Besinnliche Betrachtung zu Weihnachten

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«Das Volk, das in Finsternis saß,
hat ein großes Licht gesehen;
und denen, die saßen am Ort
und im Schatten des Todes,
ist ein Licht aufgegangen.»

Matthäus 4,16; Jesaja 9,1

Weihnachten ist das Fest der Familie. In diesem Satz steckt eine tiefe Wahrheit. Was verbindet denn eine rechte Familie, die Ehepartner, Eltern, Kinder, Enkel, Großeltern miteinander? Die Liebe zueinander, die Wertschätzung, die Bejahung. Man schenkt sich Sinn und Wert und Freude am Dasein.
Manche Dichter und Schriftsteller, etwa Albert Camus oder Gottfried Benn, haben gemeint, das Dasein sei eine Wüstenei der Sinnlosigkeit und die Aufgabe des Künstler sei es, dieser Wüste durch sein Werk kleine Oasen des Sinnes abzugewinnen, vorübergehende, aber eben schöne Inseln. In der Sprache des Propheten Jesaja könnte man sagen: Lichtpunkte, kleine Glühwürmchen in der ewigen Nacht der Sinnlosigkeit. Ist nicht die Liebe, die Wärme in der Familie eine solche Oase in der Eiswüste der Welt, in der alles erstarrt? Ist deshalb nicht das Christ-«Kind» und die «heilige Familie» ein gelungenes Symbol einer jeden Familie überhaupt?
Zweifellos wären sie das, aber nur literarisch! Nicht nur deshalb, weil das Familienleben der «heiligen Familie» offenbar keineswegs immer harmonisch verlief (Matthäus 12,46-50; Markus 3,20 -21. 31-35; Lukas 8,19-21), sondern weil sich Weihnachten darin nicht erschöpft. Es ist mehr als das, aber keineswegs etwas völlig anderes. Das Grund- und Leitmotiv ist und bleibt dasselbe: die Liebe.
Gefeiert und verkündet – «frohe Botschaft!» – wird die Liebe Gotttes selbst, die in diesem Kind ein konkreter Mensch aus Fleisch und Blut geworden ist. Damit war sein Schicksal im Voraus besiegelt: «Wer am meisten liebt, ist immer der Unterlegene.» (Thomas Mann im «Tonio Kröger»). Weil er der große Liebende war, musste er auch der große Leidende sein. Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn jemand einmal gesagt hat: Die Krippe wurde aus dem selben Holz gezimmert, wie das Kreuz.
Dieser große Liebende ist kein Glühwürmchen, er ist eine hellauflodernde Fackel, die das Dunkel erhellt, die freilich auch die Macht der Finsternis zum Gegenschlag ausholen ließ –Kreuz und Tod –, die aber am dritten Tage siegte: Auferstehung. Es ist freilich weiter finster um uns her, aber diese Fackel vermag niemand mehr auszulöschen und wir harren der Stunde seines vollkommenen Sieges, da Gott, die Liebe, wirklich und endgültig, «alles in allem» (1. Korinther 15,28) sein wird.
Das Licht ist aufgegangen, damals in Bethlehems Stall und es will in jedes Menschen Herzen von neuem aufstrahlen und die Schatten des Todes vertreiben. Dazu genügt freilich nicht, dass wir einmal im Jahr, und dann vielleicht bloß flüchtig, uns daran erinnern. Die Beziehung zu einem Liebenden muss gepflegt werden, damit der Funke von dieser großen Fackel zu uns herüberspringen kann. Zu dieser Pflege gehören das Lesen der Berichte über ihn (Evangelien) und der Umgang mit ihm in Gestalt des Gebetes und der Nächstenliebe (vgl. Matthäus 25,31-46, vor allem Vers 40 und Vers 45).
Es mag nun jemand mit Fausten klagen: «Die Worte hör` ich wohl, allein mir fehlt der Glauben.» Das kann wohl sein, aber auch dem Nichtchristen stellt sich die Alternative: Willst du dein Leben einer egozentrischen Macht – Hab- und Geltungsgier – weihen oder ziehst du es vor, in «Ehrfurcht vor dem Leben» (Albert Schweitzer) dein Leben zu führen, Rücksichten walten zu lassen und dein Herz der Liebe zu öffnen? Wenn du auch an Christi Sieg und folglich an eine lichte Weltvollendung nicht zu glauben vermagst, kannst du dich dennoch für den Weg der Liebe entscheiden, weil du nicht im Widerspruch zu deinem Herzen leben willst. Wolltest du dich der Welt gänzlich anpassen, müsstest du dir ein «kaltes Herz» (Wilhelm Hauff) einhandeln.
Darum sei uns willkommen in unserer Weihnachtsfeier als einer, der die Liebe, die Wärme und das Licht in dieser harten, kalten und finstern Welt sucht. Das Kind in der Krippe mag dir vielleicht noch fremd sein, du ihm aber nicht.

Richard Wagner

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