Wo die Hexen auf Besen fliegen

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An diesem Sonnabend fliegen im Harz wieder überall die Hexen auf Besen und Mistgabeln ein, um sich mit dem Teufel zu verbinden. Das höchste nördlich gelegene Mittelgebirge Deutschlands ist einer der beliebtesten Schauplätze für das ausschweifende und  schaurig-schöne Treiben in der traditionellen Walpurgisnacht am 30. April.  

Von Petra Wilken

Überall im Harz wird die Walpurgisfeier inszeniert, und nicht nur auf dem Brocken – im Volksmunde Blocksberg – auf dem Goethe seinen Faust hat erleben lassen, was in der Nacht zum 1. Mai alles passieren kann. Die Fremdenverkehrsvereine rechnen mit bis zu hunderttausend Besuchern. Sei es in Golsar, Hahnenklee, Schierke, oder auf dem Hexentanzplatz, ein 450 Meter hohes Plateau über dem Bodetal – überall brodeln die Kessel und die Programme sind bunt.

In Hahnenklee wird der gesamte Kurpark in rotes Licht getaucht, aus den Bäumen blicken riesige Hexen- und Teufelsgesichter mit glühenden Augen auf die Besucher herab. Die Harzhexe Petrina sagt in einer dunklen Hütte die Zukunft vorher. Mittelalterlich gekleidete Krämer bieten Teufelswurst und Höllenwürmer an, Feuerspucker sind unterwegs, und um Mitternacht tritt der Oberteufel auf, um den ewigen Winter zu verkünden. Doch die Maienkönigin wird ihn davon abhalten. Dann werden überall Feuer entzündet, reichlich Maibowle getrunken und im Morgengrauen der Frühling begrüßt.

Maibaumaufstellen

Doch damit ist es noch nicht getan. Am Vormittag des 1. Mai geht es weiter mit dem Maibaumaufstellen. Der Maibaum, meist eine Birke, ist gleichzeitig ein Symbol der Fruchtbarkeit als auch des Weltenbaums, der in den Mythologien vieler Völker die kosmische Ordnung darstellt und Himmel, Erde und Unterwelt verbindet. Auf vielen Dorfplätzen in ganz Deutschland werden feierlich hohe geschmückte Masten als Maibäume aufgestellt.

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Ein anderer noch immer lebendiger Brauch ist es, der Liebsten einen Maibaum vor die Haustür zu stellen. Früher sind die jungen Männer dazu in den Wald gegangen und haben eine Birke geschlagen. Heute sind es oft Zweige, die mit buntem Krepppapier geschmückt werden. Da freut sich die Angebetete natürlich, während heimlich Verliebte damit rechnen müssen, in der Walpurgisnacht enttarnt zu werden: Der «Maistrich» sind weiße Linien, die mit Kreide oder Kalk, vom Haus des einen zum Haus des anderen gezogen werden und damit allen zeigen, dass es sich hier um ein Paar handelt.

Spaß beim «Walpern»

In der Pfalz, der Eifel, dem Hunsrück und im Saarland haben die Kinder ihren Spaß beim «Walpern» oder «Hexen». Sie gehen in Gruppen durch den Ort und treiben Schabernack – bewegen Fußmatten, Mülleimer oder Gartengeräte, so dass die Eigentümer sie plötzlich woanders wiederfinden. Auf dem Land schützte man sich früher von den Umtrieben von Hexen und Teufeln durch nächtliches Peitschenknallen und legte Besen und Maibüsche aus.

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In Heidelberg ziehen bis heute in der Walpurgisnacht jedes Jahr Tausende Menschen auf den Heiligenberg und feiern ein Fest, bei dem es weder kommerzielle Verkaufsstände noch elektrisches Licht gibt. Es ist die größte inoffizielle Feier Heidelbergs.

Nicht nur in Deutschland, in ganz Mittel- und Nordeuropa, werden zahlreiche Bräuche zu Walpurgis lebendig gehalten – auch wenn sie heute für viele reinen Unterhaltungswert haben und einfach ein rauschendes Fest sind, bei dem man sich wie zu Halloween schaurig verkleiden kann. Doch wo kommen die Rituale her?

Bräuche aus vorchristlicher Zeit

Der Name geht auf die Heilige Walburga (um 710 bis 779) zurück. Die Ursprünge des Festes sind jedoch heidnisch und stammen aus vorchristlicher Zeit. Bei den Germanen und den Kelten soll es als Frühlings- und Fruchtbarkeitsfest gefeiert worden sein. Nach den langen Wintern, die in Mittel- und Nordeuropa die Zeit des Darbens war, wurde das Erwachen der Natur gefeiert. Der Termin liegt genau zwischen der Frühlings-Tagundnachtgleiche und der Sommersonnenwende (Mittsommer). Für die Kelten sollen an diesem Tag mystische Wesen aus anderen Sphären Zugang zu unserer Welt haben. Ebenso verhält es sich sechs Monate später, wenn der Herbst Einzug hält und «Halloween» gefeiert wird.

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Überlieferungen zufolge sollen in vorchristlicher Zeit der Maikönig und die Maikönigin aufs Feld geführt worden sein, wo sie den Liebesakt vollzogen haben, um die eigene Fruchtbarkeit auf die Erde zu übertragen und so für eine gute Ernte zu sorgen. Im Wendland soll es eine besondere Variation der Fruchtbarkeitsrituale gegeben haben. Die Monolithen der Region werden im Volksmund «Brautsteine» genannt. In der Walpurgisnacht sollen Mädchen über die Steine gerutscht sein, um sich ihren Liebsten herbeizuwünschen. In der Nacht wurden Freudenfeuer angezündet, und die Menschen tanzten und sprangen vor Freude durch die Flammen.

Diesen heidnischen Bräuchen stellte die Kirche im Mittelalter eine beim Volk beliebte Heilige gegenüber. Walburga stammte aus einer adeligen Familie in England und wurde nach Deutschland entsandt, um ein Kloster in Heidenheim zu leiten. Bei der Überfahrt soll ihr Schiff in einen Sturm geraten sein, doch sie bewahrte es durch ihre Gebete vor dem Untergang. In Deutschland soll sie anschließend mehrere Wunder vollbracht haben. Sie soll Kranke geheilt haben, sie rettete einmal mithilfe von drei Ähren ein Kind vor dem Verhungern, ein anderes Mal konnte sie einen tollwütigen Hund bändigen.

Aufgrund dieser Wunder sprach Papst Hadrian II. sie an einem 1. Mai – vermutlich im Jahr 870 – heilig. Seitdem wird die Nacht zum 1. Mai zu Ehren der Heiligen Walburga gefeiert, die vor allem auf dem Land sehr beliebt war, da sie als Schutzpatronin vielerlei Zuständigkeit hatte – gegen Krankheiten und Seuchen, Tollwut, Hungersnot und Missernte. Zudem war sie auch Patronin der Kranken und der Wöchnerinnen, aber auch der Bauern.

Nach ihrer Heiligsprechung kam es zu einem Reliquienkult um Walburga. Er wurde vom Benediktinerorden, Bischöfen und dem Adel gefördert, um ein Gegengewicht gegen die beliebten Volksheiligen zu setzen und den Führungsanspruch des Adels innerhalb der christlichen Welt dauerhaft zu befestigen. Einen Höhepunkt erreichte der Walburgakult im 11. Jahrhundert.

Verteufelung des Festes

Vermutlich seit der Zeit der Hexenverfolgungen wurden die heidnischen Rituale der Walpurgisnacht mit den Vorstellungen versehen, die bis heute zumindest im Harz die Fantasien beflügeln: Hexen kommen auf Besen zu ihren Tanzplätzen angeflogen und vereinigen sich mit dem Teufel, den sie übrigens auf den nackten Hintern küssen. So kam es im wahrsten Sinne des Wortes zur «Verteufelung» des Festes. Die Kirche machte aus dem Fruchtbarkeitsfest einen Hexentanz, bei dem sich das Böse vermählte.

Dennoch konnte dies bis heute der großen Beliebtheit der Walpurgisfeiern keinen Abbruch tun. Da es in den vergangenen Jahrhunderten zu einer Vermischung von heidnischen und christlich geprägten Bräuchen gekommen ist, so gibt es lokal viele unterschiedlich ausgeprägte Rituale. Nicht überall sind Hexen unterwegs, so wie im Harz, wo Goethe sie durch seine Tragödie Faust überaus beliebt gemacht hat.

Doch die Maienfeuer, über das Verliebte gemeinsam springen und dann als verlobt gelten, und die vielerorts präsenten Maibäume zeugen noch immer davon, dass Frühlings- und Fruchtbarkeitsriten im kollektiven Unterbewusstsein nach wie vor lebendig sind.

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