Genialer Netzwerker und Erfinder

Weil sich sein Tod zum 300. Mal jährt, wird Gottfried Wilhelm Leibniz wieder einmal neu entdeckt. In Hannover lagert der ausufernde Nachlass des Universalgelehrten.

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Michael Kempe, Leiter des Leibniz-Archives an der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover, präsentiert ein historisches Ölgemälde des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716). Das Jahr 2016 steht in Hannover ganz im Zeichen von Gottfried Wilhelm Leibniz. Der Geburtstag von Gottfried Wilhelm Leibniz jährt sich zum 370. Mal und der Todestag zum 300. Mal. Foto: Holger Hollemann/dpa

Hannover (dpa) – Wer nach Leibniz im Internet sucht, stößt zuerst auf den Butterkeks, nicht auf das Universalgenie. Viele halten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) sogar fälschlicherweise für einen Keksbäcker, dabei ist er einer der wichtigsten Gelehrten der frühen Aufklärung. Im 300. Todesjahr des Multi-Talents soll der Mathematiker, Philosoph und Erfinder wieder mehr ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Vor allem in Hannover wird Leibniz 2016 mit einer Reihe von Veranstaltungen gefeiert, denn hier wirkte er 40 Jahre lang als Hofrat und Bibliothekar des Welfenherzogs.
Die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek verwahrt den Nachlass des großen Denkers. Seine Handschriften – sagenhafte 200.000 Seiten – lagern in einer klimatisierten Schatzkammer hinter dicken Tresortüren. «Er ist morgens schreibend aufgewacht und abends schreibend eingeschlafen», sagt der Leiter des Leibniz-Archivs, Michael Kempe, über das Universalgenie. Bereits seit 1923 arbeiten Wissenschaftler in Hannover, Potsdam, Münster und Berlin an einer Gesamtedition der Schriften, voraussichtlich dauert dies bis 2055.
Als Mathematiker war Leibniz seiner Zeit weit voraus. Er entwickelte unter anderem den binären Code, ohne den es heute keine Computer gäbe. Sein Gedanke, dass Raum nichts Absolutes ist, habe bereits auf die Relativitätstheorie verwiesen, sagt Kempe. Leibniz notierte seine Ideen spontan und zerschnitt Blätter zu verschiedenen Themen. Zurzeit wird das Mammut-Werk «Mathematica», das aus über 7000 Schnipseln besteht, mit modernster Computertechnik wieder zusammengesetzt.
Der Gelehrte war bis zu seinem Tod ein geradezu manischer Briefeschreiber. Sein Briefwechsel mit 1300 Korrespondenten – darunter Isaac Newton, der Philosoph Spinoza oder Jesuitenpater in China – wurde vor acht Jahren ins Unesco-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Mittlerweile sind viele Briefe im Internet einsehbar. Leibniz zeigt sich als wacher Beobachter der europäischen Politik, er bemüht sich um die Wiedervereinigung der Kirchen und diskutiert über seine Forschung.
Der Erfinder beschäftigte sich mit der Lösung einer Reihe von Problemen im Oberharzer Bergbau und konstruierte zum Beispiel Windmühlen zum Antrieb von Pumpen. Dabei war er selbst in den Höhlen der Bergbauregion unterwegs. «Der Gelehrte des 18. Jahrhunderts musste auch einen Hang zum Abenteuer haben», sagt Kempe. Leibniz reichte es nicht, in seinem Studierzimmer zu hocken, er reiste in ganz Europa, wollte auf die Mächtigen Einfluss nehmen und das Leben der Menschen praktisch verbessern, etwa indem er eine vorsorgende Medizin forderte.

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