Hört auf mit dem Quatsch!

Claudio Orrego (Mitte), Verwaltungsleiter der Metropolregion, und Umweltminister Pablo Badenier (rechts) präsentieren die neue Handy-App "Aire Santiago"
Claudio Orrego (Mitte), Verwaltungsleiter der Metropolregion, und Umweltminister Pablo Badenier (rechts) präsentieren die neue Handy-App „Aire Santiago“.

Sehr geehrter Herr Umweltminister Badenier
Sehr geehrter Herr Verwaltungsleiter Orrego,

da schlage ich vergangene Woche die Zeitung auf und sehe erstaunt auf einem Foto, wie sie voller Stolz Handys hochhalten und ein neues Programm anpreisen, das über die aktuelle Luftqualität informiert. Die App «Aire Santiago» kann kostenlos auf das Smartphone herunter geladen werden und teilt uns Bürgern mit, ob wir Auto fahren dürfen oder ob wieder einmal dicke Smog-Luft herrscht und es ratsam ist, lieber nicht Sport zu machen. Toll! Und so modern! Leider funktioniert sie bis heute nicht.
Doch davon einmal abgesehen: Liefern Sie auch eine Lösung des Problems mit? Ich meine, einfach nur Smog-Warnungen mitzuteilen ist ja praktisch so, als ob man auf der sinkenden Titanic Durchsagen über den Neigungswinkel des untergehenden Schiffes erhält, dazu noch die aktuelle Wassertemperatur im eiskalten Nordatlantik. Das Entscheidende aber, nämlich Rettungsboote, fehlt.
Ja, wo ist nun die Rettung vor den stinkenden Staubfluten, die uns die Luft abschnüren? Mit einem Handyprogramm, das uns den ganzen Schlamassel nur mitteilt, ist es wohl nicht getan.
Doch vielleicht kommt eine göttliche Lösung von oben, die im griechischen Theater als «Deus ex machina» bekannt ist. Denn Sie, Herr Umweltminister, trafen sich vergangene Woche mit dem Erzbischof von Santiago, Kardinal Ricardo Ezzati, um mit dem Geistlichen über die neue Enzyklika «Laudato si» (Gelobt seist du) von Papst Franziskus zu sprechen. In diesem Öko-Manifest greift das Oberhaupt der Katholiken die selbstmörderische Umweltzerstörung des Menschen an. Haben Sie vom Kardinal vielleicht den Tipp erhalten, dass wir Santiaguiner alle kräftig beten sollten, damit Petrus endlich die Himmelsschleusen öffnet und sich ein reinigender Regen über die Stadt ergießt? Gelobt wäre er.
Aber gut möglich, dass Ezzati vielmehr die Bibel aufschlug, um ihnen kräftig die Leviten zu lesen und Sie somit an ihre irdische Aufgabe als Politiker zu erinnern. So wie Papst Franziskus, der wörtlich in seiner Enzyklika schreibt: «Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und wenn auch sie nicht über armselige Reden hinauskommt, werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen.»
Damit Sie mich nicht missverstehen: Auch ich habe gebetet. Nämlich als sich unser kleiner Sohn aufgrund einer Atemwegserkrankung hier in Santiago in einem lebenskritischen Zustand befand. Aber ich sage Ihnen, dass Sie weder mit einem Flehen im stillen Kämmerlein noch mit einer neuen Handy-App die Luftverschmutzung verringern werden.
Pragmatische Umweltpolitik ist gefragt, meine Herren. Schluss mit «armseligen Reden», fordert Papst Franziskus. «Terminemos con la lesera», sagte Präsidentin Michelle Bachelet – wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Doch ich kann mich dem nur anschließen: Hört auf mit dem Quatsch!

Herzliche Grüße

Arne Dettmann

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