«Rassistische Überzeugungen sind in Deutschland immer noch präsent»

Interview mit dem deutschen Schriftsteller Uwe Timm

Mit seinem Buch «Die Entdeckung der Currywurst» feierte der deutsche Schriftsteller Uwe Timm in den 90er Jahren große Erfolge. Das Werk wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.
Mit seinem Buch «Die Entdeckung der Currywurst» feierte der deutsche Schriftsteller Uwe Timm in den 90er Jahren große Erfolge. Das Werk wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

 

Gerade hat Uwe Timm seinen neuen Roman «Ikarien» veröffentlicht – ein höchst aktuelles Buch über Rassenwahn. Der deutsche Schriftsteller kommt nun nach Chile, um aus seinen bekannten Werken «Die Entdeckung der Currywurst» und «Am Beispiel meines Bruders» auf der Buchmesse Filsa in Santiago zu lesen. Cóndor-Redaktionsleiter Arne Dettmann führte mit ihm vorab ein Interview.

 

Cóndor: Herr Timm, werden Sie das erste Mal in Chile sein?

Uwe Timm: Nein, ich war vor 15 bis 20 Jahren schon einmal in Chile und traf mich mit dem chilenischen Schriftsteller Antonio Skármeta. Anschließend flog ich damals weiter auf die Osterinsel und schrieb dort einen Bericht für meinen Roman «Kopfjäger», in der die Insel eine Rolle spielt.

 

Ihre Ehefrau Dagmar Ploetz stammt aus Argentinien, das Land kennen Sie wahrscheinlich besser?

Das ist richtig, meine Frau ist Deutsch-Argentinierin, ihre Familie ist schon vor mehr als 200 Jahren dorthin ausgewandert. Ihre Eltern hatten eine Estancia, ich war oft mit ihr dort. Sie selbst hat an der Goethe-Schule in Buenos Aires Abitur gemacht. Dann ist sie nach München gekommen, hat Romanistik studiert, und so habe ich sie an der Universität kennen gelernt.

 

Sowohl «Die Entdeckung der Currywurst» als auch «Am Beispiel meines Bruders» handeln vom Zweiten Weltkrieg. Sie wurden 1940 in Hamburg geboren: Spielen persönliche Kriegserfahrungen in den beiden Büchern eine Rolle?

Ja, diese Zeit und danach sind für mich entscheidende Erfahrungen und Erinnerungen. Als die Amerikaner kamen – damals waren wir nach Coburg evakuiert worden, weil wir in Hamburg ausgebombt worden waren – veränderten sich die Erwachsenen von heute auf morgen, insbesondere die uniformierten Männer. Plötzlich durfte ich auch als Kind nicht mehr «Heil Hitler» sagen und die Hacken zusammenschlagen.

Beeindruckend war, dass ein Kreisleiter, eine gefürchtete Nazi-Größe in dieser Kleinstadt, plötzlich in der Gosse stand und in brauner Uniform fegen musste. Die amerikanischen GIs fuhren vorbei, und weil es geregnet hatte, wurde er nass gespritzt und sprang auf das Trottoir. – Das sind Bilder, die sich mir als Kind ganz intensiv eingeprägt haben.

Das Verhalten der Erwachsenen entsprang natürlich einer großen Angst, einer kollektiven Angst. Hitler-Bilder und SS-Dolche wurden vergraben. Hier fand ein Mentalitätsbruch statt, der die Demokratie westlicher Art möglich machte.

 

Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist das zentrale Thema in Ihrem autobiografischen Buch «Am Beispiel meines Bruders». Was beschäftigte sie dabei?

Wie kam mein älterer Bruder dazu, sich als 18-Jähriger freiwillig bei der Waffen-SS zu melden, einer Elite-Einheit, um im Zweiten Weltkrieg mitzukämpfen? Diese Frage habe ich während der Nachkriegszeit scharf in meiner Familie gestellt. Eine endgültige Antwort darauf habe ich natürlich nicht gefunden.

Seit meiner Jugend beschäftigte mich die Einstellung der Elterngeneration zur Nazi-Vergangenheit. Mein Vater war in der Luftwaffe gewesen, er sagte immer, er habe tapfer gekämpft, die Luftwaffe habe sich anständig verhalten und nichts mit dem Holocaust zu tun. Wobei ich immer dachte, dass diese Mordmaschinerie gegen die Juden nur so lange laufen konnte, weil eben Soldaten wie er so tapfer an der Front gekämpft hatten. Hier geht es also darum, sich mit dem alten deutschen Erziehungsmodell, das Anstand und Tugenden gutheißt, auseinander zu setzen.

 

Hat Deutschland die NS-Vergangenheit gut aufgearbeitet?

Vor zwei Jahren habe ich das noch gedacht. Doch ich habe mich geirrt. Das Entstehen der Pegida-Bewegung in Dresden und das Aufkommen der AfD zeigen, dass noch immer nationalistische und rassistische Überzeugungen in Deutschland präsent sind. Die immerhin fast 13 Prozent Stimmenanteil für die AfD bei der Bundestagswahl waren für mich überraschend.

Selbstverständlich sind nicht alle diese Wähler Nationalsozialisten. Viele werden die AfD aus oppositionellen Gründen gewählt haben, weil sie sich in der Zuwanderungsfrage nicht von den anderen Parteien vertreten fühlen oder weil sie sich als sozial Deklassierte betrachten. Aber die führenden Köpfe der AfD sind sicherlich von stark nationalistischem Denken geprägt, und das finde ich doch in unseren heutige Zeit sehr bedrückend und erschwerend für Deutschland.

In der Literatur und in den Politikwissenschaften hat man sich intensiv mit der Schuld der Vätergeneration auseinandergesetzt. Zu nennen sich hier ab den 50er Jahren Schriftsteller wie Heinrich Böll, Günter Grass und Arno Schmidt.

 

Ihr neuer Roman «Ikarien» beschäftigt sich ebenfalls mit Rassismus.

Das Buch behandelt die Eugenik und spielt im Jahr 1945. Ein deutsch-amerikanischer Offizier kommt ins zerstörte München mit dem Auftrag herauszufinden, welche Rolle ein bedeutender Wissenschaftler im Dritten Reich bei der so genannten Rassenhygiene spielte. Es geht um die Frage, wie ein solcher Wunsch entstehen kann: Menschen zu optimieren und entsprechend zu züchten.

Die Thematik ist aktuell, da im Silicon Valley solche Anstrengungen unternommen werden. Zudem verbindet mein Buch diese Fragen mit dem gesellschaftlichen Bruch 1945.

 

Apropos Bruch: Sie selbst traten 1973 in die Deutsche Kommunistische Partei ein, später aber wieder aus. Was war passiert?

Ich hatte Kommunisten kennen gelernt, die in Konzentrationslagern gefangen gewesen waren. Mich beeindruckte deren Weitsicht und radikale Einsicht gegen den Faschismus zu kämpfen. Wir führten damals sehr offene Diskussionen, auch über den Finanzkapitalismus, den wir analysierten sowie kritisierten und der ja vor zehn Jahren dann tatsächlich mit der Finanzkrise die ganze Welt erfasste.

Aber mir schien die DKP gegenüber der DDR zu hörig, unterwürfig und opportunistisch. Und somit trat ich 1981 wieder aus, meinem eigenen politischen Bewusstsein folgend.

 

Sie haben 1971 mit «Das Problem der Absurdität bei Albert Camus» promoviert. Ist das Ihr Lieblingsschriftsteller?

Albert Camus ist ein sehr wichtiger Autor, sein kritisches Verhältnis zur Gesellschaft hat mich beschäftigt. Der französische Existenzialismus ist bedeutsam gewesen, allerdings habe ich Albert Camus in den vergangenen Jahrzehnten kaum wieder neu gelesen.

 

Sie wohnen in Berlin und München – und nicht mehr in Ihrer Heimatstadt Hamburg?

Ich wollte immer gern in den Süden. Mir gefällt München, es hat schon italienisches Flair und Barock-Ambiente. Ich habe auch zwei Jahr in Rom gelebt. Mich fasziniert auch immer noch der bayerische Dialekt, den ich nicht gut verstehe. Hamburgisch hat natürlich auch seinen Reiz, aber die Stadt München verfügt über mehr Sonnentage.

 

Herr Timm, ich bedanke mich für das Gespräch.

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3 Comments

  1. Mike Most

    Herr Timm hat keine Ahnung.
    Weder Pegida noch AFD haben nationalsozialistische Gesinnung noch sind diese rassistisch.
    Man ist eher patriotischer, so wie man es in Chile mehr als in Deutschland ist.
    Und man ist gegen die Ausbeutung von Sozialsystemen durch illegale Wirtschaftsflüchtlinge. Es kann ja nicht sein das Leute die 40 Jahre gearbeitet haben weniger Rente bekommen als Leute die sich meist ohne Pass und zum Teil illegal im Land befinden und mehr Geld aus den Sozialsystemen erhalten.
    Es gibt zig Beispiele wo die linken Politiker alles gegen die Wand fahren auf Kosten der Einheimischen und der Bewohner Europas. Die AFD ist nicht extremer und rechter als die CDU vor 10 Jahren war. Es gibt halt zuviel Ossis in der Regierung , und D ist auf dem besten Weg zur DDR 2.0.

    Aber das linke „ Problem“ hat man ja in Chile genau so. Bachelet ist ähnlich wie Merkel und wird das bei der Wahl im November zu spüren bekommen.

  2. Was für trauriger und undifferenzierter Artikel.

    Ein Land ohne Patrioten ist keines. Deutschland befindet sich längst auf dem Weg in eine Diktatur. Wie mit einem patriotischen Hausprojekt umgegangen wird, sieht man hier: https://sezession.de/57463/sibylle-berg-und-ein-anschlag-in-halle. Linke Gewalt statt Diskussionen. Linke, die vom Staat leben – gefördert durch zahlreiche Projekte.

    Die AfD ist aktuell die einzige Partei, die sich gegen die Zustände in Deutschland wehrt. Ihr Programm kann sich jeder runterladen und durchlesen. Herr Timm hätte das auch einmal tun sollen. Ich frage mich auch, wie es Herr Timm wohl findet, wenn sich sogar manche Flüchtlinge in Deutschland nicht mehr sicher fühlen, weil diejenigen, vor denen sie geflüchtet sind, inzwischen auch in Deutschland sind. Dazu gab es sogar schon in den Mainstreammedien Artikel. Die Vergrößerung bestehender oder gar neue No-Go-Zonen stellen ein weiteres großes Risiko für die in Deutschland lebenden Menschen dar.

    Um auch einmal anhand von einem einfachen Zahlenbeispiel die finanzielle Dimension der chaotisch gehandhabten Krise darzustellen, verweise ich auf die Seite idea.de, welche schreibt: „Der Philosoph Julian Nida-Rümelin (SPD) hat sich kritisch zur europäischen Flüchtlingspolitik geäußert. Das Geld, das für die Flüchtlingsaufnahme nötig sei, könne man nutzen, um globale Armut zu bekämpfen, sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung „WELT“ (Berlin). Weltweit seien 720 Millionen Menschen chronisch unterernährt. Die UN habe 2008 geschätzt, dass etwa 25 Milliarden Euro jährlich ausreichten, um den „Hunger auf der Welt auszurotten“. Schätzungen ökonomischer Experten zufolge liegen die Kosten in Europa, um einen Flüchtling langfristig zu integrieren, bei etwa 250.000 Euro: „Bei einer Million Zugewanderten sind das 250 Milliarden. Mit 350 Milliarden könnte nach wissenschaftlichen Schätzungen sogar die extreme Armut weltweit abgeschafft werden.“

  3. Ist es wirklich nötig, derartige Kommentare wie das obige zu publizieren?! Es strotzt nur so vor orthographischen und grammatikalischen Fehlern und inhaltlich ist es dermaßen hohl und chauvinistisch, dass es einem wirklich den Tag verderben kann! Essenz: Nicht nur in Deutschland, auch in Chile gibt es Idioten…

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