Baustellen der Evangelischen Kirche in Deutschland

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, und Papst Franziskus im Februar beim Empfang im Vatikan.
Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, und Papst Franziskus im Februar beim Empfang im Vatikan.

 

Für den Papst ist er ein «Mann mit Feuer im Herzen». Deutschlands oberster Protestant, Heinrich Bedford-Strohm, kam gut an bei seiner Privataudienz im Vatikan. Das Reformationsjubiläum und der bevorstehende Kirchentag können aber auch seine Baustellen nicht verdecken.

 

Berlin (dpa) – 500 Jahre nach der Reformation gehören noch rund 22 Millionen Menschen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Aber unverkennbar ist: Die Kirche verliert an öffentlicher Bedeutung und hat viele Baustellen. Beim Evangelischen Kirchentag vom 24. bis 28. Mai in Berlin und Wittenberg wird es daher nicht nur um das historische Jubiläum gehen, sondern auch um drängende Zukunftsfragen.

  • Mitgliederschwund: In den vergangenen zehn Jahren hat die EKD mehr als drei Millionen Gläubige verloren. Der Trend hält an. Der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm setzt seine Hoffnung auf eine innere Reform: «Das wichtigste Thema ist für mich die geistliche Erneuerung unserer Kirche. Ohne geistliche Kraft können auch die differenziertesten Strategie- und Planungsüberlegungen die Kirche nicht stark für die Zukunft machen.»
  • Sparkurs: Die Kirche hat lange Zeit mehr eingenommen als erwartet. Doch das Kirchensteueraufkommen beginnt jetzt zu sinken. Die Landeskirchen müssen daher entscheiden, welche Angebote sie künftig einsparen wollen und welche Gemeinden zusammengelegt werden. Als bayerischer Landesbischof stellt sich auch Bedford-Strohm die Frage: «Wie können wir auch in der Zukunft in den ländlichen Räumen ebenso wie in den Städten nahe beim Menschen sein und welche Strukturen sind dafür notwendig?»
  • Traditionsabbruch: Immer weniger Christen fühlen sich den kirchlichen Traditionen verpflichtet. Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber sieht darin eine grundsätzliche Schwäche der evangelischen Kirche: «Die Kirche wurde zur institutionellen Hülle, die nur für ganz bestimmte Riten in Anspruch genommen wurde», sagte Huber der «HerderKorrespondenz». «Die Folgerung heißt, dass die evangelische Kirche vor der großen Aufgabe steht, die Gemeinschaft der Glaubenden wichtiger zu nehmen.»
  • Protestantischer Pluralismus: Die evangelische Kirche besteht aus vielen verschiedenen Kirchen und Konfessionen. Neben Lutheranern gibt es Reformierte, Unierte, Evangelikale Freikirchen, Methodisten, Baptisten, Pfingstler, charismatische Erweckungskirchen, Quäker und andere. Viele Anhänger dieser Gruppen verstehen die Bibel wörtlich, lehnen Evolutionstheorie und Homosexualität ab. In Lateinamerika, Afrika und Asien sind sie auf dem Vormarsch. Die weltweite Bedeutung der Kirche in Deutschland, dem Mutterland der Reformation, sinkt.
  • Profilschwäche: In der Mediengesellschaft wird die evangelische Kirche oft nicht wahrgenommen oder einfach zur katholischen dazugerechnet. Sie hat keinen Papst, der ihr weltweit ein Gesicht geben könnte. Sie hat auch kaum einheitliche Dogmen und Riten. Im Zentrum steht stattdessen die Bibel. «Ich setze auf eine Neuentdeckung der wunderbaren biblischen Texte», sagt Bedford-Strohm. «Dass die neue Lutherbibel 2017 sich als ein solcher Verkaufsrenner erwiesen hat, macht mir da Mut.»
  • Ökumene: Anders als die katholische Kirche sieht die evangelische keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen geweihten Pfarrern und normalen Gläubigen. Dies ist der Hauptgrund für die noch nicht überwundene Trennung der Kirchen. Für die EKD ergibt sich daraus die Frage: Bleibt sie bei ihrer Ablehnung des katholischen Weiheverständnisses? Bedford-Strohm ist zuversichtlich, dass es zu einer weiteren Annäherung der Kirchen kommen wird: «Mut macht mir auch der ökumenische Geist, in dem wir das Reformationsjubiläum feiern.»
  • Bioethik: In manchen bioethischen Fragen hat die EKD einen liberaleren Kurs eingeschlagen und damit Irritationen in der katholische Kirche ausgelöst. Mit dem Fortschritt der Medizin und dem gesellschaftlichen Wandel ist der Gesetzgeber gefragt: Was wird erlaubt und was verboten bei Stammzellforschung, Embryo-Adoptionen, Sterbehilfe und Inzestverbot? Um auch in Zukunft politisches Gehör zu finden, kommt es für die Kirchen darauf an, wie in der Flüchtlingspolitik mit einer Stimme zu sprechen.
  • Religionsunterricht: An immer mehr Schulen wird der Religionsunterricht inzwischen überkonfessionell erteilt. Das Fach ist grundgesetzlich geschützt, aber der Druck auf die Kirchen steigt.
  • Digitalisierung: Bedford-Strohm sieht auch hier Handlungsbedarf: «Was muss geschehen, damit wir als Kirche in den digitalen Räumen, etwa den sozialen Netzwerken, besser präsent sind, in denen die Menschen heute so viel Lebenszeit verbringen?»

 

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