Container versus Kulturerbe

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In Valparaíso prallen künstlerisches Flair und internationaler Handel aufeinander. Bunte Häuser ziehen sich die Hügel hinauf, während sich im Hafen die Container stapeln. Der Hafen, der zu den wichtigsten in Südamerika gehört, soll um einen zweiten Terminal vergrößert werden, um seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die Lage des Terminals ist jedoch umstritten.

 Von Sophia Boddenberg

 Die Firma Terminal Cerros de Valparaíso (TCVAL) gehört zum spanischen Unternehmen Obrascón Huarte Lain (OHL) und ist verantwortlich für den Bau und die Umsetzung des geplanten Terminals 2 im Hafen von Valparaíso. Der Container-Terminal soll eine Anlegelinie von 725 Meter und 550 Meter Frachtlinie umfassen. Geplant ist eine Kapazitätserweiterung, damit zwei Super-Postpanamax-Schiffe mit einer Länge von 350 Metern und 15 Metern Tiefgang gleichzeitig anlegen können.

Der Terminal 2 soll einen jährlichen Handelsverkehr von einer Million Tonnen ermöglichen. Der Firma zufolge wird das Projekt die Infrastruktur des Hafens modernisieren und seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Die Investitionen betragen laut Angaben des Unternehmens 400 Millionen US-Dollar.

Inzwischen hat sich jedoch eine Bürgerinitiative gegründet, die sich gegen den Standort des neuen Terminals wendet. Sie befürchtet, dass praktisch die gesamte Küste der Weltkulturerbe-Stadt mit Hafenanlagen und Containern zugebaut werden wird. Daniel Morales, Architekt und Mitgründer der Bürgerinitiative «Mar para Valparaíso» erläutert, dass es darum geht, die Küste der Stadt als territoriale Ressource zu erhalten. An seinem Computer zeigt Morales Foto-Visualisierungen der Küste, wie sie nach Beendigung des Baus aussähe. Die Sicht auf das Meer wäre vollkommen verdeckt.

Das historische Zentrum von Valparaíso wurde im Jahr 2003 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Dieser Status ist von großer Bedeutung für die Stadt mit fast 300.000 Einwohnern, da er Touristen anzieht und somit die lokale Wirtschaft stärkt. Der Terminal 2 soll genau vor dem historischen Viertel der Stadt gebaut werden und könnte den Status als Weltkulturerbe gefährden. Obwohl die Unesco das Projekt vorerst genehmigt hat, empfahl sie, eine Untersuchung der Auswirkungen des Projektes auf das Kulturerbe durchzuführen.

Kritiker bemängeln, dass die ökonomischen, sozialen und kulturellen Auswirkungen des Vorhabens von der Firma bisher kaum an die Öffentlichkeit getragen worden seien. Sie gehen sogar soweit, davor zu warnen, dass im Falle eines Tsunamis Container in den Stadtkern gespült werden könnten. «Das ist ein Projekt, das hinter verschlossenen Türen organisiert und entwickelt wurde. Details wurden nie verkündet», sagt Max Aguero, Professor für Ressourcen- und Umweltwirtschaft an der Technischen Universität Santa Maria.

Anfang des Jahres führte Ex-Präsident Ricardo Lagos in einem Interview mit der Zeitung «El Mercurio de Valparaíso» drei Gründe gegen das Projekt in seiner jetzigen Lage an: Das Vorhaben mache die enormen staatlichen Investitionen zunichte, die vor wenigen Jahren für Infrastrukturen aufgebracht worden seien, um die Küste von Valparaíso sichtfrei zu halten. Der Terminal 2 würde zudem das Potenzial vernichten, welches der Status als Weltkulturerbe der Stadt biete. Nicht zuletzt unterstrich Lagos, dass aufgrund der zunehmenden Automatisierung der Hafenabfertigung nicht mit einem wesentlichen Zusatz an Arbeitsplätzen zu rechnen sei.

Das Unternehmen hingegen spricht auf seinen Internetseiten von der Schaffung von 1.000 neuen direkten und weiteren zweitausend indirekten Arbeitsplätzen im Handel, Transport-, Hotel- und Gaststättengewerbe sowie bei Finanzdienstleistungen. Nach einer Studie der wirtschaftlichen Auswirkungen, erstellt von der Universität Adolfo Ibánez, wird das Projekt TCVAL das regionale BIP um 101 Millionen US Dollar und das der Gemeinde von Valparaíso um 43 Millionen US Dollar erhöhen.

«Man kann lediglich spekulieren, dass es einen Anstieg des Handelsverkehrs geben wird», sagt dagegen Max Aguero. «Das wäre aber nur positiv, wenn die Gewinne lokal eingefangen würden». Große Gewinne für die lokale Wirtschaft und die Einwohner von Valparaíso seien seiner Meinung jedoch nicht zu erwarten. Auch bezweifelt er, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Nach dem großen Feuer in Valparaíso 2014 haben die staatlichen Universitäten in Valparaíso und Santiago einen Gegenvorschlag zu dem Bauprojekt gemacht, nach dem der Hafen in Richtung Süden anstatt in Richtung des historischen Zentrums wachsen sollte. «Mar para Valparaíso» hat einen weiteren Alternativvorschlag entwickelt, der sich an dem der Universitäten anlehnt. Demnach sollte der Hafen das Zentrum verlassen und im extremen Norden der Stadt angesiedelt werden.

Daniel Morales hat an dem Entwurf mitgearbeitet. Er richtet sich keinesfalls gegen die Hafenaktivität an sich, sondern lediglich gegen die Bauplanung. Die Stadt, die die Form eines Amphitheaters hat, soll laut Morales den Terminal 1 im Süden behalten mit der Möglichkeit zu wachsen und der Terminal 2 soll im Norden der Stadt mit eigenem Zugang angesiedelt werden, ebenfalls mit der Möglichkeit zu wachsen.

Der Terminal 1 liegt im Süden der Stadt und wird in weiten Teilen durch eine natürliche Felswand von ihr getrennt. «Durch die geographische Form der Stadt wird sie vor der Hafenaktivität geschützt. Aber was wir hier sehen, wird genau so vor dem historischen Viertel aussehen», sagt Morales und zeigt auf die gestapelten Container, die sich gleich neben der Playa San Mateo befinden. Wie auch Ex-Präsident Lagos fordert er eine integrale Stadtplanung, bei der alle Interessen gegeneinander abgewogen werden.

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