«Das Kapital im 21. Jahrhundert» von Thomas Piketty

Die Rückkehr der Feudalherren

Thomas Piketty: «Das Kapital im 21. Jahrhundert», Verlag C.H. Beck, München 2014
Thomas Piketty: «Das Kapital im 21. Jahrhundert», Verlag C.H. Beck, München 2014

Von Beruf Erbe: Laut dem französischen Ökonomen Thomas Piketty geht die wachsende Ungleichheit seit Mitte des 20. Jahrhunderts auf ererbte Vermögenskonzentrationen zurück, die gewinnbringend angelegt werden.

Von Arne Dettmann

Sind Sie reich? Oder würden Sie sich lieber zurückhaltender als «wohlhabend» bezeichnen? Und wer ist eigentlich arm? – Die Diskussion über Reichtum und Armut ist nicht nur mit eigenen Vorstellungen und Werturteilen aufgeladen, sondern auch mit viel Unkenntnis. Der Blick in die jährliche Forbes-Liste verrät zwar, welche modernen Dagobert Ducks mit ihren Milliarden gerade ganz oben stehen. Doch dabei bleibt offen, wie Wohlstand tatsächlich verteilt ist und welche Dynamiken hinter Vermögensakkumulation stecken.

Der französische Ökonom Thomas Piketty machte sich an die Mammutaufgabe, die schwammigen Begriffe arm und reich durch konkrete, aussagekräftige Daten aus dutzenden Ländern zu ersetzen, ausgehend vom 18. Jahrhundert bis heute. Die beeindruckende historische Analyse lässt sich in seinem 2013 erschienen Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» auf mehr als 800 Seiten lesen. Das Ergebnis: In wahrscheinlich allen bekannten Gesellschaften und Epochen besitzt die ärmste Hälfte der Bevölkerung praktisch nichts, im Allgemeinen nur fünf Prozent des Gesamtvermögens. Das oberste Dezil dagegen hält mehr als 60 und zuweilen 90 Prozent dessen, was es überhaupt zu besitzen gibt.

Kriege machten tabula rasa mit der starken Vermögenskonzentration

Zwischen diesen beiden Polen erstreckt sich eine Mittelschicht, ein tiefgreifendes soziales Novum in der Geschichte der Menschheit. Doch nicht etwa politische Umwälzungen wie die Französische Revolution, technologischer Fortschritt oder der Aufstieg dank höherer Bildung brachte dieses Phänomen hervor. Erst die beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert sowie die Weltwirtschaftskrise machten tabula rasa mit der starken Vermögenskonzentration und ebneten die krassen Unterschiede ein. Neben dem Verlust von Reichtümern, die während eines langen Zeitraumes akkumuliert worden waren, mussten Vermögende in den europäischen Wohlfahrtstaaten nun Steuern aller Art auf Dividenden, Zinsen, Gewinne und Mieten zahlen. Piketty: «Und damit sind die Karten ganz neu gemischt».

Seit Mitte der 1970er Jahre sei in den Industrienationen allerdings ein gegenläufiger Trend zu verzeichnen. Die Ungleichheit nähme wieder zu, die Vermögenskonzentration habe mittlerweile den gleichen hohen Stand wie vor dem Ersten Weltkrieg erreicht. Was ist passiert?

Die Formel für eine wachsende soziale Kluft: Kapitalrendite höher als Wirtschaftswachstum

Eigentlich nicht viel. Im Laufe der Geschichte habe das Kapital zwar seine Formen stark gewandelt. Was früher einmal Landbesitz war, ist heute Immobilien-, Industrie- und Finanzkapital. Doch die Bedeutung sei immer die gleiche. Das Vermögen würde von einer Generation zur nächsten vererbt und bleibe damit in den Händen einiger weniger Begüterter. Und dort tut es vor allem eines: es wächst, wächst und wächst.

Die Erklärung für diese Entwicklung liefert Thomas Piketty in der einfachen ökonomischen Formel: Die Kapitalrendite r ist in den vergangenen Jahrzehnten größer als das Wirtschaftswachstum g. Wer also in den Genuss einer hohen Erbschaft kommt und das Geld gewinnbringend anlegt, vermehrt sein Kapital fast ganz ohne Arbeit und zudem schneller als jemand, der seinen Reichtum erst durch Arbeit erschaffen und ansparen muss. Erbschaften erlangen damit ein dauerhaftes Übergewicht und verstärken die Ungleichheiten in einer Spirale immer fort. Die Zunahme von Ungleichheit, so Piketty, ist ein wesentlicher Bestandteil des Kapitalismus.

Soziale Mobilität – eine schöne Illusion

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der französische Wirtschaftswissenschaftler bejaht durchaus freie Märkte und Wettbewerb. Doch dass dank dieser liberalen Theorie eines Adam Smith automatisch jeder sozial aufsteigen könne und Ungleichheiten wie von einer unsichtbaren Hand einfach weggewischt werden, widerlege die Realität. Soziale Mobilität durch Bildung erstrecke sich meist in einem sehr begrenzten Rahmen. Weder die McDonalds-Bedienungen noch ein Arbeiter aus Detroit würden jemals in ihrem Leben ein Jahr als Geschäftsführer großer amerikanischer Unternehmen verbringen. Umgekehrt hätten astronomisch hohe Gehälter von sogenannten Top-Managern rein gar nichts mehr deren Produktivität zu tun, sondern seien exzessive Auswüchse.

Der Glaube an eine meritokratische, an eine «gerechtere» Gesellschaft, in der die eigene Leistung und Qualifikation primär zählen, sei daher eine Illusion, die zudem häufig als Rechtfertigung von sozialen Ungleichheiten herhalte. Ob jemand arm oder reich sei hänge in erster Linie vom ererbten Vermögen ab. Piketty spricht denn auch vom Patrimonialkapitalismus des 21. Jahrhunderts.

Kapitalsteuer gegen Zinswucher

Die Tatsache, dass Geld sich selbst vermehrt – das Wort Zins (tokos) meint im Griechischen das Kind, war schon dem Philosophen Aristoteles ein Dorn im Auge. Dann also Zins und Wucher verbieten, wie es im Alten Testament gefordert wird? Piketty plädiert vielmehr für die Einführung einer globalen, progressiven Kapitalsteuer. Das Prinzip, dass Kapital seinem Besitzer eine Rendite in Aussicht stellt, werde damit grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Diese Maßnahme erlaube es aber, Kontrolle über den Kapitalismus zurückzugewinnen, ohne die Kräfte des Privateigentums und des Wettbewerbs zu diskriminieren.

Denn sollten Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum in diesem Jahrhundert zurückgehen – was nahe liegt –, dann würden die «Wiederkehr der Erbschaft» und eine grenzenlose Selbstvermehrung des Kapitals die gesamte Welt betreffen – eine für Demokratien und den sozialen Frieden destabilisierende, besorgniserregende Tendenz. «Die Vergangenheit schickt sich an, die Zukunft zu fressen.»


Thomas Piketty

Thomas Piketty

Thomas Piketty, Ökonomie-Professor an der Paris School of Economics, ist international mit dem Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» bekannt geworden. Vor der Wahl des EU-Parlaments machte er zudem mit einem «Manifest für die Demokratisierung Europas» von sich reden. Zusammen mit rund hundert Wissenschaftlern und einigen Politikern aus ganz Europa plädiert er darin für mehr Steuergerechtigkeit in der EU. Er ist davon überzeugt, dass die Kluft zwischen den unteren sozialen Schichten und den Begünstigteren zur Ablehnung der EU geführt habe.

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