Ein Rennen gegen die Zeit

Die in der Schweiz gegründete Stiftung «race for water» sucht Aufmerksamkeit im Kampf gegen die zunehmende Verschmutzung der Ozeane durch Plastikmüll. Jetzt legte ihr Schiff auf ihrer Welttour einen Stopp in Chile ein.

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Gründer und Präsident der Stiftung „Race for water“ Marco Simeoni bei einem Interview im Hafen von Valparaíso. Foto: Thomas Magosch

Von Thomas Magosch

Es geht um Superlative bei diesem Rennen. Das Boot gehört zu einer Klasse, von der bislang nur sieben Modelle vom Stapel liefen. Das wie ein Trimaran gebaute «MOD709 race for water» kann eine Spitzengeschwindigkeit von 43,2 Knoten erreichen und ist eigentlich ein reines Rennboot, wie Marco Simeoni verdeutlicht.
Simeoni ist der Gründer und Leiter der Stiftung «Race for water» und Initiator der Welttour, die zum Ziel hat, die Weltbevölkerung auf die zunehmende Verschmutzung der Ozeane durch Plastikmüll aufmerksam zu machen. «Zunehmend» kann dabei nur ein Euphemismus sein, denn die Fläche der Verschmutzung ist bereits heute 21-mal so groß wie Chile oder 44-mal so groß wie Deutschland. Die Plastiksuppe auf den Ozeanen bedeckt eine Gesamtfläche von mehr als 16 Millionen Quadratkilometern.
Die «MOD709 race for water» fährt innerhalb von 300 Tagen die fünf großen Meeresareale an, auf denen der Müll konzentriert ist. Dabei legt die Crew eine Strecke von rund 88.000 Seemeilen zurück, was einer zweimaligen Weltumrundung entspricht und segelt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 16 bis 18 Knoten, so Simeoni. Ein «normales» Segelboot bräuchte gut drei Jahre für diese Distanz.
Auch für die Crew ist das Rennen alles andere als ein erfrischender Segeltörn. Die sechsköpfige Besatzung, allesamt Profisegler, teilt sich zwei Betten, segelt in Drei-Stunden-Schichten und verfügt über keine Küche oder Toilette an Bord. Trinkwasser muss durch Entsalzen des Meerwassers gewonnen werden und überhaupt wird auf jeglichen Komfort verzichtet. Ein Rennen also, ein Rennen für alle Beteiligten gegen die Zeit, ein Rennen von Plastikstrudel zu Plastikstrudel auf allen Weltmeeren.
Neben der Entwicklung eines weltweiten Bewusstseins für die Auswirkungen des Plastikmülls auf den Menschen ist das Boot auch mit einem wissenschaftlichen Auftrag unterwegs. Mittels einer Drone werden unzugängliche Strände der Inseln kartographiert, die in den Zentren der Plastikverschmutzung liegen. Die Crew nimmt Proben, kategorisiert sie und wird sie für die weitere Analyse an die das Projekt wissenschaftlich begleitenden Universitäten und Hochschulen in den USA und der Schweiz weiterleiten. Bis zu fünf Strände pro Insel könnten so analysiert werden, sagt Frederic Cerca, das wissenschaftliche Crewmitglied.[Best_Wordpress_Gallery id=“1″ gal_title=“Empfang Schweizer Botschaft“]
Dass das ambitionierte Unternehmen von der Schweiz gefördert wird, kommt nicht von ungefähr, wie der Schweizer Botschafter Edgar Döring beim Empfang der Segler im Hafen von Valparaíso erwähnt. Zwar verfügt das Land über keinen direkten Zugang zu einem Ozean, aber das Engagement für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ist groß, in der Politik wie in der Wissenschaft. Die Stiftung «race for water» wurde im Jahr 2010 in Lausanne gegründet.
Was also tun? «Bewusstsein» ist so ein Schlagwort der Mission des Rennens. Bei den Landgängen in den Häfen absolviert die Crew ein Mammutprogramm an Empfängen, Schulbesuchen und Präsentationen. Zudem versucht man, vor Ort jeweils mit Fischern zusammenzukommen, um die Orte zu lokalisieren, wo sich der Plastikmüll ansammelt. Denn der Verpackungsmüll wird durch das Salzwasser schnell zersetzt. Übrig bleiben granulierte Plastikkügelchen, die oft von Plankton weiter transportiert werden. Von dort gelangt das Plastik direkt in die Nahrungskette des Menschen.
Die Crew kann keine Lösungen liefern, das ist nicht die Aufgabe der Stiftung. Zwar denkt man in Projekten auch über Möglichkeiten der positiven Verwertung von Plastik nach, aber Maßnahmen müssen andere ergreifen. In Frankreich werden beispielsweise ab 2016 Einwegplastiktüten verboten, andere Staaten haben diesen Schritt bereits vollzogen oder werden das demnächst tun.
Aber wenn man bedenkt, dass rund 35 Prozent der Plastikproduktion für Verpackungen aufgewendet wird, die im Schnitt lediglich 20 Minuten gebraucht werden, dürfte es nicht schwer sein, selbst aktiv zu werden. Jeder Einzelne von uns.

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