Algenpest, Ölunfall und dramatisches Fischsterben in Chile

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Verendete Sardellen und Garnelen am Strand von Arica

Der Mai ist in Chile eigentlich der traditionelle «Monat des Meeres». Gründe zum fröhlichen Feiern gibt es kaum.

Von Arne Dettmann

Ein Unglück kommt selten allein: Seit Ende Februar wütet eine Algenpest (Raphidophyceae Chattonella) in den Gewässern Südchiles, bei der bisher 22 Millionen Zuchtlachse aufgrund von Sauerstoffmangel verendeten. Und seit mehr als zwei Wochen sterben rund um die Insel Chiloé tausende Muscheln, Quallen, Krebse, Fische und Seehunde in der sogenannten Marea Roja («Rote Flut»), ebenfalls ausgelöst durch eine dramatische Algenblüte (Alexandrium Catenella), bei der sich die oberen Schichten des Meeres rot bis braun färben. Nun riss am vergangenen Samstag in der Bucht von Quintero, 120 Kilometer von Santiago entfernt, bei einem Tankschiff ein Schlauch ab, so dass eine bisher unbekannte Menge an Öl ins Meer strömte.

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Massensterben von Tintenfischen bei Coronel auf der Isla Santa María

«Das ist ein unentschuldbarer Fehler, wir werden die Verantwortlichen für das Auslaufen zur Rechenschaft ziehen», betonte Umweltminister Pablo Badenier. Der Chef des Hafenterminals Quintero, wo die staatliche Erdölgesellschaft Enap eine Raffinerie betreibt, wurde am Dienstag entlassen. Bereits im September 2014 hatten sich bei einem ähnlichen Vorfall in Quintero 38.000 Liter Öl in die See ergossen, im August gelangten 500 Liter Öl aus dem Kielraum eines Frachters.

Während beim aktuellen Tankerunglück unvorgesehene Witterungsverhältnisse als Ursache diskutiert werden, sehen Wissenschaftler das Klimaphänomen El Niño als Grund für die Algenpest in Südchile. Demnach könnte die Wassererwärmung sowie ausbleibende Regenfälle deren extreme Vermehrung verursacht haben.

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Marea Roja in Südchile: Verendete Krebse bei der Insel Chiloé

Viele Fischer sehen das anders und machen für die Algenplage rund um Chiloé die Lachsindustrie verantwortlich, die von den chilenischen Behörden die Erlaubnis erhalten hatte, tausende Tonnen verwester Lachse auf offenem Meer zu entsorgen. Bei Protesten auf der Insel blockierten die Fischer auch die Zufahrtsstraßen bei den Fähranlegestellen, so dass es zeitweise zu Versorgungsengpässen mit Lebensmittel kam. Die chilenische Regierung ist mittlerweile auf die Forderung der Fischer nach finanzieller Unterstützung eingegangen.

Unterdessen untersucht derzeit die chilenische Marine ein Massensterben von Sardellen in der Mejillones-Bucht in Nordchile, 60 Kilometer von Antofagasta, mutmaßlich ausgelöst durch eine zu geringe Sauerstoffkonzentration im Wasser. Die örtlichen Fischer führen das Verenden der Tiere auf die dortigen Industrieansiedlungen zurück. Auch im Fall des massiven Lachssterbens in Südchile werfen einige Wissenschaftler der Aquafarmen eine übermäßige Gabe von Antibiotika und Schädlingsbekämpfungsmitteln vor, was eine extreme Algenblüte zur Folge gehabt hätte.

Mit dem «Monat des Meeres» wird in Chile traditionell an das Seegefecht von Iquique erinnert, bei dem am 21. Mai 1879 die Vorentscheidung über die chilenische Seeherrschaft im Zuge des Salpeterkrieges gegen Peru und Bolivien errungen wurde.

Die negativen Schlagzeilen bezüglich Natur und Umwelt in Chile reißen derzeit nicht ab. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte kürzlich in ihrem Bericht über Luftqualität Coyhaique als die Stadt mit der stärksten Luftverschmutzung in ganz Lateinamerika ein. Die Hauptstadt der südlichen Region Aysén kommt demnach auf durchschnittlich 64 Mikrogramm Feinstaub (Durchmesser 2,5 Mikrometer) pro Kubikmeter Luft. Auch andere chilenische Städte weisen eine erhöhte Luftverschmutzung auf. Fehlende Niederschläge und das Heizen mit feuchtem Holz gelten mit als Ursache.

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