In der Stadt, wo der Honig fließt

Bienenhaltung im Hotel Grand Hyatt Santiago

Katharina Wittmann Grand Hyatt Santiago Bienenzucht Honig
Katharina Wittmann vor dem Wabenrähmchen. Für das Hotel Grand Hyatt Santiago stellt die Deutsche in vier Bienenstöcken Honig her.

Die deutsche Imkerin Katharina Wittmann produziert Honig mitten in der Millionen-Metropole Santiago de Chile.

 

Von Arne Dettmann

Presse-Termin, Dienstagmorgen, den 28. März 2017, um 9 Uhr, im Hotel Grand Hyatt Santiago: Es ist einfach noch zu früh und vor allem zu kalt fürs Aufstehen. Rund 200.000 kleine Hautflügler der Gattung Apis bleiben lieber in ihren warmen Unterkünften. Dabei sind die eifrigen Pollensammler die eigentlichen Stars dieser Präsentation: Das Grand Hyatt ist das erste Hotel in Santiago de Chile, das sich vier Bienenvölker hält und seinen eigenen Honig produziert.

Wie bitte? Bienenhaltung mitten in der Millionenstadt Santiago? Mehr als ein Dutzend Journalisten wittern eine gute Story und sind an diesem Morgen auf der Wiese des Hotel-Restaurants «Anakena» erschienen. Honig-Brot, Honig-Kuchen in Muffins-Form, aber auch Früchte stehen auf dem Frühstücksbuffet zur Auswahl, es wird probiert, geschnuppert, Witterung aufgenommen. Dabei sind Redakteure von Gourmet-Zeitschriften, Internetmedien, das Magazin «Paula» schießt Fotos, auch der «Cóndor» testet Honig à la carte.

«Wir wollen uns für das Überleben der Honigbiene einsetzen», beginnt Matias Uhlig, Küchenchef vom Grand Hyatt Santiago. Die internationale Hotel-Kette Fairmont habe es mit eigenen Bienenunterkünften vorgemacht. Und weil es so etwas in Lateinamerikas Hauptstädten noch nicht gab, errichtete das Hyatt im September vergangenen Jahre vier Bienenstöcke auf dem Restaurant-Dach.

Zu Demonstrationszwecken enthüllt nun Katharina Wittmann ein Wabenrähmchen in einem Bienenschaukasten. Hinter den Glasscheiben krabbelt und wimmelt es. In jedem der vier Stöcker (colmenas) leben jetzt im Herbst schätzungsweise 50.000 Bienen, erklärt die gebürtige Münchnerin, die seit dreieinhalb Jahren in Chile lebt und ihre 15 Bienenvölker ausschließlich im Stadtgebiet von Santiago hält.

Und alle diese Insekten waren offenbar sehr fleißig: Schon 60 Kilo Honig pro Volk habe sie ernten können, der den Hotelgästen zum Frühstück serviert wird.

Über eine Eisenleiter steigen wir aufs Dach des Anakena-Restaurants. Die Sonnenstrahlen haben mittlerweile Biene Maja und Co. geweckt, es summt und schwirrt in der Luft. «Keine Angst, Bienen sind nicht aggressiv. Sie stechen nur, wenn sie attackiert werden. Sie wollen jetzt Nektar suchen. Wir sollten uns also nicht in ihren Weg stellen», erklärt Katharina Wittmann. Alles nickt verständnisvoll, niemand will sich stechen lassen.

In einem Radius bis zu drei Kilometern fliegen Bienen, um die zuckerhaltige Blütenabsonderung zu erhaschen. Auch der eiweißhaltige Pollen ist ein wichtiges Nahrungsmittel der heranwachsenden Larven und wird von den Bienen fleißig eingetragen. Einige kreuzen die Stadtautobahn Kennedy, andere nehmen Kurs auf den umliegenden Hotelgarten samt Schwimmbecken. Hat eigentlich jemand die anderen Gäste gewarnt, dass man den Bienen-Flugverkehr nicht behindern und keine hastigen Bewegungen machen soll?

«Die größten Feinde der Biene sind die Imker selbst, die Varroa-Milbe und die konventionelle Landwirtschaft», fährt Katharina Wittmann fort. Eine falsche Aufstellung der Bienenstöcke beispielsweise könnte zu Krankheiten im Stock führen und ein Sicherheitsrisiko für Menschen und Haustiere darstellen. In der Stadt müsse zudem ein Sicherheitsabstand zu Häusern und Wohnungen beachtet werden.

Die 33-Jährige spricht aus Erfahrung: Sie hat Biolandwirtschaft studiert und ihre Masterarbeit über Honig geschrieben. Hier in Santiago unterhält sie noch elf weitere Bienenstöcke; diese sind in Gruppen von 3 bis 4 Stöcken in den Stadtteilen Ñuñoa und Yungay verteilt.

Die klimatischen Bedingungen in Santiago seien besser als in Deutschland. «Die Vegetationsperiode ist länger, die Bienen vermehren sich schneller und man kommt schneller zum Ernteerfolg.» Die Vermarktung sei hierzulande dagegen schwieriger. Häufig bestimme billige Massenproduktion das Bild, auch gebe es chilenische Produzenten, die verschiedene Honigsorten panschen und mit Zuckersirup strecken. Nur wenige Verbraucher seien bereit, für einen qualitativ hochwertigen Honig mit gesicherter Herkunft mehr Geld locker zu machen.

Chile sei auf Grund seiner Geographie ein Land der Vegetationsdiversität und damit auch ein Land der Honigdiversität. «Jeder pure Honig von gesunden Völkern ist einzigartig in seiner Farbe, Viskosität und in seinem Geschmack. Dieser Honig im Hyatt zum Beispiel repräsentiert die Blüten aus Las Condes», erklärt Katharina Wittmann, die ihr spezielles Nischenprodukt bereits an einige Restaurants und Cafés verkauft.

Dem gängigen Vorurteil, Bienenhaltung in einer Großstadt mit Luftverschmutzung produziere verunreinigten oder gesundheitsschädlichen Honig, kontert sie mit Fachwissen: Der Nektar würde in mehreren Bienenmägen verarbeitet werden, die wie ein Filter wirken. Und auch die Wachswaben würden dem abgelagerten Honig Schadstoffe entziehen. «Die Honigproduktion in der Stadt hat auch einen Vorteil: Hier werden keine Pflanzenschutzmittel großflächig wie auf dem Land eingesetzt.»

Die Deutsche hat zusammen mit zwei Chilenen den ersten Imkerverein in Santiago ins Leben gerufen und bereits an Schulen – darunter auch die Deutsche Schule Santiago – Vorträge zur Imkerei gehalten. «Viele Kinder wissen gar nicht genau, wo Honig herkommt und wie er entsteht. Mit diesen Vorträgen will ich die Natur wieder ein wenig in die Stadt holen.»

Gesagt, getan. Doch nun muss auch das Wabenrähmchen wieder zurück in den Stock. Denn aus dem kalten Morgen ist ein warmer Vormittag geworden, die Bienen  sind jetzt aktiv und wollen endlich freigelassen werden, um leckeren Nektar zu suchen. Bsssssss…….

 

Info: Katharina Wittmann, Telefon 99 15 42 076, www.santiagocitybees.cl und www.clubapicultoressantiago.cl (Imkerverein)

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