Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

«Generation Y» werden die Frauen und Männer genannt, die derzeit ins Berufsleben starten. Doch anders als ihre Vorgänger steht bei ihnen nicht zwangsläufig Karriere im Vordergrund. Work-Life-Balance ist angesagt. Und darauf müssen sich die Unternehmen verstärkt einstellen.

«Ich kann vier Tage die Woche arbeiten», schwärmt die Frau im Werbespot über ihre verkürzte Arbeitswoche. «Und ich kann zu Hause bleiben», antwortet der Ehemann begeistert. In der neuen Werbekampagne einer Betriebskrankenkasse sieht der Zuschauer, wie ein junger Familienvater im Wohnzimmer am Laptop arbeitet, während sein kleiner Sohn um ihn herumtobt. Die Eltern überlegen schließlich, entweder ein zweites Kind zu bekommen oder sich einen Hund anzuschaffen.

Freiheit, Individualität, Spontanität und Vielseitigkeit sind die Werbebotschaften dieses TV-Spots. «Macht was ihr wollt. Wir machen alles mit», lautet denn auch der Slogan, mit dem die Versicherung die «Generation Y» ansprechen will. Das «Y» wird im Englisch wie «why» ausgesprochen, also «warum». Diese Frage ist Programm: Warum soll ich mich unnötig Stress aussetzen? Warum mich den ganzen Tag abbuckeln?, fragt diese Generation, die ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben anstrebt.

«Die nach 1980 Geborenen suchen Herausforderungen und Gelegenheiten etwas zu lernen. Sie wollen sinnvolle Aufgaben und ziehen Verantwortung für Fachthemen der Führungsverantwortung vor», erläutert Simone Lendzian, Pressesprecherin der Sportmarke adidas. Gleichzeitig strebten die «Ypsiloner» mehr nach Abwechslung als nach einer klassischen Karriere. Allein die Arbeit genieße nicht mehr höchste Priorität. Persönliche Interessen, Familie und Lebensqualität seien genauso wichtig.

Auch die Professorin Jutta Rump, die das Institut für Beschäftigung und Employability an der Universität Ludwigshafen leitet, berichtet: «Gerade bei jungen Männern ist zunehmend der Wunsch zu beobachten, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und sich die Familienaufgaben gleichberechtigt mit ihren Partnerinnen zu teilen.»

Skeptische Kritiker interpretieren diese Wünsche allerdings als Karriereverweigerung der «Null-Bock-Generation». In den USA werden die «Ypsiloner» entsprechend als «Trophy Kids» verspottet, weil jeder von ihnen symbolisch einen Pokal als Trophäe besitzt und diesen meist nur fürs Mitmachen bekommen hat – nicht aber fürs Siegen. Wie könne bei einer solch weichen Einstellung die jungen Menschen das Durchsetzungsvermögen auf dem steinigen Karriereweg zum Vorstandsvorsitzenden entwickeln?

Tatsächlich beklagen Personalleiter einiger internationaler Firmen, dass sich Nachwuchskräfte, anders als früher, seltener für anstrengende Karrierejobs gewinnen lassen. Doch Ludger Ramme, Geschäftsführer des Deutschen Führungskräfteverbandes, hält solche Vorwürfe für maßlos übertrieben. Ganz im Gegenteil: Weil das Rentenalter auf 67 Jahre angestiegen ist, müssten Beschäftigte ihre Energie auf ein längeres Arbeitsleben einteilen. «Man muss sich vor Augen führen, dass die früher typische Arbeitsverfügbarkeit rund um die Uhr gerade für leitende Fachangestellte sich nicht bis ins hohe Alter ausführen lässt.» Seine Schlussfolgerung: «Hochqualifizierte Berufseinsteiger gehen deshalb achtsamer mit sich um.»

Unternehmen sind also gezwungen, umzudenken und der Generation Y mit attraktiven Angeboten entgegenzukommen. «Wer im zunehmenden Kampf um die besten Talente die Oberhand behalten will, muss sich intensiver mit den Bedürfnissen der „Ypsiloner“ auseinandersetzen», rät Erik Berthkenhagen, Geschäftsführer der internationalen Unternehmensberatung Kienbaum, seinen Kunden.

Dass dieses Umdenken tatsächlich stattfindet, hat CFR festgestellt. Dieses Institut zeichnet weltweit Unternehmen für innovative Personalpolitik mit dem Titel «Top Arbeitgeber» aus. Ihre jährliche Umfrage zeigt, dass im Vorjahr 61 Prozent der gekürten Arbeitgeber flexible Möglichkeiten der Arbeitseinteilung für ihre Angestellten schufen. Das sind fünf Prozent mehr als im Jahr 2011.

Die qualifizierten Berufseinsteiger sind sich bewusst, dass der Arbeitsmarkt wegen des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels nicht auf sie verzichten kann. Mit einem nie dagewesenen Selbstbewusstsein treten sie mit der Forderung nach «Work-Life-Balance» vor dem Chef auf. Und das ist keinesfalls unverfroren, sondern bringt den Unternehmen auch Vorteile.

Zu diesem Schluss kommt zumindest eine Untersuchung, die die gemeinnützige Organisation «berufundfamilie» in Auftrag gegeben hat. Angestellte arbeiten motivierter für eine Firma, die sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die Fahne geschrieben hat. Die Produktivität steigt um 13 Prozent im Vergleich zu anderen Unternehmen, so das Fazit.

Diesen Nutzen hat auch der Autokonzern Audi erkannt. «Die jungen Leute sind zwar sehr anspruchsvoll, aber auch sehr engagiert. Wenn sie merken, dass man sich ihren Themen annimmt, sind sie zu einem sehr hohen Einsatz für das Unternehmen bereit», sagt ein Firmensprecher. Status und Prestigeobjekte wie Firmenwagen, Bonus-Zahlungen und verlockende Vorstandsposten würden von der «Generation Y» als überbewertet und dementsprechend überholt angesehen werden, heißt es in einer Studie des Berliner Trendence Institut.

Bisher gab es für Frauen nach der Schwangerschaft oftmals keinen Mittelweg, Beruf und Familie zu vereinbaren. Nahmen sie ihre Karriere nach der Entbindung wieder auf, mussten sie dafür ihre Kinder vernachlässigen. Entschieden sie sich zu Hause zu bleiben, bedeutete dies meist das Karriereaus. Einige große deutsche Unternehmen bemühen sich, diesen Spagat für ihre Angestellten zu meistern.

Heute können Audi-Mitarbeiter für bis zu vier Jahre mit einer Wiedereinstellungsgarantie aus dem Unternehmen aussteigen, um sich in Vollzeit um ihre Kinder oder um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern. Diese Familienzeit lässt sich bei Bosch sogar als Karrierebaustein einbringen, um befördert zu werden. Das Technologieunternehmen schätzt diese Auszeit als wertvolle Lebenserfahrung, welche die für den Beruf wichtige Sozialkompetenz stärkt.

«Nur wenn Eltern ihre Kinder gut betreut wissen, können sie sich auf ihre Aufgaben am Arbeitsplatz konzentrieren und beruflich engagieren», erklärt Elke Ickenstein, Unternehmenssprecherin von Bayer. Deshalb stellt der Pharmakonzern den Kindern seiner Beschäftigten deutschlandweit 450 Betreuungsplätze bereit. Am Standort Leverkusen wird aktuell eine neue Kindertagesstätte gebaut, in der später 126 Kinder im Alter von sechs Monaten bis sechs Jahren betreut werden sollen.

Steht keine Kinderbetreuung zur Verfügung und kann wegen anstehender Termine auch nicht von zu Hause gearbeitet werden, bietet adidas seinen Angestellten in Herzogenaurach die Eltern-Kind-Büros. In den komplett eingerichteten Büros befinden sich ein Wickel- und Stillraum und ein hinter Glas abgetrenntes Spielzimmer für die Kinder.

Eine weitere interessante Variante stellen Zeitwertkonten dar. Dabei können Mitarbeiter Teile des Gehalts, Prämien oder Überstunden sammeln und bekommen diese Mehrleistung als Urlaub ausbezahlt. So lässt sich etwa der Jahresurlaub nach einem Jahr mit vielen Überstunden auf drei Monate ausdehnen. «Bei adidas können kurze Auszeiten mit dem Zeitwertkonto “myTime” ermöglicht werden», so Pressesprecherin Simone Lendzian. Auch Angestellte beim Medienunternehmen ProSiebenSat.1 können seit dem 1. Januar 2013 Teile ihres Gehalts gegen zusätzliche Urlaubstage eintauschen.

Weil die «Generation Y» mehr auf sich achtet, rückt die Gesundheitsvorsorge in den Vordergrund. Ernährung und Sport werden auch am Arbeitsplatz wichtig. Auf dieses Bedürfnis ist ProSiebenSat.1 bereits eingegangen. Eine Ernährungsberaterin kreiert für die Kantine täglich ein ausgewogenes, kalorienarmes Gericht, welches die kognitive Leistung stärken soll.

Auch andere Unternehmen tun etwas. Während Bayer-Angestellte Kochkurse für eine ausgewogene Ernährung besuchen können, schwitzen in Daimlers Betriebssportverein «SG Stern» in Stuttgart über 39.000 Mitglieder. Die Beschäftigten des Autoherstellers können dort aus über 80 Sportarten wählen.

Das alles klingt nach einer «schönen neuen Arbeitswelt». Doch klar ist auch, dass längst nicht alle Unternehmen und Branchen in der Lage sind, ihren Angestellten das zu bieten, was die «Generation Y» gerne hätte. Und dennoch: Auch der Stahlriese ThyssenKrupp verweist auf die Work-Life-Balance als ein Motor für Innovationen: «Hätte Sir Isaac Newton nicht etwas Zeit unter einem Apfelbaum verbracht und sich entspannt, wüssten wir heute immer noch nicht, was die Gravitation ist. Daraus lernen wir: Um Brillantes und Geniales zu entdecken, muss man auch private Freiräume genießen können.»

 

Von Lena Pirzer

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