Im Einsatz für einen Gotteslohn

Arbeiten ohne dafür Geld zu bekommen? Wer macht denn so etwas schon? Doch es gibt sie noch, solche Freiwilligen, die sich uneigennützig in Vereinen und sozialen Institutionen engagieren.

Stell dir vor, es brennt und keiner hilft. Unter der Rufnummer für die Feuerwehr meldet sich einfach niemand, um das Feuer zu löschen und ein Kind zu retten. Was nun?

Es gilt als selbstverständlich, dass in solchen Notfällen jemand zur Hilfe eilt. Der Staat hat schließlich Sorge zu tragen um seine Bürger. Und er tut dies in Deutschland mit rund 7.000 hauptberuflichen Feuerwehrmännern, die in 102 Berufsfeuerwehren organisiert sind. Doch bei einem 82-Millionen-Volk, soviel ist schnell klar, würde diese Anzahl niemals ausreichen, tatsächlich effektiv bei Unfällen und Katastrophen an Ort und Stelle zu sein. Nur Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern sind dazu verpflichtet, eine Berufsfeuerwehr zu unterhalten. Kleine Städte oder Gemeinden könnten sich einen solch kostspieligen Dienst aber gar nicht leisten – gäbe es da nicht die Freiwilligen Feuerwehren.

Bundesweit existieren 24.000 von ihnen, denen wiederum insgesamt über eine Million Mitglieder angehören. Dank ihres schnellen Einsatzes zur Tages- und Nachtzeit, auch an Wochenenden und Feiertagen, kann praktisch jeder Bürger bei einem Notruf mit Hilfe rechnen – und zwar maximal in bis zu zehn Minuten.

Nahezu 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland werden von Freiwilligen Feuerwehren ohne Berufsfeuerwehr beschützt und betreut. Selbst für die Stadtbewohner von größeren Metropolen wie Berlin, Hamburg, München und Köln reicht die Kapazität der dort ansäßigen Berufsfeuerwehren nicht aus. Besonders in den Randgebieten dieser Großstädte sind die Freiwilligen meistens schneller an der Einsatzstelle.

Aber nicht nur die Freiwillige Feuerwehr ist auf das Engagement von Ehrenamtlichen angewiesen. Auch Sportvereine, Katastrophenschutz, Parteien, Kirchen oder etwa das Rote Kreuz können nur durch unentgeltliche Helfer weiter bestehen. Wie steht es also um die Hilfsbereitschaft deutscher Bürger?

 

Kluft zwischen Bereitschaft und Wirklichkeit

Die Bundesregierung lässt alle fünf Jahre ein Gutachten erstellen, das Umfang und Ausprägung des bürgerschaftlichen Engagements misst. Das letzte sogenannte Freiwilligensurvey aus dem Jahr 2009 belegte, dass rund 36 Prozent der Einwohner Deutschlands über 14 Jahren ehrenamtlich aktiv waren.

Ein Wandel ist jedoch im Alter der Freiwilligen zu bemerken. So ist das Engagement von Älteren zwischen 1999 und 2009 stark angestiegen, wohingegen es bei den Jugendlichen von 37 auf 35 Prozent herabsank.

Ein Grund dafür mag im demographischen Wandel liegen, sprich die Überalterung der deutschen Gesellschaft. Aber auch Ganztagsschulen, die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit und die Umstellung auf das Bachelor- sowie Masterstudium haben zur Folge, dass Jugendliche und junge Erwachsene weniger Zeit haben als frühere Generationen, sich einer freiwilligen Tätigkeit zu widmen.

Konträr zu diesem negativen Trend ist die Bereitschaft, sich stärker ehrenamtlich zu betätigen, im Laufe von zehn Jahren um zehn Prozent gestiegen. Demnach finden Jugendliche offensichtlich weniger Möglichkeiten, aktiv zu werden. Oder tut sich hier vielmehr eine Kluft zwischen eigenem Anspruch und tatsächlichem Handeln auf? Denn mit dem Bundesfreiwilligendienst oder dem Freiwilligen Sozialem Jahr gäbe es durchaus für hilfsbereite Jugendliche eine Alternative.

Doch aus Arbeitgeber scheinen nicht immer dem Ehrenamt die benötigte Wertschätzung entgegen zu bringen. Beispiel Feuerwehr: Welcher Personalchef sieht es schon gern, wenn sein Mitarbeiter während der Arbeitszeit zu einem Brand eilt?

 

Die Schande der Verweigerung

Schon 500 v. Chr. galt es unter kultivierten Bürgern Griechenlands zum guten Ton, sich für das Wohl der Allgemeinheit zu engagieren und in Zusammenkünften über kommunale Angelegenheiten zu diskutieren. Wer an solchen Sitzungen mit Abwesenheit «glänzte» oder sich den Belangen der Gemeinde verweigerte, war ein idiótes, also ein Privatmensch. Und das galt als Schande.

Ursprung ehrenamtlicher Arbeit, wenn man so will, ist die Bibel. Denn wenn christliche Nächstenliebe der Schlüssel zu einem sinnerfüllten Leben ist, dann sollte eine freiwillige Tätigkeit zum Nutzen im wahrsten Sinne des Wortes eine «ehrenvolle» Aufgabe sein. Tatsächlich war es im Mittelalter nur Adligen oder angesehenen Bürgern vorbehalten, ein Ehrenamt zu bekleiden, um dessen Ehre damit noch zu erhöhen.

Nach der Reformation wuchs mit der kommunalen Selbstverwaltung auch die Bedeutung des Ehrenamtes. Bürger wurden zur Übernahme öffentlicher Stadtämter – wo sie sozia- karitative Aufgaben regelten – verpflichtend eingeteilt. In diesem Posten entlohnte sie lediglich die Ehre.

Mit der Entstehung des Bürgertums lösten Produktivität und Profit das Ideal der Uneigennützigkeit immer weiter ab. Zur guten Sitte gehörte nicht mehr die Armenhilfe. Nun wurden Menschenn anhand ihres finanziellen Erfolges beurteilt. Während des Nationalsozialimus war das Ehrenamt dann zum «Wohle des Volksganzen» zwangsverordnet. Heutzutage versteht man unter Ehrenamt eine freiwillige, gemeinwohlorientierte, unentgeltliche Tätigkeit.

Auch wenn die Aufwandsentschädiungen zwar meist nur gering ausfallen, werden ehrenamtliche Tätigkeiten in Deutschland meist über längere Zeiträume betrieben, in manchen Fällen sogar zur Lebensaufgabe gemacht. Dass über ein Drittel der Bundesbürger selbstlos handelt, beweist, dass soziale Werte in der heutigen Ellbogengesellschaft nicht verloren gegangen sind.

 

Von Lena Pirzer

Ist doch Ehrensache, oder?

 

Die Weltbevölkerung würde um mindestens 150 Millionen Menschen schrumpfen, die globale Wirtschaft um 400 Milliarden Dollar einbrechen. So sähe es aus, wenn sich all die Freiwilligen in einem Ehrenamt vom einen auf den anderen Tag in Luft auflösten. Würden alle Ehrenamtlichen eine eigene Nation bilden, dann wäre sie wahrscheinlich die neunt bevölkerungsreichste der Welt.

Die exakte Anzahl der Freiwilligen weltweit ist allerdings nicht bekannt, da die wenigsten Regierungen diese Zahlen in Statistiken aufführen. So existiert nur ungenügendes Wissen über den Beitrag, den Freiwillige in der Gesellschaft, Wirtschaft und für die menschliche Entwicklung leisten.

Der Stellenwert des Ehrenamtes in einem Land hängt unter anderem von Geschichte, Tradition und Stand des öffentlichen Sozialsystems ab. So führen in Spanien und Italien öfters Rentner ein Ehrenamt aus, während in Polen, Kroatien und anderen postkommunistischen Nationen eher junge Menschen ehrenamtlich tätig sind. In Südost-, Ost- und Zentraleuropa hat der Freiwilligendienst oftmals noch eine negative Konnotation wegen der obligatorischen «Gemeinschaftsarbeit» oder des «freiwilligen» Kriegsdienstes zu Zeiten des Kommunismus.

Ein Beispiel für eine hohe ehrenamtliche Beteiligung der Bevölkerung sind die USA. Die ersten Siedler waren sehr auf gegenseitige private Hilfe angewiesen. Die vorherrschenden Religionen in den USA bieten selten die Wohltätigkeit von Klöstern oder sonstigen religiösen Einrichtungen an. Wo in Deutschland hingegen meist eine langfristige Bindung an Ehrenämter üblich ist, lassen sich die Amerikaner vor allem für freiwillige Kurzzeitprojekte, wie etwa die Renovierung einer Schule, begeistern.

In Chile werden viele soziale Einrichtungen und regionale Wohltätigkeitsprojekte über die Vermittlung von Freiwilligen aus dem In- und Ausland unterstützt, um Armut und soziale Ungleichgewichte zu reduzieren. Ein weiteres Beispiel für unentgeltliche Helfer in Chile ist der Cuerpo de Bomberos, welcher sich vollständig aus Freiwilligen zusammensetzt. Im ganzen Land gibt es etwa 1.100 Feuerwehrkompanien.

 

Von Lena Pirzer

Warum sich ehrenamtlich engagieren? Aus Spaß – oder weil es sonst keiner tut

 

Was sind das nur für Leute, die sich ehrenamtlich engagieren? Mit Álvaro Vivanco als Vorsitzenden des Deutschen Andenvereins (DAV) Santiago sowie Dietrich Angerstein als langjähriges Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr befragte der Cóndor zwei Personen nach ihrer Motivation und ihren Erfahrungen.

 

Cóndor: Weshalb «opfern» Sie sich und Ihre Freizeit für ein Ehrenamt auf?

 

Álvaro Vivanco: Zunächst tue ich das aus Zuneigung zum DAV. Das ist mein Hauptgrund. Zweitens glaube ich, dass diese Institution viel Potenzial und Entwicklungsmöglichkeiten hat. Und drittens ist da noch ein Quentchen Verrücktheit mit im Spiel. Man muss schon etwas unvernünftig sein und Lust darauf haben, seine Zeit für eine solche Sache herzugeben, auch wenn es manchmal sogar nutzlos erscheint.

 

Dietrich Angerstein:Seit 55 Jahren bin ich nun bei der Freiwilligen Feuerwehr. Und da hat man mir oft die Frage gestellt: Warum? Es ist die

Dietrich Angerstein

Rede von einem «opfern» der Freizeit. Also, ich habe das nie als «Opfer» verstanden.

Die Frage, warum ein freiwilliger Feuerwehrmann seine Arbeit auch heute noch ehrenamtlich tut – in einer Zeit, in der die Meinung vorherrscht, jede Tätigkeit muss genau auf Heller und Pfennig abgerechnet werden — und die damit resultierenden Konsequenzen auf sich nimmt, kann auch in unserer Zeit genauso lapidar wie vor 150 Jahren beantwortet werden: Er sieht die Notwendigkeit seiner Arbeit und findet Befriedigung darin. Er weiß, dass dieses anderweitig gar nicht aufgebracht werden kann, er kümmert sich wenig um die heute als modern ausgegebene Auffassung, der Staat habe dies und das und alles zu tun.

Er findet, dass er ein Teil der Allgemeinheit ist, so wie das die ersten Siedler im Süden Chiles, die ersten Kaufleute in Talcahuano und Valparaíso und die ersten Handwerker in den Salpeterminen waren. Aus einem gesunden Schuss Selbstbewusstsein, aus einem durchaus berechtigtem Quantum Bürgerstolz alter Prägung und aus einem intakten Demokratieverständnis heraus, verschafft er sich in der Gemeinschaft der Kameraden das Empfinden Bäume ausreißen oder gar Pferde stehlen zu können.

Auf einen anderen Nenner gebracht: Es macht einfach Spaß, dabei zu sein, helfen zu können und dabei Freundschaften zu schließen, auf die man sich verlassen kann. Denn wie mir vor meinem Eintritt in die Freiwillige Feuerwehr vor mehr als 55 Jahren ein alter Feuerwehrmann sagte: «Du wirst Freundschaften schließen, nicht an der Bar oder in der Kneipe, sondern oben auf dem Dach, wo du dich auf den anderen verlassen können musst.»

 

 

Warum ist es heutzutage so schwierig, Menschen für eine freiwillige Arbeit zu begeistern?

 

Álvaro Vivanco

Álvaro Vivanco: Wir leben in einer Gesellschaft, in der vorzeigbare Erfolge zählen. Freiwillige Arbeit in einem Verein ist anstrengend und

braucht seine Zeit, um ein Resultat zu erreichen. Meistens ist man damit beschäftigt, die Institution am Laufen zu erhalten. Passiert ein Fehler, wird das sofort bemerkt. Doch wenn alles wie bisher funktioniert, erhält man keine große Anerkennung für das Geleistete. Es gibt daher nur wenige Menschen, die bereit sind sich zu engagieren, wenn es dafür keinen Applaus in der Öffentlichkeit oder sonstiges Lob gibt.

Aber vielleicht war das schon immer schwierig. Wenn man die DAV-Vereinsakten aus früheren Jahren durchsieht, tauchen immer wieder die gleichen Namen in verschiedenen Vorständen auf. Die Mitwirkenden waren immer dieselben Personen, nur selten gab es neue Gesichter in der Vereinsarbeit.

 

Dietrich Angerstein: So merkwürdig es klingt, es ist weder hier in Chile noch in Deutschland schwierig, Menschen für eine freiwillige Mitarbeit in der Feuerwehr zu begeistern. Der Zulauf in den Jugendfeuerwehren hier und dort bestätigt dieses. Hinzu kommt, dass in Chile die Feuerwehr einen sehr hohen Stellenwert in der Gemeinschaft besitzt, viele Jugendliche gerade von ihren Eltern zur Feuerwehr gebracht werden und dann voller Begeisterung dabei sind. In der Jugendfeuerwehr können sie vom 14. bis zum 18. Lebensjahr mitmachen, lernen wie man bei Notfällen umgeht – was sich besonders bei Unfällen im Haus als sehr nützlich herausgestellt hat – und erfahren auch Unterstützung, wenn es mal in der Schule ein wenig hapert.

 

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Engagement zum Wohle eines Vereins oder gar der Gesellschaft genügend Anerkennung erfährt?

 

Álvaro Vivanco: Nein, größtenteils nicht. Aber ich weiß nicht, ob das immer notwendig ist. Die größte Anerkennung liegt bei einem selbst.

 

Dietrich Angerstein: Wir in der Freiwilligen Feuerwehr in Chile haben das Gefühl, dass wir genügend Anerkennung finden. Das beweisen die Ergebnisse der Umfragen, die von verschiedenen Instituten durchgeführt worden sind. Da steht die Feuerwehr meist an erster Stelle. Darauf sind wir auch stolz.

Schon der Ausdruck Feuerwehr besitzt in Chile einen guten Klang. Heute ist es ja schon so weit, dass chilenische Feuerwachen im Süden Chiles, die nicht einst von deutschen Einwanderern gegründet worden sind, auch das deutsche Wort Feuerwehr an ihre Fahrzeuge und Wachen schreiben.

 

Die Fragen stellte Arne Dettmann.

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