Walt Disneys «Fantasia»

Walt Disneys legendäre Produktion ist weit mehr als ein Zeichentrickfilm für Kinder. Es ist ein Experimentalwerk, das zu seiner Entstehungszeit Maßstäbe setzte. Acht Musikstücke, von Bach bis Stravinsky, werden darin in Bilder umgesetzt. Bei Bachs Toccata und Fuge in d-Moll wird abstrakten Gebilden Leben eingehaucht, die meisten der restlichen Stücke dagegen erzählen Geschichten. Das Philadelphia Orchestra unter Leopold Stokowski tritt im Studio auf. Per Trick kommt es zum Händeschütteln und anerkennenden Wortwechsel zwischen dem großen Maestro und der Micky Maus.

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Zwei Platten enthält die im Handel erhältliche Kassette: eine DVD und eine Blu-ray. Der Kunde kann also wählen, auf welchem Format er den Film sehen will, übrigens eine für die gegenwärtige Zeit typische Marktstrategie, die zum Ziel hat, Konsumenten, die noch keinen Blu-ray-Spieler besitzen, zum Kauf eines solchen anzuspornen.

Als Zugabe kann der Betrachter dem Disney-Familienmuseum in San Francisco einen vierminütigen Besuch abstatten. Er erfährt etliches über die Geschichte der Animationsfilme und darf Originalrequisiten und Zeichnungen betrachten.

Unter den Extras ist die Dokumentation über das Heft des Hermann Schultheis besonders interessant. Dieser Deutsche Immigrant hielt in einer Art Logbuch mit peinlicher Genauigkeit die verschiedenen technischen Verfahren fest, die entwickelt und angewandt werden mussten, um bestimmte Spezialeffekte zu ermöglichen. Schultheis war für den Entwurf und die Ausarbeitung dieser zum Teil höchst komplizierten Vorgänge verantwortlich, wie etwa Vulkanausbrüche im Studio mit echtem Rauch oder Rückprojektionen, die eingesetzt wurden, um Hintergründen Gestalt zu geben. Man guckt und staunt.

Die Blu-ray-Kopie des über 70-jährigen Films ist feinkörnig, scharf und gut konturiert; bedauerlicherweise sind jedoch wiederholt einige Farben bei der Überspielung missraten: bestimmte Tönungen wirken gnadenlos-scheußlich übersättigt.

Der Ton wird auf 7.1 Kanälen (!) geliefert. Disneys Ingenieure hatten damals – mehr als ein Jahrzehnt bevor «Cinerama» in die Kinos kam – ein Verfahren entwickelt, um das Publikum klanglich nicht nur von vorne, sondern in einem Winkel von 360 Grad anzustrahlen. Es rauscht in der Tat von allen Seiten auf den Zuschauer hernieder, aber der Eindruck eines natürlichen Surroundeffekts will sich nicht so recht einstellen.

Die verschiedenen Musiknummern werden von dem damals bekannten Moderator Deems Taylor eingeleitet. Er macht seine Sache kenntnisreich, spricht direkt in die Kamera, vergisst aber den Namen des Autors der «Zauberlehrling»-Tondichtung anzuführen.

Interessant aus heutiger Sicht ist Stokowskis Herangehensweise an die berühmten Musikstücke, vor allem die bereits erwähnte Toccata und Fuge, von der der Dirigent höchstpersönlich die Orchesterfassung erstellte – eine vieldiskutierte Version, der nachgesagt wird, sie höre sich wie Bach im Wagnergewand an.

 

Von Walter Krumbach

 

«Fantasia», USA, 1940. Regie: James Algar. Produktion: Walt Disney. Drehbuch: Lee Blair, Elmer Plummer. Musik: Johann Sebastian Bach, Piotr Tschaikowsky, Paul Dukas, Igor Stravinsky, Ludwig van Beethoven, Amilcare Ponchielli, Modest Mussorgsky, Franz Schubert. Spieldauer: 124 Min.

 

Bild                 **

Ton                 ***

Darbietung   *****

Extras                        ****

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