Arbeit – quo vadis?

«Du sollst dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen», heißt es schon in der Bibel. In der westlichen Welt scheint uns die Arbeit in die Wiege gelegt zu sein. Doch unser Begriff von Arbeit befindet sich im Wandel. Philosophen rufen dazu auf, endlich zur menschlichen Kondition der Faulheit zu stehen. Weniger Freche fordern eine ausgeglichenere «Work-Life-Balance» oder eine gerechtere Verteilung der Arbeit. Ist ein bedingungsloses Grundeinkommen die Lösung?

Spagat zwischen Beruf und Familie: Besonders Frauen sind von Burnout betroffen.
Spagat zwischen Beruf und Familie: Besonders Frauen sind von Burnout betroffen.

Von Petra Wilken

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat beruflichen Stress zu «einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts» erklärt. Bis 2030 könnte das in Deutschland als «Burnout» bekannte Syndrom der totalen körperlichen und geistigen Erschöpfung die wichtigste Ursache von Krankheitsbelastungen sein. In reichen Ländern ist sie das bereits. Laut einer Studie des Dachverbandes der Betrieblichen Krankenkassen sind die Krankschreibungen in Deutschland aufgrund von Burnout in den vergangenen sieben Jahren um das 19-fache angestiegen. Die Techniker-Krankenkasse gab an, dass 2008 «ausgebrannte» Berufstätige fast zehn Millionen Tage krankgeschrieben worden seien.
Besonders stark betroffen sind laut der Studien Frauen, die im Beruf stark gefordert sind und zudem ständig den Spagat zwischen Arbeit und Familie bewältigen. Außerdem stark gefährdet sind Berufstätige mit höherem Bildungsabschluss und in gehobenen Positionen. Nach einer Befragung von Führungskräften hält es jeder zweite Manager für möglich, selbst «auszubrennen». Jeder Sechste hat in der Vergangenheit bereits einen Burnout gehabt. Als Ausgleich zur beruflichen Belastung gaben 75 Prozent der Befragten an, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. 60 Prozent treiben Sport.
Damit liegen sie schon ganz richtig. Beim Gesundheitscoaching der Krankenkassen gibt es Tipps zur Vorbeugung. Diese können dann auch so banal sein wie sich bewusst mehr Zeit für sich zu nehmen und freie Zeiten im Kalender einzuplanen. Gut sei auch, sich morgens und abends eine «stille Zeit» einzuplanen, um zur Ruhe zu kommen. Angesichts von immer stärker zunehmender Arbeitsverdichtung rufen Arbeitspsychologen zur «betrieblichen Mäßigungskultur» auf, denn nach Entlassungswellen der vergangenen Jahre wurde die Arbeit nicht weniger, sondern auf immer weniger Menschen verteilt.
Eine andere Strategie scheint die «innere Kündigung» zu sein. Von ihr ist die Rede, wenn Arbeitnehmer sich nicht anerkannt und bei Beförderungen übergangen fühlen, mangelnde Aufstiegschancen sehen und die Bezahlung als schlecht empfinden. Ihre Tätigkeit sehen sie als nicht erfüllend und sinnlos. Sie erstarren in der Routine und stehen in der Gefahr, einen «Boreout» zu bekommen. «Diagnose Boreout» ist ein 2007 erschienenes Buch, das das gegenteilige Phänomen zum Burnout beschreibt. Es besteht aus den Elementen Unterforderung, Desinteresse und Langeweile. Hinzu kommen Verhaltensstrategien, die helfen sollen, bei der Arbeit beschäftigt zu wirken, obwohl dies gar nicht der Fall ist.
Das Phänomen Boreout ist umstritten. Was jedoch real ist, sind körperliche und psychische Erkrankungen, die sich genauso wie bei Stress auch bei Unterforderung am Arbeitsplatz bemerkbar machen: Rückenschmerzen, Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Übelkeit, häufige Erkältungen, Depression und so weiter. Aufgrund der hohen Krankenstände werden sowohl Burnout als auch Boreout immer mehr als gesamtgesellschaftliche Probleme gesehen.

Arbeit war immer im Wandel: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog das Fließband in die Fabriken ein.
Arbeit war immer im Wandel: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog das Fließband in die Fabriken ein.

Wenn uns Arbeit krank macht, sollten wir sie dann abschaffen? Das forderte der US-amerikanische Anarchist Bob Black schon 1986 in seinem Aufsatz «Die Abschaffung der Arbeit». «Es bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, Dinge zu tun. Vielmehr sollten wir eine neue Lebensweise schaffen, der das Spielen zu Grunde liegt», schreibt Bob Black. Also alle Formen der Arbeit abschaffen, die uns nicht glücklicher machen und die verbleibende Arbeit in Spiel verwandeln. Üblicherweise sei Lohnarbeit ein Sich-Verkaufen an den Dienstplan. Auch wenn der Tätigkeit ein Quäntchen Erfüllung innewohne – was immer seltener vorkomme – so zerstöre doch die Eintönigkeit ihrer verbindlichen Ausschließlichkeit jedes spielerische Potential, so der Anarchist.
Der Gründer der Drogeriemarktkette dm, der erfolgreiche deutsche Unternehmer Götz W. Werner, hat Vorschläge, die in eine ähnliche Richtung gehen. Er hält die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens für machbar. Das bedingungslose Grundeinkommen wird als Transferleistung definiert, bei der der Staat jedem Bürger, unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage, eine finanzielle Zuwendung zahlt, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen.
Götz W. Werner schreibt in seinem Buch «Einkommen für alle»: «Wir müssen uns von Denk- und Wertstrukturen verabschieden, die noch aus der Zeit des Feudalismus stammen. Arbeit und Einkommen müssen getrennt werden. Die Zukunft des Sozialstaats liegt in einem Grundeinkommen, das jedem Bürger ohne irgendwelche Voraussetzungen oder Bedingungen zusteht, das seine Existenz sichert und sein Arbeitseinkommen teilweise ersetzt.» Somit wären wir nicht mehr zur Arbeit gezwungen, hätten aber die Freiheit, für unsere Mitmenschen sinnvoll tätig zu sein.
Der deutsch-chilenische Psychiater Dr. Niels Biedermann hält das nicht für eine gute Idee. Er sieht darin die Gefahr der Infantilisierung der Gesellschaft. Die Menschen würden von dieser Einnahmequelle abhängig werden, was zu destruktivem Verhalten führen könne, zumindest wenn man keine Arbeit, kein Projekt habe. Im Gespräch mit dem Cóndor unterstreicht er die psychologischen Aspekte der Arbeit. Über die Arbeit würden wir die Zugehörigkeit zur Gesellschaft definieren. Ein Teil der eigenen Identität und des Wohlgefühls würde durch die Arbeit bestimmt. «Arbeit hat eine integrative gesellschaftliche Funktion», so Biedermann.
Laut Wikipedia ist das Wort Arbeit gemeingermanischen Ursprungs, dessen Herkunft jedoch völlig unsicher sei. Es könnte mit dem indoeuropäischen Wort «Waise» zusammenhängen, also ein Kind, das gezwungen ist zu arbeiten, um zu überleben, Knechtschaft und Sklaverei. Für Niels Biedermann jedoch ist der Begriff Arbeit sehr viel positiver belegt. Arbeit und Kultur sei früher eins gewesen. Kultivieren habe die Geschichte der Menschheit geprägt. So sei Arbeit ein produktiver Prozess. Das Ziel sei es, ein Produkt zu schaffen. Das Produkt der Arbeit könne genauso ein Auto wie ein soziales Projekt mit Behinderten sein.
«Zum Burnout kommt es, wenn man nicht mehr nachdenken kann, wenn man nicht mehr zu sich selbst finden kann. Für Kreativität und für psychologisches Gleichgewicht braucht man Zeit», erklärt Biedermann. Ein anderer Aspekt, der zum Burnout oder zu Depression führe, sei die fehlende Möglichkeit, seinen eigenen Stil einführen zu können. Das sei insbesondere in autoritären Strukturen der Fall, in denen die Mitarbeiter wenig eigene Verantwortung übernehmen können.
So könne es auch zu affektiver Abstumpfung kommen. Krankschreibungen wegen Burnout gäbe es jedoch nicht, klärt er auf. Im US-amerikanischen Diagnoseschlüssel für psychotische Erkrankungen sei der Burnout als solches nicht aufgeführt. Deshalb würden die betroffenen Personen wegen Depression krankgeschrieben. Chile gehöre zu den Ländern, in denen die Krankschreibungen aufgrund von Depressionen hoch seien, so Biedermann.
Zu einer ausgeglichenen «Work-Life-Balance» zu kommen ist in Chile für viele Arbeitnehmer nicht einfach. Nach einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen steht Chile an dritter Stelle der Länder, in denen die meisten Stunden gearbeitet werden, jedoch bei gleichzeitig niedriger Produktivität. Dass lange Arbeitszeiten nicht unbedingt hohe Produktivität bedeuten, ist schon länger bekannt. Doch nun verschaffen sich auch immer mehr Stimmen Gehör, die eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit fordern.
Der mexikanische Multi-Milliardär Carlos Slim, der als zweitreichster Mann der Welt gilt, hat vorgeschlagen, die Regel-Arbeitszeit von fünf auf drei Tage mit elf Stunden zu verkürzen und dafür das Rentenalter auf 75 anzuheben. «Wir sollten während unseres gesamten Lebens mehr Zeit für uns haben, nicht erst wenn wir mit 65 in Rente gehen», sagte der Multi-Milliardär dem Nachrichtensender CNN. «Vier Tage frei zu haben bedeutet einfach mehr Lebensqualität, mehr Zeit zum Relaxen, mehr Zeit für Familie und Hobbys.»
Nicht ganz so revolutionär wie der Milliardär, aber doch in der gleichen Richtung meldete sich der Senior-Experte der ILO, Jon Messenger, Ende 2014 zu Wort: In einem Bericht nennt er fünf Gründe für eine Reduzierung der Arbeitswoche auf vier Tage: Zuviel Arbeit schade der Gesundheit; eine kürzere Arbeitswoche schaffe bessere und mehr Arbeitsplätze; wir seien produktiver, wenn wir weniger arbeiten; weniger Tage zu arbeiten sei ein Beitrag zum Umweltschutz, und die Arbeitnehmer würden glücklicher sein.

Neue Vorschläge für eine ausgeglichenere "Work-Life-Balance": Zum Beispiel die Arbeitswoche auf drei Tage mit elf Stunden zu verkürzen.
Neue Vorschläge für eine ausgeglichenere „Work-Life-Balance“: Zum Beispiel die Arbeitswoche auf drei Tage mit elf Stunden zu verkürzen.

Gleichzeitig wird vor einem zukünftigen Fachkräftemangel gewarnt. Aus der Studie «Global Workforce Crisis» der Boston Consulting Group (BCG) geht hervor, dass in Deutschland 2030 bis zu acht Millionen Fachkräfte fehlen werden. Das Beratungsunternehmen hat 200.000 qualifizierte Arbeitssuchende aus 189 Ländern gefragt, wie ihre Präferenzen sind und was ihnen im Leben wichtig ist. Die Bezahlung kam von 26 Alternativen nur auf Platz acht. Die ersten Plätze belegten: Wertschätzung für die eigene Arbeit, gute Beziehungen mit den Kollegen, gute Work-Life-Balance und gute Beziehung mit der Führungskraft.
Unternehmensberater rufen die Wirtschaft deshalb dazu auf, ihre Kultur und Ansätze zu verändern, um überhaupt attraktiv für gute Leute zu bleiben. Die Firmen sollten sich auf die Lebensentwürfe der kommenden Generation einstellen, die ganz neue berufliche Biografien hervorbringen und andere kulturelle Parameter setzen würden, wie die Sharing- und Tauschökonomie (benutzen statt besitzen), die Individualisierung von Produkten und die globale Zusammenarbeit in Wertschöpfungsketten, so BCG. Die Unternehmen müssten künftig mehr Mitsprache zulassen und auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen.
Gute Aussichten also: Wir schaffen die Arbeit nicht ab, sondern machen sie zu einer Instanz, in der wir etwas Nützliches produzieren, unser Beitrag begehrt und geschätzt wird, wir den Tag in angenehmer Atmosphäre verbringen, wo wir unsere Kräfte gut einteilen können und zufrieden nach Hause gehen (falls wir nicht zuhause arbeiten). Nichts Neues eigentlich, sondern Arbeit wäre so, wie sie uns schon vor mehr als 2000 Jahren von Konfuzius empfohlen wurde:
«Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.»

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