Architekt im Dienst des großen Dichters Neruda

Der Deutsch-Chilene Stephan Schaale und seine Ehefrau Natalia Busch bringen derzeit das Haus des berühmten chilenischen Nobelpreisträgers für Literatur wieder auf Vordermann.

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Stephan Schaale renoviert Nerudas Haus «La Chascona» mit größter Vorsicht

 

Von Walter Krumbach

Das Haus «La Chascona» am Berg San Cristóbal in Santiago birgt zahlreiche Schätze seines einstigen Besitzers Pablo Neruda. Der Dichter (Literaturnobelpreis 1971) war ein begeisterter Sammler von Büchern und Kunstobjekten. Ein besonders scharfes Auge hatte er auf Muscheln: er häufte 10.000 Stück an, von denen er 7.000 der Universidad de Chile vermachte und die restlichen in seinem Haus in Isla Negra behielt.

«La Chascona» ist seit vielen Jahren ein Museum, das (nicht nur) von Neruda-Fans besucht wird. Die Stiftung Pablo Neruda erfüllt die Aufgabe, das Haus instand zu halten. Von ihr erhielt der Architekt Stephan Schaale den Auftrag, das Haus zu renovieren. Diese Aufgabe erfüllt er mit seiner Frau Natalia Busch nach modernsten Erkenntnissen der Museumswissenschaft. Dabei geht es ihnen hauptsächlich um eine gründliche Verbesserung der Beleuchtung und im Fall des Saales Francia der Möbelausstattung.

Ein wichtiges Vorhaben der Stiftung ist es, bestimmte Inhalte aus dem Leben und dem Werk Nerudas, die bisher in seinen Häusern nicht ausgestellt worden sind, zu berücksichtigen und zu zeigen. Objekte, die lediglich einen dekorativen Wert haben, sollen zugunsten dieser informativen Gegenstände entfernt werden. «Es geht uns darum, zu zeigen, wie er lebte», wirft Natalia ein, «wie er seine Freunde empfing, wo er sie empfing und wo sich sein Privatleben abspielte. Diese Inhalte waren bisher nicht zu sehen, daher werden wir sie eingliedern». Gemeint sind zum Beispiel bestimmte wichtige Auflagen seiner Werke, sowie seine Büchersammlung, die gigantische Ausmaße besitzt und gegenwärtig in einem geschlossenen Zimmer lagert, das von den Besuchern nicht betreten werden darf.

Eine besondere Herausforderung ist dabei, «die Räumlichkeiten so ähnlich wie möglich zu erhalten, wie sie Neruda zu Lebzeiten gekannt und eingerichtet hat», betont Stephan Schaale, «dabei möchten wir sehr vorsichtig sein, denn anhand vorhandener Fotografien haben wir feststellen können, dass das Haus bereits Änderungen erfahren hat».

 

Der Nobelpreis im besten Licht

Zusätzlich soll die Sicherheit optimiert werden. Wertvolle Exponate kommen mit verbesserter Beleuchtung in Glasschaukästen, ohne die Atmosphäre der Räume zu entstellen. «Der Nobelpreis und andere Medaillen, die Neruda erhielt, müssen besser als heute gezeigt werden», meint Schaale. Bedeutsam ist auch des Dichters Begräbnis, «welches fotografisch gut dokumentiert, aber nicht zufriedenstellend dargestellt ist».

Von großem Interesse findet Stephan Schaale Pablo Neurdas zahlreiche Reisen, die einen großen Einfluss auf seine Sammlungen ausgeübt haben. Dieser Zusammenhang Reisen-Sammelobjekte soll daher entsprechend dokumentiert werden.

Wie verschafft man sich Unterlagen zur Umsetzung eines Projekts dieser Größenordnung, wie trennt man die Spreu von dem Weizen? Schaale und Busch informierten sich über die Stiftung, wo die Prioritäten gesetzt werden sollten. «Anhand dieser Information haben wir eine räumliche Erzählung entworfen», erklärt Natalia Busch, «und vorgeschlagen, wo und wie diese Elemente ausgestellt werden müssten». Welche Reise, welches Buch und welche Medaille gezeigt werden sollen, entscheidet die Stiftung. Wie diese Inhalte in anregende Exponate verwandelt werden, schlägt ihr anschließend das Architektenpaar vor.

Zusammenfassend sieht der Plan vor, die Beleuchtung der Bar, des Wohnzimmers, der Bibliothek und des Sala Francia aufzubessern. Zusätzlich werden Mobiliar und Musterstücke von Nerudas Sammlungen der Bibliothek und des Sala Francia veredelt. Die Bibliothek ist derzeitig wie zu Lebzeiten Nerudas aufgebaut, weshalb hier größte Vorsicht geboten ist. Von dem Sala Francia ist heute dagegen die Kenntnis darüber, wie Neruda ihn hielt, minimal. Daher ist die Freiheit, ihn zu modernisieren, dementsprechend größer. 

Die Modernisierung der «Chascona» ist nicht das erste Projekt, welches Schaale und Busch für die Stiftung Pablo Neruda bewerkstelligen. Vor vier Jahren, als das Haus für die zahlreichen Veranstaltungen wie Dichterlesungen, Filmvorführungen und Gesprächsrunden zu eng wurde, erwarb die Stiftung das Nachbarhaus. 30 Prozent der Fläche dieses Baus teilte sie der Verwaltung zu und 70 Prozent den Präsentationen.

Stephan Schaale entwarf und führte damals ein hochmodernes und komplexes Multimediaprojekt aus, bestehend aus Beleuchtung und Tonanlage. Er montierte eine technische Ausrüstung, die in den vorhandenen Ausstellungs- und Veranstaltungssälen ermöglichte, die anlaufenden Aktivitäten in zeitgemäßer Qualität durchführen zu können. Es war keine einfache Aufgabe, die gelöst werden sollte. Schließlich sollten die modernen Apparaturen möglichst unaufdringlich und elegant eingebaut werden, ohne störend zu wirken, sondern den Eindruck vermitteln, dass sie ein Teil der Räume sind.

Das derzeitig laufende Projekt befindet sich zurzeit in der Entwicklungsstufe des Entwurfs der Grafik, der Leuchtkörper und der Möblierung. Anschließend begutachtet die Stiftung den Plan und wenn die Einfuhr der Geräte termingemäß klappt, müsste die Arbeit in zwei Monaten beendet sein.   

Das ist für ein vielschichtiges Vorhaben dieser Art eine relativ kurze Zeit. «Es muss schnell geschehen», erklärt der Architekt, «da das Museum außer montags täglich geöffnet und der Besucherstrom groß ist».

 

Trotz Zeitdruck Zuversicht

Natalia Busch und Stephan Schaale zeigen sich trotz des Zeitdrucks zuversichtlich und ohne eine Spur Nervosität. Das liegt mit Sicherheit zum großen Teil an der Erfahrung, die sie mittlerweile gesammelt haben. In Isla Negra entwarfen sie den Sala Caracolas (Muschelsaal) – das war ihr zweites Projekt, der Abschluss der Museumsroute. Es war ein Bereich des Hauses, den Neruda zwar gebaut hatte, dessen Bestimmung aber in jener Zeit nicht besonders klar war. Der Bau wurde seinerzeit beendet, blieb jedoch leer. So entschied die Stiftung, Nerudas Muscheln in dem Bereich auszustellen. Von den 3.000 Muscheln wurde eine Auswahl auf eine recht prekäre Art ausgelegt, die nicht dem Niveau des Museums und der Exponate entsprach.

Dazu kam, dass der Fußboden in schlechtem Zustand und der Teppichbelag verschlissen war. Der Leiter schloss den schadhaften Bereich und ließ ihn von Busch und Schaale renovieren. In diesem Fall hatten sie eine größere künstlerische Freiheit als üblich, da dieser Bereich zu Lebzeiten des Dichters keine Verwendung gefunden hatte. Der Saal ist in Weiß gehalten und man betritt ihn durch einen bauchig-gerundeten Eingang, als wenn man durch eine Muschel ginge. «Es ist wie die Kirsche auf der Torte», freut sich der Projektleiter.  

Stephan Schaale ist in Viña del Mar geboren und in Santiago aufgewachsen. In der Hauptstadt absolvierte er die Deutsche Schule. Danach studierte er Kunst an der Universidad Católica Santiago und später Architektur an der Universidad Católica Valparaíso. An der Technischen Universität Berlin vervollkommnete er seine Ausbildung. Nach der Heimreise nahm er für eine Firma verschiedene Projekte in Angriff, die sich mit Ausstellungen beschäftigte. «Ich habe an fünf äußerst interessanten multimedialen und interaktiven Projekten teilgenommen.»   

Heute widmet er sich beruflich vollkommen der Firma Shift Arquitectos, die er vor wenigen Jahren mit seiner Frau gründete. Wenn Natalia Busch und Stephan Schaale von ihrer Arbeit erzählen, stellt man fest, dass sie mit Sachkenntnis und Liebe zum Detail vorgehen. Was würde sie im Endeffekt zufriedenstellen? Schaale antwortet ohne lange nachdenken zu müssen: «Mit der neuen Beleuchtung wird eine große Änderung eintreten. Heute wirkt sie störend, sie ist zu hell, zu glänzend. Sie entstellt die Farben der Objekte. Eine enorme Änderung wird in der Vorstellung von Nerudas Werk eintreten. Jedes Objekt wird Teil einer fortlaufenden Erzählung sein und es wird eine Übersichtlichkeit entstehen, die heute nicht existiert.»

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