Deutsch-chilenisches Forschungsprojekt Decipher in Iquique

Wie reagiert die Lunge in großen Höhen?

Dr. Juliane Hannemann und Prof. Dr. Rainer Böger vom Projekt Decipher

Vom 16. bis 17. Oktober findet in Iquique ein internationales Symposium der deutsch-chilenischen Initiative Decipher (German Chilean Institute for Research on Pulmonary Hypoxia and its Health Sequelae) statt. Diese starteten 2017 gemeinsam die Universität Hamburg und die Universität Iquique. Es sollen verstärkt die molekularen Mechanismen und klinischen Auswirkungen eines Sauerstoffmangels (Hypoxie) bei der Lunge erforscht werden.

Der Cóndor befragte die beiden Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf Dr. Juliane Hannemann und Prof. Dr. Rainer Böger zu dem Projekt.

Was sind die Aufgaben von Decipher?

Im Jahr 2017 gab es eine Initiative des deutschen Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft, um die Forschungsvernetzung Deutschlands mit den lateinamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien und Mexiko zu stärken. Unsere Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat sich beworben, ein Projekt durchzuführen, und dafür den Zuschlag bekommen. Seit Oktober 2017 läuft dieses Projekt unter dem Namen Decipher als deutsch-chilenisches Projekt. Soeben haben wir nach Ablauf der ersten zwei Projektjahre den Zuschlag für eine weitere Förderung durch die deutsche Bundesregierung bis zum Ende des Jahres 2022 erhalten. Decipher ist eines von ganz wenigen medizinischen Forschungsprojekten und das einzige in der Zusammenarbeit mit Chile. Die Aufgabe des Projektes ist es, gemeinsam mit unseren chilenischen Partnern eine fest institutionalisierte Infrastruktur zur Förderung der binationalen deutsch-chilenischen Erforschung der durch Sauerstoffmangel, zum Beispiel bei Aufenthalt in großen Höhen der Anden, ausgelösten Lungenerkrankungen zu schaffen.

Wer ist daran beteiligt? Ist das Uniklinikum Eppendorf auf dieses Fachgebiet besonders spezialisiert?

Decipher wurde zunächst als binationale Initiative zwischen uns beiden Wissenschaftlern aus dem Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Prof. Dr. Julio Brito und Prof. Dr. Patricia Siqués aus dem Instituto de Estudios de Salud der Universidad Arturo Prat in Iquique ins Leben gerufen. Als weiterer Partner ist seit der Gründung Prof. Dr. Jens Hohlfeld vom Fraunhofer Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin in Hannover Teil des bestehenden Netzwerks. Im Jahr 2018 ist die staatliche chilenische Kupferbergbaugesellschaft Codelco als weiterer Partner dem Decipher -Netzwerk beigetreten. Unsere Arbeitsgruppe in Hamburg erforscht seit vielen Jahren intensiv die molekularen Mechanismen chronischer Erkrankungen und speziell die Auswirkungen von Sauerstoffmangel auf den Lungenkreislauf. Seit zehn Jahren besteht eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe in Iquique, die nun durch die Förderung der deutschen Bundesregierung zu einer institutionellen Kooperation der beiden Universitäten geworden ist.

Welche gesundheitlichen Probleme erforschen Sie?

Ziel von Decipher ist die Erforschung von Lungenerkrankungen, die durch Sauerstoffmangel bei Aufenthalt in großen Höhen hervorgerufen werden. Dies kann beispielsweise der Fall sein bei chilenischen Bergarbeitern, aber auch bei Touristen, die den Aufstieg in große Höhen wagen. Es kann durch die andauernde, chronische Sauerstoffunterversorgung der Lunge oder auch durch einen ständigen Wechsel zwischen einer «normalen» und einer «zu geringen» Sauerstoffversorgung, wie es beispielsweise durch die Arbeit in Bergwerken der Anden der Fall ist, im Laufe der Zeit zur Entstehung von Lungenhochdruck kommen. Allerdings entwickeln nicht alle Personen in großen Höhen Lungenerkrankungen. Gemeinsam mit unseren chilenischen Partnern wollen wir mit unserer Forschung die Auswirkungen des Sauerstoffmangels auf das Lungengewebe und den Lungenkreislauf untersuchen und einen Beitrag dazu leisten, Personen, die ein hohes Risiko haben, im Laufe der Zeit zu erkranken, rechtzeitig zu erkennen und präventive Maßnahmen einzuleiten.

Welche Personenkreise sind in Chile insbesondere betroffen?

In Chile arbeiten viele tausend Menschen in den Bergwerken in den Höhenlagen der Anden. Sie verbringen die Woche an ihrem Arbeitsplatz in bis zu 5.500 Metern Höhe, das Wochenende bei ihren Familien auf Meeresniveau am chilenischen Küstenstreifen. All diese Menschen sind über viele Jahre dem ständigen Wechsel zwischen einer schlechten Sauerstoffversorgung des Körpers in Höhenlagen und einer normalen Sauerstoffzufuhr auf Meeresniveau ausgesetzt. Mit 8 bis 10 Prozent ist der Anteil der von Lungenhochdruck Betroffenen unter diesen Arbeitern besonders hoch. Dazu im Vergleich: 0,0015% sind es in Mitteleuropa. Aber auch Sportler, die an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gehen, wenn sie in extremen Höhenlagen trainieren, müssen mit dem Wechsel der Sauerstoffversorgung ihres Körpers umgehen können. Allerdings haben wir auch in Deutschland Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen, die im Laufe ihres Lebens die Symptomatik eines Lungenhochdrucks entwickeln. Wir hoffen daher, die diesen Erkrankungen zugrundeliegenden Mechanismen besser zu verstehen und die innerhalb von Decipher gewonnenen Forschungsergebnisse nicht nur in Chile, sondern auch in Deutschland für betroffene Personen nutzbar machen zu können.

Ist Ihre Forschung auf den Norden Chiles begrenzt?

Nein. Wir haben aufgrund langjähriger gemeinsamer Forschungsarbeit mit den Kollegen in Iquique natürlich hier eine besondere Bindung. Allerdings ist das Decipher -Netzwerk offen für neue Partner. Gute Forschung kann nur gelingen, wenn viele gute Ideen zusammenkommen, wenn also viele Arbeitsgruppen, die an ähnlichen Fragestellungen arbeiten, ein Puzzleteil beitragen, damit wir das «große Ganze» verstehen können. Insofern wünschen wir uns, nicht zuletzt auch durch das Symposium in Iquique im Oktober diesen Jahres, dass interessierte Forscher aus anderen Teilen Chiles und auch aus anderen Ländern mit uns gemeinsam Ideen entwickeln, wie wir der spannenden Frage nach den Auswirkungen von Sauerstoffmangel auf den Lungenkreislauf weiter auf den Grund gehen können.

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