«Für erneuerbare Energien fehlt in Chile der politische Wille»

Teuer, umweltverschmutzend, unsicher: Chiles Energieversorgung ist stark reformbedürftig, doch bisher hat sich nicht viel getan. In seinem neuen Buch «Así no podemos seguir» («So kann es nicht weitergehen») kritisiert der österreichisch-chilenische Soziologe und Journalist Raúl Sohr die fehlende Strategie bei erneuerbaren Energien und betrachtet die Thematik in einem politisch-globalen Rahmen.

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Cóndor: Herr Sohr, in Ihrem neuen Buch zeichnen sie zwei Möglichkeiten einer zukünftigen Entwicklung auf. Bei der positiven Vision gelingt es Chile, seine Energieversorgung umweltverträglich und bürgernah abzusichern. Im anderen Schreckensszenario zwingen Klimawandel und versiegende Wasserreservoirs die Bevölkerung von Santiago dazu, die Stadt zu verlassen und in Südchile anzusiedeln. Ist das nicht ein wenig übertrieben?

Raúl Sohr: Das wäre in der Tat die schlimmste und dramatischste Variante, die allerdings nicht undenkbar ist. Das Problem der Wasserversorgung ist ja bereits heute präsent, eine Folgeerscheinung sind die steigenden Kosten für Gemüse. Über ausreichend Wasserressourcen zu verfügen stellt einen zentralen Faktor im Konflikt zwischen Landwirtschaft und Bergbausektor dar. Aber um Sie zu beruhigen: Es besteht natürlich immer auch die Hoffnung, dass alles nicht so drastisch kommt und dass Lösungen gefunden werden.

 

Erwarten Sie die Lösung der Energieprobleme von der neu gewählten Präsidentin Michelle Bachelet?

Wohl kaum. In ihrem Regierungsprogramm vermisse ich jeglichen Handlungsansatz in dieser Frage, zudem fehlt es an Anreizen zur Förderung erneuerbarer Energien. Das Erwähnen von alternativen Energiequellen bleibt ein Lippenbekenntnis. Die Koalition Nueva Mayoría hat sich die Reform des Bildungswesens, der Verfassung und des Steuersystems zur Aufgabe gesetzt. Bei einer Legislaturperiode von nur vier Jahren wird die Regierung damit beschäftigt sein. Energieversorgung und Umweltschutz genießen keine Priorität, hier gibt es keine inhaltlichen Ansätze, man wird wahrscheinlich reaktiv tätig sein, wenn beispielsweise Proteste einen dazu zwingen. Mit den großen Energieunternehmen will man sich im Übrigen lieber nicht anlegen.

 

Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass es in Chile in dieser Frage an einer strategischen Planung von Regierungsseite fehlt.

Für die Entwicklung eines Landes ist es entscheidend, wie es gelingt, zwischen freien Märkten und staatlicher Intervention auszubalancieren. China, Südkorea und andere asiatische «Tigerstaaten» haben das geschafft. In meinem Buch führe ich an, wie es beispielsweise Südkorea gelang, dank der engen Verbindung von Politik und Wirtschaft Großindustrien entstehen zu lassen. Hätte man nur allein auf die Märkte vertraut, wäre daraus nichts geworden, denn die Firmen orientieren sich immer nur kurzfristig an einem schnellen Profit. Die Rolle des Staates muss es also sein, strategisch langfristig auf 30 bis 50 Jahre die Richtung vorzugeben. Und das gilt insbesondere für zwei Bereiche: der Nahrungsmittel- und Energieversorgung. Wenn es da nicht funktioniert, kollabiert alles.

 

Warum traut man in Chile dem Staat eine solche Rolle nicht zu?

Das hat etwas mit unserer Geschichte zu tun. Die unter Pinochet wirkenden «Chicago Boys» sahen den Staat als Feind an, der möglichst komplett abgebaut werden sollte. Alles – so die liberale Vorstellung – würde sich über freien Handel und Kommerz regeln. Allerdings wurde dabei die verhasste Markregulierung mit Bürokratie verwechselt. Deutschland hat ja einen starken Staat, gleichzeitig aber auch starke Unternehmen, die sich an Vorgaben des Gesetzgebers gut angepasst haben.

Zum anderen sind es aber auch die großen Energieunternehmen selbst, die kaum ein Interesse daran haben, dass sich an ihrer Monopolsituation etwas ändert. Drei Konzerne teilen zu 80 Prozent den chilenischen Strommarkt unter sich auf. Neue Wettbewerber und Veränderungen stören da nur.

Auf Seiten der Politik mangelt es nicht an Ideen. Im Februar 2012 wurde von der Regierung die «Nationale Energie-Strategie 2012-2030» vorgestellt, auch die «Kommission zur Elektrizitätsentwicklung» hat gute Arbeit geleistet. Es gibt viele Vorschläge, aber politisch fehlt der Wille zur Umsetzung. Stattdessen läuft es umgekehrt: Das Budget für das staatliche Energie-Effizienzprogramm wurde stark heruntergefahren und das Net-Metering-Modell, bei dem Haushalte mit kleinen Photovoltaik- oder Kleinwindanlagen überschüssigen Strom ins Netz einspeisen und vergütet bekommen, funktioniert leider noch nicht in Chile, weil die Netzbetreiber diese kleinen Anbieter gegenüber den großen Stromerzeugern finanziell benachteiligen. Erneuerbare Energien sind für Politik und die Energieunternehmen nur ein Wort, ein Thema, was marginal behandelt wird.

 

Aber es gab doch einen Aufschrei von den Unternehmen. Bernardo Matte vom Energiekonzern Colbún forderte nachdrücklich eine Energiepolitik, und der Forstbetrieb Mininco ließ im September die Papierfabrik Río Vergara abschalten, weil die hohen Strompreise die Produktion nicht mehr rentabel machen. Das war ein Warnsignal.

Tatsächlich ist die Situation für viele Unternehmen kritisch. Minenbetriebe wenden bereits 30 Prozent ihrer Kosten für die Energieversorgung auf. Die Wettbewerbsfähigkeit geht verloren. Mitte dieses Jahres kostete in Chile ein Megawatt Strom 270 US-Dollar, in Peru waren es nur 50 Dollar. Etwa 40 Milliarden US-Dollar an Investitionen wurden im chilenischen Bergbau auf Eis gelegt oder ganz abgeblasen. Schuld daran haben zu einem nicht unerheblichen Teil die hohen Aufwendungen für Energie. Für ein Land wie Chile, das so stark vom Export seiner Rohstoffe abhängt, ist das besorgniserregend.

Eben deshalb müsste der Staat den Betrieben vorschreiben, zum Beispiel 30 Prozent ihrer Energieversorgung über erneuerbare Energien abzudecken. Das hätte nichts mit staatlich-autoritären Vorschriften zu tun, sondern wäre nur im Interesse dieser Unternehmen. Zudem sitzen diese ausgerechnet in Nordchile, wo wir eine der höchsten Sonneneinstrahlung der Welt haben. Photovoltaik-Anlagen würden dort noch nicht einmal jemanden stören, denn das Gebiet ist größtenteils wüstenartig und unbewohnt.

 

Und wieso wird das nicht umgesetzt?

Tja, das hat wohl etwas mit der Mentalität zu tun. Es herrscht eine konservative Einstellung vor. Erneuerbare Energien einzuführen wird als zu kompliziert angesehen, und irgendwie hat man die Situation bisher immer gemeistert, so der Glaube auf Unternehmerseite. Auch der vorherigen Bachelet-Regierung kann man diese paternalistische, arrogante Sichtweise vorwerfen. Bestes Beispiel ist der öffentliche Nahverkehr «Transantiago», der von oben herab den Bürgern aufgedrückt wurde, ohne die Bevölkerung zu konsultieren, was zu einem Fiasko führte. Die Vorgehensweise war hierarchisch und zentralistisch. Themen werden auf technische Detailfragen reduziert, was dann beim Bürger den Eindruck entstehen lassen soll: «Kümmert euch nicht darum. Das ist Sache von Experten, unseren Ingenieuren, die wissen schon, wie man das macht.»

 

Sie halten die Diskussion um das geplante Wasserkraftwerk HydroAysén für verflacht?

Allerdings. Deshalb versuche ich in meinem Buch klar zu machen, wie weit die Frage der Energieversorgung reicht. Es geht nicht allein um einzelne Kraftwerke, sondern darum, welches Entwicklungsmodell wir für Chile wollen. Es ist doch erstaunlich, dass hier in Santiago 15.000 Menschen gegen HydroAysén demonstrieren, gegen ein Kraftwerkprojekt, das tausende Kilometer von ihnen entfernt an Flüssen entstehen soll, die sie nicht einmal kennen. Gleichzeitig leidet die Hauptstadt unter einer der stärksten Luftverschmutzung weltweit – und dagegen protestiert kein einziger Mensch.

 

Ihr Fazit?

Chiles Energieversorgung ist schlecht, aber immerhin effizient. Ich will damit sagen, dass wir von größeren Stromausfällen, wie beispielsweise in Brasilien, verschont geblieben sind. Die Frage ist, wie es weitergehen soll. Deutschland besitzt im Gegensatz zu Chile kaum über natürliche Ressourcen, die einen Einsatz von erneuerbaren Energien begünstigen. Dennoch will die größte Industrienation Europas bis 2050 etwa 80 Prozent ihrer Energieversorgung aus diesen alternativen Quellen speisen. Bei uns in Chile sind es derzeit gerade einmal sechs Prozent. Eigentlich müssten wir vor Scham und Neid versinken. Und daher ich sage es noch einmal: Dreh- und Angelpunkt ist die Politik. Solange der Markt alles regelt, wird weiterhin nichts passieren.

 

Herr Sohr, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Arne Dettmann.

Lesen Sie auf der nächsten Seite über das Botschaftsforum erneuerbare Energien.

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