Zum 100. Geburtstag von Violeta Parra

Volksmusik auf unübertroffenem Niveau

Violeta Parra während einer Aufnahme in Santiago im Jahr 1957. Die chilenische Musikerin wird am 4. Oktober mit einem großen Festival im Regierungspalast La Moneda geehrt. Foto: Archiv
Violeta Parra während einer Aufnahme in Santiago im Jahr 1957. Die chilenische Musikerin wird am 4. Oktober mit einem großen Festival im Regierungspalast La Moneda geehrt. Foto: Archiv

Am kommenden 4. Oktober jährt sich Violeta Parras Geburtstag zum 100. Mal. Heute ist sie eine international anerkannte Künstlerin, was zu ihren Lebzeiten durchaus nicht der Fall war.

 

Von Walter Krumbach

Violeta Parra war 49 Jahre alt, als sie am 5. Februar 1967 freiwillig aus dem Leben schied. In ihrem Freundeskreis war es allgemein bekannt, dass sie von Depressionen gequält wurde, aber es stellte trotzdem ein Paradoxon dar, dass die gleiche Person, die vor kaum einem Jahr «Gracias a la vida» komponiert hatte, sich das Leben nahm.

Die letzten Jahre waren nicht gut gewesen. 1966 hatte sie sich von Gilbert Favre auseinandergelebt. Der Schweizer Anthropologe ging nach Bolivien und Violeta verarbeitete den Abschied, indem sie eines ihrer bekanntesten Lieder schrieb: «Run Run se fue p’al norte». Ihr Gemütszustand war nun zerbrechlich. Als sie Favre später in Bolivien besuchte, hatte er geheiratet, was Violetas Verfassung nicht gerade förderlich war.

Zusammen mit ihren Kindern Ángel und Isabel, sowie Rolando Alarcón, Víctor Jara, Patricio Manns und anderen Musikern betrieb sie im Stadtteil La Reina ein Folklorezentrum. Dazu ließ sie ein großes Zelt aufschlagen, in dem sie und ihre Kollegen Volksmusik aufführten. Ihr Traum war, den Treffpunkt zu einem Vorbild der chilenischen Kulturpflege zu machen. Wider Erwarten war das Echo nicht gut und somit Violetas Enttäuschung groß.

Mit Alberto Zapicán sowie Isabel und Ángel nahm sie nun ihre letzte Langspielplatte mit dem Titel «Las últimas composiciones» auf, die eindrucksvoll Zeugnis davon abgibt, dass ihre Schaffenskraft keine Einbuße erlitten hat. Außer dem später zu weltweiter Bekanntheit kommendem Lied «Gracias a la vida», enthält die Scheibe Titel wie «El rin del angelito», «Pupila de águila», «Cantores que reflexionan» und «El Albertío».

Am kommenden 4. Oktober jährt sich Violeta Parras Geburtstag zum 100. Mal. Heute ist sie eine international anerkannte Künstlerin, was zu ihren Lebzeiten durchaus nicht der Fall war, obwohl ihren Leistungen in Kennerkreisen größter Respekt gezollt wurde. «Gracias a la vida» etwa wurde von unzähligen Größen, darunter Joan Baez und Nana Mouskouri, gesungen.

Violeta Parra wurde in San Carlos geboren. Der Vater war Musiklehrer, die Mutter sang Volkslieder. Mit neun lernte sie, sich auf der Gitarre zu begleiten und wenige Jahre später komponierte sie bereits. 1954 reiste Violeta nach Polen, in die Sowjetunion und nach Frankreich, wo sie sich zwei Jahre aufhielt und ihre ersten Schallplatten aufnahm. Als vielseitige Künstlerin widmete sie sich nicht nur der Musik, sondern auch der Malerei, der Töpferei und der Bestickung von Sackleinen. 1964 stellte sie im Pavillon de Marsan des Palais du Louvre in Paris Ölgemälde und Objekte aus Sackleinen aus.

Anfang der 1960er Jahre machte die Folklore-Sängerin und -Expertin Margot Loyola ihre hochbegabte Kollegin mit Professoren und Studenten der Musikfakultät der Universidad de Chile bekannt. Violeta wollte mit ihnen ihre Aufgabe teilen, in Volkskreisen Musikstücke ausfindig zu machen. Sie besuchte dafür oft ländliche Gegenden, wo musiziert wurde und nahm die Darbietungen mit ihrem Tonbandgerät auf. Der Dekan Alfonso Letelier wurde auf die aufgeweckte Frau aufmerksam und lud sie ein, auf dem familiären Landgut bei Aculeo und der Umgebung zu forschen.

Violeta besuchte die Leteliers von nun an oft, und nahm die Gelegenheit wahr, den traditionellen Bauerngesang von Familien, die aus Alhué und Los Andes stammten, festzuhalten. Miguel Letelier, Sohn des Dekans und wie sein Vater, ein herausragender Komponist, erinnerte sich später an die Begegnungen mit Violeta: «Sie ist mit den Leuten verrückt geworden und die Leute sind mit ihr verrückt geworden. Es formten sich immer Menschenschlangen, die darauf warteten, Violeta vorsingen zu dürfen. Sie nahm sie mit der Tonbandmaschine auf und schrieb alles mit.»

Miguel lernte die Forscherin während dieser Zusammenarbeit näher kennen, weshalb heute seine Meinung über sie besonders aufschlussreich ausfällt: «Sie war eine bezaubernde Frau, sie war weder herausfordernd noch aufwieglerisch. Sie war eine absolute Künstlerin, die sich jenseits sämtlicher Charakterisierungen befand. Sie hat die chilenische Folklore auf ein unglaubliches Niveau angehoben. Ihr künstlerisches Verständnis und ihre Originalität sind beeindruckend.»

Miguel Letelier war ihr nicht nur im Elternhaus behilflich. Einmal traf er sie zufällig auf einer Ausstellung im Parque Forestal: «Plötzlich sah ich einen Menschentumult, der einer Frau zuhörte, die mit schwarzem Haar, das ihr das Gesicht verdeckte, sang. Ich hörte der Musik zu und fand sie erstaunlich. Ich trat näher und stellte fest, dass sie es war. Violeta spielte „El gavilán“, ihre neueste Komposition, wie sie mir sagte. Ich meinte, wir müssten das aufnehmen und auf Notenpapier festhalten, damit es dokumentiert ist. Da sie keine Noten schreiben konnte, habe ich es getan. Wir trafen uns dann in ihrem Haus. Ich ging etwa eine Woche lang hin. Sie spielte vom Gehör und tat es jedes Mal anders.»

Bei diesen Treffen schrieb Letelier auch die fünf Anticuecas mit. Das formale Chaos dieses Werks offenbart, wenn es von jemandem gespielt wird, der keine Kenntnisse von Musikformen besitzt, wenn es «ordnungsgemäß» analysiert wird, wie Letelier sich ausdrückt, «eine Reihenfolge von Abteilungen, die mit Strawinskys Technik in „Le sacre du printemps“ vergleichbar sind. Violeta konnte keine Musik schreiben, sie war aber trotzdem imstande, das Doppel cueca-tonada, die allgemeinste Äußerung der Folklore in der Zentralzone, auf ein Stilisierungsniveau und eine Entwicklung zu bringen, die unbekannt waren und bis heute nicht übertroffen worden sind».

Miguel Letelier bringt es auf den Punkt: Violeta Parras Kunst ist Volksmusik auf höchstem Niveau. Ihre Ausdrucksintensität beim Singen versetzt in Erstaunen. Dazu klingt alles, bis in die letzte Nuance, echt und wahrheitsgetreu. Wie oft hört man unsere Volksmusik-Vortragenden jämmerlich an Redewendungen wie «Güen dar con la payasá, compadre» scheitern, weil sie imitieren, aber nicht imstande sind, den Volkston zu treffen. Violeta Parra konnte so etwas nicht passieren. Sie war die Inkarnation des Volkes schlechthin.         

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2 Comments

  1. Schön, dass hier noch mal an sie erinnert wird. Ich finde sie gehört zu den ganz großen Musikern des 20. Jahrhunderts!

  2. Interessant, einiges war mir gar nicht bewusst! Das lässt sie nochmals in anderem Licht erscheinen.

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