Wagners «Ring des Nibelungen» an der MET

Die Planung der jüngsten «Ring»-Produktion der New Yorker Metropolitan Opera nahm mehrere Jahre in Anspruch. Der Produzent, Bühnenbildner und Regisseur Robert Lepage ersann seinen Schauplatz als eine riesige, klaviertastaturähnliche Apparatur. Sie wird elektronisch angetrieben und präzise bewegt sowie mittels Videoprojektoren angestrahlt. So viel Beweglichkeit ergibt ungeahnte szenische Möglichkeiten.

Verblüffend echt entstehen Mimes Schmiede, der Walkürenfelsen, Fafners Höhle, die Gibichungenhalle und vieles mehr. Die Sänger treten auf den Planken auf, was nicht immer ungefährlich ist: Bei der Generalprobe stürzt Deborah Voigt (Brünnhilde) vom Felsen, erfreulicherweise ohne Schaden davonzutragen. So zu sehen im Dokumentarfilm «Wagners Traum», in dem sich zudem Hans-Peter König (Fafner) bei den Technikern darüber beschwert, dass der Boden viel zu wackelig sei.

Der Titel des Streifens will besagen, dass der Komponist bei der Premiere 1876 nicht die Möglichkeit hatte, seine szenischen Anforderungen zu realisieren, wie es in Lepages Multimedia-Produktion nunmehr möglich ist. Sogar den Waldvogel sieht man nicht nur von einem Baum zum anderen flattern, sondern synchron zu seiner menschlichen Darstellerin singen!

Der Film dokumentiert die mühsamen Vorbereitungen, Rundfunkinterviews, Klavier-, Bühnen- und Orchesterproben, Besprechungen des Regisseurs mit seinen Sängern und schließlich den feierlichen Eröffnungsabend.

Die vier Opern wurden mit Sachkenntnis mitgeschnitten. Die Bildqualität ist außerordentlich gut, nicht einmal während der dunklen Szenen sind Schärfeeinbußen zu beklagen. Der Ton wurde hervorragend abgemischt. Selten hat man die 5.1-Kanaltechnik so beeindruckend hören können.

Die künstlerischen Leistungen entsprechen dem heutigen Standard der Wagner-Praxis an einer Spitzen-Bühne. Das Orchester spielt zwar etwas stromlinienförmig (man hätte sich ein  wenig mehr «Biss» gewünscht), die Maestri James Levine und Fabio Luisi dirigieren jedoch gekonnt und sängerfreundlich.

Unter den Solisten erbringen Bryn Terfel (Wotan), Hans-Peter König (Fafner, Hunding, Hagen), Jonas Kaufmann (Siegmund), Deborah Voigt (Brünnhilde) und Gerhard Siegel (Mime) außerordentliche Leistungen, die jene Lügen strafen, welche behaupten, dass es heute keinen angemessenen Wagnergesang mehr gäbe. Die nordamerikanischen Sänger kämpfen tapfer mit der deutschen Aussprache und können dabei meist siegreich bestehen.

An Extras wurde nicht gespart. Außer der fast zweistündigen Dokumentation «Wagners Traum» sind jeder Oper Interviews mit den Hauptdarstellern beigegeben. Kein geringerer als Plácido Domingo befragt zum Beispiel Eva-Maria Westbroek und Jonas Kaufmann zur «Walküre». Dazu erlebt man eine «Rheingold»-Probe mit James Levine und die Blechbläser geben eine glanzvolle Einführung in die «Ring»-Leitmotive.

Alles in allem eine opulente Produktion, nicht nur eingefleischte Wagner-Anhänger, da sie eindrucksvoll dokumentiert, wie heute ein führendes Opernhaus ein besonders schwieriges Werk in Angriff nimmt, dabei dem Vorhaben des Autors mit größtem Respekt entgegenkommt und trotzdem im Endeffekt hochmodern wirkt.

 

Walter Krumbach

 

«Der Ring des Nibelungen», USA, 2012. Regie: Gary Halvorson, Susan Froemke. Produktion: Harald Gericke, Susan Froemke. Mit: Bryn Terfel, Deborah Voigt, Eric Owens, Jonas Kaufmann, Eva-Maria Westbroek, Gerhard Siegel, Hans-Peter König, Jay Hunter Morris, Waltraud Meier. Musikalische Leitung: James Levine, Fabio Luisi. Spieldauer: 920 Min. (die Opern), 77 Min. (Interviews), 114 Min. (Dokumentarfilm «Wagners Traum»).

 

Bild                 *****

Ton                 *****

Darbietung   ****

Extras            *****

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