Im Namen von Recht und Ordnung

Von den kolonialen Nachtwächtern bis zur modernen Spezialeinheit: Im Museum Carabineros de Chile wird die historische Entwicklung der chilenischen Polizei dargestellt. Ein Besuch lohnt sich!

Die Polizei, dein Freund und Helfer: Heute verrichten 50.000 Carabineros ihren Dienst von Arica bis Puerto Williams.
Die Polizei, dein Freund und Helfer: Heute verrichten 50.000 Carabineros ihren Dienst von Arica bis Puerto Williams.

Von Arne Dettmann

Nicht die Politiker und nicht die Richter, nicht die Krankenkassen und auch nicht das Heer, ja nicht einmal die katholische Kirche: Nein, wenn die Chilenen nach der Institution befragt werden, die sie am glaubwürdigsten halten und der sie am meisten vertrauen, dann nennen die Bürger in Umfragen stets an erster Stelle die Carabineros de Chile.
Die Polizei, dein Freund und Helfer: Mehr als 50.000 Polizisten sind von Arica bis Punta Arenas im Einsatz und sorgen für Recht und Ordnung, so gut es eben geht. In diesem Jahr feierte die Institution bereits ihr 88. Jubiläum, denn ihre Gründung datiert auf den 27. April 1927. Doch die Wurzeln reichen historisch viel weiter zurück. Von dem Augenblick an, als die spanischen Konquistadoren sich erstmals auf diese Seite der Anden wagten und hier niederließen, gab es schon so etwas wie eine Polizei.
Kein Geringerer als Pedro de Valdivia setzte seinen Hauptmann Juan Gómez de Almagro am 7. März 1541 zum Alguacil Mayor ein. Die Bezeichnung bedeutet auf Deutsch so viel wie Oberster Gerichtsvollzieher und beinhaltete die Durchsetzung der königlichen Justiz in der Hauptstadt Santiago, die im gleichen Jahr vom Militärführer gegründet wurde.

Der Alguacil Mayor wurde erstmals 1541 von Pedro de Valdivia eingesetzt.
Der Alguacil Mayor wurde erstmals 1541 von Pedro de Valdivia eingesetzt.

Und dieser erste koloniale Polizist nahm seine Aufgabe offenbar sehr ernst und machte sie gründlich: Juan Gómez de Almagro deckte ein Mordkomplott gegen seinen Chef auf und ließ die Drahtzieher sogleich verhaften. Einen Polizeiknüppel führte der Alguacil Mayor allerdings noch nicht mit sich herum, wohl aber einen 60 Zentimeter langen «Stab der Justiz», dessen Spitze ein kirchliches Kreuz zierte.

Räuber und Gendarm
Doch mit dem christlichen Frieden war es in der neuen Kolonie nicht weit her. Die ersten Siedler mussten sich selbst gegen Raubüberfälle und Mordanschläge schützen, der Stadtrat ließ die nächtlichen Wachpatrouillen verdoppeln.
Nach Vorbild der Santa Hermandad, einer zentral geführten Polizei- und Militärorganisation in Kastilien, sollten ab 1587 bewaffnete Laienbruderschaften mit dem Namen Alcaldes de la Hermandad vor allem in den ländlichen Gebieten gegen üble Zeitgenossen und Straftäter vorgehen. Ein kleiner Exkurs am Rande: In Spanien wurden alle Truppen der Hermandades 1835 aufgelöst. An ihre Stelle trat 1844 die paramilitärisch ausgerichtete Polizeieinheit Guardia Civil.
In Chile führte 1758 ein Gefängnisaufstand in Santiago zur Gründung der Compañía de Dragones de la Reina, die erste uniformierte Polizeitruppe mit 50 Mann Stärke, um für öffentliche Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Die «Drachen der Königin» hatten bis 1811 Bestand.
Neu ab 1780 waren auch die im Volk als Serenos bezeichneten Aufseher, die nachts durch die Straßen gingen und mit lauter Stimme die Uhrzeit sowie das Wetter ansagten. Der Unabhängigkeitskämpfer General Bernardo O´Higgins ordnete 1822 eine finanzielle Absicherung für die 85 Nachtwächter an, die mit zwei Pistolen, einer Hellebarde und einem Säbel ausgerüstet waren. Ihren Spitznamen Serenos – also auf Deutsch heiter und froh – verdankten sie laut Überlieferung dem Umstand, dass die Gründung dieser Polizeieinheit im Monat September erfolgte: Dann herrscht praktisch immer gutes Wetter.

Die Serenos kontrollierten ab 1780 als Nachtwächter die Straßen.
Die Serenos kontrollierten ab 1780 als Nachtwächter die Straßen.

Eine starke Umstrukturierung erfuhr die chilenische Polizei unter dem konservativen Innenminister Diego Portales, dem das Land seine präsidiale und zentralistische Verfassung verdankt. Per Dekret schuf Portales 1830 den Cuerpo de Vigilantes de Policía, eine Organisation bestehend aus 90 Männern zu Fuß und zu Pferd, die in ihrer weißen Uniform schon von Weitem aus gut sichtbar sein sollten. Per Trillerpfeife konnten sie sich gegenseitig um Beistand rufen und sogar die Zivilcourage der Bürger mit dem Spruch «favor a la ley» einfordern. Wer sich dieser polizeilichen Anordnung widersetzte, musste mit schweren Strafen rechnen.
Umgekehrt zögerte die Polizei aber auch nicht, wenn es außerhalb des nationalen Territoriums um die Verteidigung der Heimat ging. Als Chile 1879 in den Salpeterkrieg gegen Peru und Bolivien eintrat, nahmen die Guardias Municipales von Santiago und Valparaíso als eigenständige Bataillone Bulnes und Valparaíso an verschiedenen Schlachten teil.

Von 1758 bis 1811 sorgten die Dragones de La Reina für die öffentliche Sicherheit.
Von 1758 bis 1811 sorgten die Dragones de La Reina für die öffentliche Sicherheit.

Banditen im wilden Araukanien
Doch auch im Landesinneren mussten die Ordnungshüter an die Front: Banditen, Wegelagerer und Outlaws machten das Gebiet der Provinzen Arauco, Malleco, Cautín, Valdivia und Llanquihue unsicher. In den traditionellen Einwanderungszonen deutscher und anderer Kolonisten sollte ab 1896 das Cuerpo de Gendarmes de la Colonias mit Hauptsitz in Temuco den Straftätern das Handwerk legen.
Der erste Chef dieser Einheit war Heereshauptmann Hernán Trizano Avezzana, ein Veteran aus dem Salpeterkrieg, der mit seinen 150 Gendarmen gegen die Schurken zu Felde rücken musste. Keine leichte Aufgabe, denn die gesetzlosen Straßenräuber waren nicht nur gut ausgerüstet, sondern kannten sich in dem unwirtlichen Gebiet bestens aus.

Gegen Banditen in der Araucanía zogen die Gendarmes de las Colonias zu Felde.
Gegen Banditen in der Araucanía zogen die Gendarmes de las Colonias zu Felde.

Nicht mehr ganz so wild wie in Araukanien sollte es in der Hauptstadt zugehen. Hier legten die Ordnungshüter ihre militärische Ausrichtung nach und nach ab und übernahmen mit der Zeit rein polizeiliche Funktionen. Die neue Einheit Policía de Seguridad de Santiago wurde 1889 ins Leben gerufen, war gegliedert in eine Präfektur mit acht Kommissariaten und verfügte nun auch schon über ein Telefonnetz. Die Apparate waren in Eisenkästen an den Häuserwänden angebracht. Ein solches Unikat kann im Museum ebenfalls besichtigt werden.
Diese technische Innovation nach britisch-amerikanischem Vorbild machte die Arbeit zwar effizienter. Doch die finanzielle Lage der Polizei blieb weiterhin prekär, so dass 1896 der Fiskus den einzelnen Gemeinden die Oberaufsicht über die Polizeieinheiten entzog und sie dem Innenministerium unterstellte.

Die Policía de Seguridad de Santiago verfügte ab 1889 über ein Telefonnetz.
Die Policía de Seguridad de Santiago verfügte ab 1889 über ein Telefonnetz.

Doch auch diesen neuen Policías Fiscales fehlte letztendlich eine klare Aufgaben- und Kompetenzenregelung. Denn parallel dazu existierte eine Reihe weiterer Einheiten, die sich gewiss hin und wieder ins Gehege kamen: das Regimiento de Gendarmes (1902), das Regimiento de Carabineros (1906) und der Cuerpo de Carabineros (1907) des Heeres mit dessen Escuela de Carabineros (1908). Sie alle übten Polizeiaufgaben aus. Eine Fusion lag daher nahe.

Geburtsstunde der Carabineros
So geschehen am 27. April 1927 unter dem Vizepräsidenten des Landes, Oberst Carlos Ibáñez del Campo, der die Carabineros de Chile ins Leben rief. Der Name leitet sich übrigens vom kurzläufigen Gewehr Karabiner ab, das insbesondere bei der Kavallerie (Streitkräfte zu Pferd) verwendet wurde. Als Carabinieri wird beispielsweise auch noch heute die Gendarmerie Italiens bezeichnet.
Die neue Institution verfügte sogar über ihre eigene Hymne, die sich mit ihren sechs Strophen dem Thema «Ordnung und Vaterland» widmet. Im Jahr 1929 kam per Gesetzesbeschluss das eigene Polizeiorchester hinzu. Erster Direktor des Orfeón de Carabineros de Chile war der Deutsche Max Steyer Krauth, der dem Ensemble seinen musikalischen Stempel ganz im Takt militärischer Marschmusik aufdrückte. Bereits eine

General Carlos Ibáñez del Campo rief am 27. April 1927 die Carabineros de Chile ins Leben. Zweimal war er Präsident der Republik: von 1927 bis 1931 sowie zwischen 1952 und 1958.
General Carlos Ibáñez del Campo rief am 27. April 1927 die Carabineros de Chile ins Leben. Zweimal war er Präsident der Republik: von 1927 bis 1931 sowie zwischen 1952 und 1958.

Vorgängerinstitution, dem Orfeón Santiago, hatte mit Federico Stöber ab 1911 unter der Leitung eines deutschen Musikers gestanden.
Wer heute bewundern live will, wie die Uniformen der ersten Carabineros im Jahr 1927 aussahen, der geht zum chilenischen Regierungspalast La Moneda. Präsident Arturo Alessandri Palama verfügte 1932, dass die Bewachung des Gebäudes und die präsidiale Eskorte in den Händen der Polizei liegen sollten. Der Wachwechsel ist bis in die Gegenwart vor allem für Touristen eine sehenswerte Zeremonie. Und seit 2004 trägt diese Guardia de Palacio auch wieder die Uniformen von anno dazumal, um sich aufgrund dieser besonderen Aufgabe von den üblichen Polizeieinheiten abzuheben.

Die Guardia de Palacio bewacht den Regierungspalast La Moneda.
Die Guardia de Palacio bewacht den Regierungspalast La Moneda.

Keine Gräueltaten
Wer das Museum der Carabineros de Chile mit seinen Kindern besuchen will, braucht keine Angst zu haben, die schaurigen Schattenseiten der Polizeigeschichte zu sehen bekommen. Zeugnisse von Mord und Totschlag werden nicht präsentiert. Die 2009 renovierte und modernisierte Einrichtung widmet sich ausschließlich dem angenehmeren Teil, wobei neben Uniformen, Bildern und Dokumenten auch Waffen und Ausrüstungen gezeigt werden. Zum Beispiel eine Krupp-Kanone von 1879-1881, eine preußische Pickelhaube – der deutsche Einfluss beschränkte sich damals nicht nur auf das chilenische Militär – sowie Olympia-Ausweise chilenischer Polizisten, die 1936 in Berlin und 1952 in Helsinki an den internationalen Sportwettkämpfen teilnahmen.
Das Museum beinhaltet aber auch die jüngsten Meilensteine der Polizeigeschichte: Ab 1962 durften auch Frauen ihren Dienst bei den Carabineros de Chile tun – damals ein Novum in Lateinamerika. Im Jahr 1998 wurde Mireya Pérez Videla gar der erste weibliche General bei der Polizei.

Das Museum der Carabineros de Chile stellt nicht nur exzellent die historische Entwicklung der Polizei dar, sonder ist mit seinen tollen Ausstellungsstücken und getreuen Darstellungen auch für Kinder geeignet.
Das Museum der Carabineros de Chile stellt nicht nur exzellent die historische Entwicklung der Polizei dar, sonder ist mit seinen tollen Ausstellungsstücken und getreuen Darstellungen auch für Kinder geeignet.

Dagegen löste der beherzte Einsatz von Hernán Merino Correa 1965 eine landesweite Trauer aus: Bei einem Zwischenfall mit der argentinischen Gendarmerie an der Grenze in der Region Aysén starb der junge Carabinero an einer Schussverletzung. Tausende Chilenen sowie der damalige Präsident Eduardo Frei Montalva erwiesen dem mutigen Polizisten bei seiner Beerdigung in Santiago die letzte Ehre. Merino war seinem unbewaffneten Vorgesetzten bei dem Scharmützel zur Hilfe geeilt. Er starb im Namen von Recht und Ordnung.

Info: Museo Histórico de Carabineros de Chile, Antonio Varas 1690 (Ecke Vasconia), Providencia. Telefon: 02-29 22 15 64. Internet: www.museocarabineros.cl. Öffnungszeiten: montags bis donnerstags, von 9.30 bis 17.30 Uhr, freitags bis 16.30 Uhr, samstags bis 13.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Eine Besichtigung mit Führung wird nach Anmeldung möglich.

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