traditionsgemäß eine längere Inschrift, an der ein, man möchte meinen fast meinen, humoristischer Satz auffällt: «Dum sono tristatur demon xps veneratur», auf Deutsch: «Der Teufel wird betrübt, wenn ich erklinge, aber Christus verehrt.»
Seit über 500 Jahren ruft die Pretiosa die Gläubigen zur Messe und stellt somit ein eindringliches Beispiel hörbarer Kirchengeschichte dar.

Die Größte
Ein Kuriosum ist die Zarenglocke, die im Moskauer Kreml ausgestellt wird. Vermutlich ist sie die größte Glocke, die jemals hergestellt wurde. Sie hat nie geläutet. Sie ist 6,14 Meter hoch, hat an der Schärfe einen Durchmesser von 6,60 Metern und wiegt mehr als 200 Tonnen.
Im Jahr 1730 ordnete die Zarin Anna Ioannowna die Fertigung des rekordverdächtigen Werks an. Die Vorbereitungen des beauftragten Gießers Iwan Motorin zogen sich über Jahre hin. Er musste allein eine Gießgrube von zehn Metern Tiefe ausheben, um an sein Vorhaben gehen zu können. Im November 1734 erfolgte endlich der Guss. Über 100 Tonnen Metall mussten geschmolzen werden. Die Öfen überhitzten sich, einige schlugen leck und das flüssige Metall lief aus. Motorin musste somit sein Vorhaben einstellen. Freilich gab er es nicht auf – es war ja von höchster Stelle angeordnet worden – und begann umgehend mit der Planung eines zweiten Versuchs.

Die Zarenglocke im Kreml ist nie erklungen.
Die Zarenglocke im Kreml ist nie erklungen.

Im August 1735 verstarb Iwan Motorin unerwartet. Daraufhin übernahm sein Sohn Michail die Arbeiten. Im November des gleichen Jahres konnte er die Glocke erfolgreich einschmelzen. Fjodor Medwedew übernahm nun die Ornamentierungsarbeiten, welche bis 1737 andauerten.
Im Mai jenes Jahres brach im Kreml ein Brand aus, der auch die hölzernen Gerüste erfasste, die erbaut worden waren, um die Glocke aus der Grube zu heben. Sie fielen nieder und erhitzten das Metall. Während der folgenden Löscharbeiten fielen große Mengen kaltes Wasser auf die glühend heiße Glocke. Sie zersprang infolge des extremen Temperaturunterschieds, ein 11,5 Tonnen schwerer Brocken spaltete sich ab.
Fachleute untersuchten nun die Beschädigung und unterbreiteten verschiedene Vorschläge zur Reparation. Diese erwiesen sich als unbezahlbar, weshalb keiner angenommen wurde und die Zarenglocke jahrzehntelang in ihrer Grube festsaß.
Nachdem 1812 Napoleon Bonaparte Moskau erobert hatte, war er von der Glocke derartig beeindruckt, dass er sie als Trophäe nach Frankreich mitnehmen wollte. Er musste das Projekt jedoch aufgrund des Gewichts des Riesengebildes und den damit verbundenen Durchführungsproblemen aufgeben.
Erst 1836 unternahm der französische Architekt Auguste de Montferrand den Versuch, mithilfe einer umständlichen Hebelanlage die Zarenglocke aus der Vertiefung herauszuheben. Hunderte von Arbeitern und Soldaten mussten an zahlreichen Seilen ziehen. Es stellte sich dabei heraus, dass die Apparatur viel zu instabil für die schwere Last war, weshalb das Vorhaben eingestellt werden musste. Nachdem einige Korrekturen vorgenommen wurde, konnte sie tatsächlich angehoben, auf einen speziell gebauten Wagen gelegt und zu einem Sockel transportiert werden, auf dem sie bis heute zu sehen ist.

Glockenspiele
Eine Glocke ist ein selbsttönendes Signalinstrument, welches in einer vorbestimmten Tonhöhe erklingt. So ist es möglich, sie gruppenweise einzusetzen, um Melodienfolgen erschallen zu lassen. Diese Gruppen nennen sich Glockenspiel oder Carillon und können sowohl manuell von einem Spieler als auch mechanisch, etwa über eine Walze oder von einer elektronischen Anlage gespielt werden.
In Santiago erfreute sich seinerzeit der Carillon der Merced-Kirche großer Beliebtheit. Der Tango-Texter Alfredo Le Pera war während eines Chilebesuchs über dieses Glockenspiel derart fasziniert, dass er prompt ein Gedicht mit dem Titel «El carillón de la Merced» schrieb, welches der berühmte Komponist Enrique Santos Discepolo vertonte.

Die Merced-Kirche in Santiago – einst war ihr Glockenspiel berühmt
Die Merced-Kirche in Santiago – einst war ihr Glockenspiel berühmt.

Glocken werden bekanntlich nicht nur in Kirchen verwendet. Auch Schulen, Rathäuser oder Uhrtürme sind mit diesen Klangkörpern ausgerüstet. Weltberühmt ist der Big Ben, die 13,5 Tonnen schwere Glocke im Turm des Londoner Westminster-Palastes, dem britischen Parlamentsgebäude. Sie bildet zusammen mit vier weiteren, kleineren Glocken einen Carillon, der viertelstündlich erklingt. Der Rundfunksender BBC beginnt täglich seine 18-Uhr-Nachrichtensendung mit der live-Übertragung dieses Geläutes. Die Melodie dazu ist der mittlerweile überaus populäre sogenannte Westminster-Schlag, der aufgrund seiner Beliebtheit seit Jahrzehnten in das Werk von Wanduhren eingebaut wird.

Brauchtum
Glocken sind nicht nur Signalgeber. Im Laufe der Jahrhunderte übten sie diverse Funktionen aus. Durandus schrieb im 14. Jahrhundert, Kirchenglockenläuten sollte böse Geister verscheuchen. Kinder wurden damals mit Glöckchen geschmückt, um Dämonen zu vertreiben und den bösen Blick abzuwehren.
Unter Christen gibt Glockengeläut das Signal zum Gebet. Sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche werden sie zu bestimmten Tageszeiten geläutet. Das Angelusläuten der katholischen Kirche etwa wird morgens, mittags und abends bewerkstelligt. In der evangelischen Kirche ist das Betläuten gebräuchlich. Die Betglocke wird dabei geläutet oder durch einen Hammer angeschlagen. Eine Möglichkeit hierbei sind sieben Schläge für die sieben Bitten des Vaterunsers.
Allgemein bekannt ist der Brauch, zu Beginn des Gottesdienstes vorzuläuten. Bei Beerdigungen kann ein Gedächtnisläuten erfolgen. Zum Einsatz kommt hierbei in der Regel die Totenglocke. Es ist die größte in der Kirche, die den tiefsten Ton hat. Sie wird für einige Minuten angeschlagen, während der Sarg zum Friedhof getragen wird.
Zu bestimmten Anlässen erklingen verschiedene Glocken gemeinsam, das heißt, sie spielen nicht etwa eine Melodie, wie es bei dem Carillon der Fall ist, sondern wechseln sich in anscheinend ungezwungener Reihenfolge ab und können dabei auch gleichzeitig erklingen. Sie sind dafür von Musikexperten und Technikern auf ihre Tonhöhe, sowie ihre Schaukelfrequenz und damit der Häufigkeit ihres Anschlags abgestimmt worden, sodass die gesamte Glockengruppe harmonisch erschallt.
Der dabei entstehende Effekt ist von berückender Schönheit, wie es zum Beispiel in den Domen beim Weihnachtsläuten der Fall ist. Der Fachmann nennt dieses gemeinsame Ertönen Glockenkonzert. Es beginnt mit der kleinsten Glocke solo. Darauf setzen einzeln oder in Gruppen von der Tonhöhe her absteigend die anderen Klangkörper ein, bis schließlich alle Glocken im sogenannten Plenum läuten.

Glocken als Mahnmal: In der Lübecker Marienkirche stürzten diese Glocken während des Brandes nach dem Luftangriff vom 28. März 1942 in die Tiefe.
Glocken als Mahnmal: In der Lübecker Marienkirche stürzten diese Glocken während des Brandes nach dem Luftangriff vom 28. März 1942 in die Tiefe.

Glocken sind Instrumente, die, wenn sie fachmännisch gewartet werden, durch die Jahrhunderte hindurch ihre Funktion in unverminderter Qualität ausüben können. In der Tat läuten heute etliche von den europäischen Kirchtürmen herab, die bereits vor der Entdeckung Amerikas ihren Dienst aufgenommen haben. So zum Beispiel die bereits erwähnte Pretiosa im Kölner Dom. Hätte Christoph Kolumbus vor seiner ersten Amerika-Fahrt Köln besucht – was nicht der Fall ist – so hätte er sie hören können. Dass sie heute noch mit ihrem Schall Kirchgänger und Passanten erfreut und bewegt, ist ein beredtes Zeugnis dafür, dass Glocken Klangkörper für die Ewigkeit sind.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*