Gedanken zum 200. Geburtstag von Theodor Storm

Dichter aus Norddeutschland: Theoder Storm (14.9.1817 – 4.7.1888)

Theodor Storm wurde 1817 in Husum an der Nordseeküste geboren. Der Schriftsteller zählt neben Theodor Fontane und Gottfried Keller zu den bekanntesten Vertretern des deutschen Realismus.
Theodor Storm wurde 1817 in Husum an der Nordseeküste geboren. Der Schriftsteller zählt neben Theodor Fontane und Gottfried Keller zu den bekanntesten Vertretern des deutschen Realismus.

Von Richard Wagner

Die Aufgabe des Dichters besteht laut Storm darin, seine eigene Stimmung so in Worte zu fassen (lyrisches Gedicht), dass diese Worte im Hörenden die gleiche Stimmung zu erregen vermögen. Dasselbe gilt für die Novellen. Im Sinne Storms schildere ich in diesem Essay meine eigenen Stimmungen, die in mir etwa beim Lesen von «Immensee» entstehen und bitte Sie, verehrter Leser, sie mit den Ihren zu vergleichen. Unterschiede lassen wir selbstverständlich gelten. Aus demselben Grunde erübrigt es sich, längere Werkpassagen nachzuerzählen, deren Kenntnis dieser Essay voraussetzt, sondern ich berühre einzelne Szenen oder Episoden, die mir bedeutsam erscheinen.

 

Reinhard und Elisabeth kennen sich seit frühester Kindheit und haben sich von Herzen lieb. Beim Familienausflug in den Wald und dem Erdbeerpflücken, betrachtet er die Kleine, die unter einer überhängenden Buche im Thymian sitzt und verliebt sich noch tiefer in die «goldenen Augen der Waldeskönigin», wie er es selbst in einem schönen Gedicht aussagt. Und «so war sie nicht allein sein Schützling, sie war ihm auch der Ausdruck für alles Liebliche und Wunderbare seines aufgehenden Lebens.»

Davon verspricht sich auch der Leser vieles, daraus muss doch einmal ein Lebensglück erblühen, auch wenn dazu noch einige Jahre vergehen müssen. Sie vergehen ja auch und Reinhard studiert in einer fernen Stadt. Ich staune und es befremdet mich aber sehr, dass Reinhard seiner geliebten Elisabeth in den letzten zwei Jahren keinen einzigen Brief schreibt, noch – verständlicherweise – einen von ihr empfängt. Inzwischen drängt Elisabeths Mutter sie zur Ehe mit dem wohlhabenden Erich – dessen Gut am Immensee liegt – und schließlich gibt sie, von Reinhard im Stich gelassen, nach und gibt Erich das Jawort.

Davon erfährt Reinhard brieflich von seiner Mutter und tut ……..nichts. Als Leser – bei dieser Stelle – rufe ich: «Reinhard, lass alles stehen und liegen, fahre zu Elisabeth, bitte sie, die aufgedrungene Verlobung aufzulösen und dich zu heiraten! Entscheide dich doch endlich, wenigstens einmal in deinem Leben!!» Aber Reinhard lässt weitere Jahre verstreichen und besucht dann erst das Ehepaar am Immensee.

In der Novelle «Immensee» von 1849 erinnert sich ein älterer Herr an seine unerfüllte Kinder- und Jugendliebe.
In der Novelle «Immensee» von 1849 erinnert sich ein älterer Herr an seine unerfüllte Kinder- und Jugendliebe.

In der Szene am Piano zeigt es sich, wie sehr Elisabeth ihn immer noch liebt und ihrer Mutter gram ist: im Lied «Meine Mutter hat`s gewollt, den andern ich nehmen sollt…..» Für mich wird die eigenartige Persönlichkeit Reinhards durch die Erzählung entschlüsselt – die sich am Ende der Novelle als Vision wiederholt! – wie er im See badet und sich der weißen Wasserlilie nähern will. Dabei wird ihm aber alles immer unheimlicher und gefährlicher und er kehrt ergebnislos ans Ufer zurück.

Gewiss ist es eine Warnung, nicht in die fremde Ehe einzubrechen, aber wohl auch die Entdeckung: Du hast die weiße Wasserlilie stets auf Distanz gehalten und nur aus der Ferne poetisch geliebt. Schließlich verlässt er für immer Immensee und die Frau, deren Liebe tief und echt war. «Du kommst nicht wieder», sagte Elisabeth beim Abschied, «ich weiß es, lüge nicht; du kommst nie wieder» und «sah ihn mit toten Augen an».

Reinhard konnte nichts dafür, dass er so war, wie er eben war, aber er wurde an Elisabeth und ihrem Lebensglück schuldig. Das ist Tragik. Er selbst bleibt lebenslang einsam und allein. Geblieben ist Reinhard nur ein kleines Bildchen Elisabeths an der Wand. Als das Mondeslicht das Bild streift, erinnert der Alte die ganze Geschichte, die Geschichte von Immensee.

 

Auf dem Wege zum «Schimmelreiter» berührern wir kurz «Aquis submersus», eine Novelle, die mich beim Lesen von der ersten bis zur letzten Seite aufwühlt, ja quält. Wer ist schuld daran, dass das Lebensglück des Johannes und der Katharina scheitern muss? Nur der Klassendünkel von Katharinas Bruder? Nicht auch der Eigensinn des Paares? Warum muss ihr Kind ertrinken, als sie sich endlich wiedergefunden haben und im Liebesrausch den Kleinen verhängnisvoll vergessen?

Schuld und Schicksal ineinander verkettet und verschmolzen, und ausgerechnet das, was für Storm selbst das Höchste war, die Familie, darf nicht Ereignis werden, nur grenzenlose Einsamkeit. Aquis submersus ist eine erschütternde Tragödie.

Hauke Haien, der Deichgraf und Schimmelreiter erweckt ambivalente Gefühle in mir. Ich bewundere seine Intelligenz (Geometrie) und sein tüchtiges Erarbeiten der Einsicht in die neuen Deichbautechniken – Storm selbst hat sich darin vertieft –, seinen Fleiß und vor allem seinen Mut gegen Aberglauben und Rückständigkeit im Denken seiner Mitwelt anzukämpfen und dabei durchzuhalten. Ebenso seinen Willen, den Elementen, dem Meer zu widerstehen.

Theodor Storms Novelle «Der Schimmelreiter» erschien 1888. Die Geschichte handelt von dem Deichgrafen Hauke Haien, der einen neuen Deich gegen die Sturmfluten der Nordsee errichtet.
Theodor Storms Novelle «Der Schimmelreiter» erschien 1888. Die Geschichte handelt von dem Deichgrafen Hauke Haien, der einen neuen Deich gegen die Sturmfluten der Nordsee errichtet.

Aber ein edler Held ist Hauke Haien nicht. Seine Rücksichtslosigkeit und Härte verrät sich schon an einem kleinen Detail: In maßloser Wut erwürgt er den Kater seiner mütterlichen Freundin Trina Jans. «Aber der Angorakater war das Kleinod seiner Herrin; er war ihr Geselle und das Einzige, was ihr Sohn, der Matrose ihr nachgelassen hatte, nachdem er hier an der Küste seinen jähen Tod gefunden hatte, da er im Sturm seiner Mutter beim Porrenfangen hatte helfen wollen.»

Rücksichtslos und hart ist er, und dennoch sucht er – wie Storm selbst – bei seiner Frau Elke Trost, Kraft und Stütze. Tief verletzt ihn das Gerede im Dorf, er sei nur seiner Frau wegen Deichgraf geworden, da deren Vater der vorige Deichgraf gewesein sei. Hauke Haiens Ehrgeiz kennt keine Grenzen, er baut einen neuen Deich, der dem Meer einen Koog abgewinnt, der Hauke Haiens Namen trägt, und er übergeht mit Verachtung alle Bräuche seiner Mitarbeiter. Als Leser frage ich mich: Erregt er nicht den Neid der Götter? Kann diese Hybris ohne Folgen bleiben?

Die Situation der alten Tragödie ist gegeben. Der Gegenschlag des Schicksals muss doch erfolgen: der alte Deich bricht. Etwas hätte den Deichgrafen noch retten können, nämlich das, was für den Autor, für Storm, das Allerwichtigste im Leben, sein Allerheiligstes war: die Familie. Elke aber, und die kleine schwachsinnige Wienke kommen dem Vater in einem Wagen entgegengefahren und werden von den Wellen verschlungen. Nun ist für den Schimmelreiter alles aus und er stürzt sich mit seinem Schimmel in die Fluten. Die Tragödie ist zu Ende.

 

Theoder Storm war Atheist und griff als Ersatz zu einem Kult der Familie. Umso größer war sein Schmerz, als seine Frau mit 40 Jahren an Kindsbettfieber starb. Er heiratete allerdings im Jahr darauf wieder, ganz offensichtlich aus demselben Grunde. In der Familie und speziell in der Liebe einer Frau suchte er Geborgenheit und etwas wie eine «kleine Unsterblicheit».

Eros und Thánatos, Liebe und Tod, die großen Themen der Literatur, beherrschten sein Leben und sein Werk. Warum er nicht zum christlichen Glauben finden konnte, nun, «das ist ein weites Feld», sagt sein Freund Theodor Fontane am Ende von «Effi Briest» und ich respektiere dieses weite Feld, und bin dankbar für sein wunderbares Werk.

Ich beschließe diese «Gedanken» mit einem Gedicht großartiger Erotik, in dem Storm uns Liebe und Tod in ihrer inneren Verschlungenheit begegnen lässt:

 

«Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt

Und dass ich endlich scheiden muss,

Dass endlich doch das letzte Lied

Und endlich kommt der letzte Kuss.

 

Noch häng ich fest an deinem Mund

In schmerzlich bangender Begier;

Du gibst der Jugend letzten Kuss,

Die letzte Rose gibst du mir.

 

Du schenkst aus jenem Zauberkelch

Den letzten goldnen Trunk mir ein;

Du bist aus jener Märchenwelt

Mein allerletzter Abendschein.

 

Am Himmel steht der letzte Stern,

o halte nicht dein Herz zurück;

Zu deinen Füßen sink ich hin,

O fühl`s du bist mein letztes Glück!

 

Lass einmal noch durch meine Brust

Des vollsten Lebens Schauer wehn,

Eh seufzend in die große Nacht

Auch meine Sterne untergehn.»

Print Friendly, PDF & Email

One Comment

  1. Hallo Herr Wagner,

    sehr lesenswertes Essay über Theodor Storm mit vielen interessanten Gedanken über Theodor Storm und sein Werk. Der grosse norddeutsche Dichter wäre 200 Jahre alt geworden.

    Seine norddeutsche Heimat hat Theodor Storm in zahlreichen Werken verewigt. Seine ganze Liebe galt Schleswig-Holsteins Nordseeküste.

    Storm war ein deutscher Schriftsteller, der als Lyriker und als Autor von Novellen und Prosa des deutschen Realismus mit norddeutscher Prägung bedeutend war. Storm gilt als einer der bedeutendsten deutschen Vertreter des bürgerlichen bzw. poetischen Realismus, wobei neben seinen Gedichten besonders seine Novellen seinen Ruhm begründeten.

    In realistisch-stimmungsvollen Bildern schildert Theodor Storm seine norddeutsche Heimat. Als einer der ersten Autoren in der deutschen Literaturgeschichte veröffentlichte er Vorabdrucke seiner Romane in Zeitschriften.

    Mehr Infos:

    Theodor Storm 200. GeburtstagLiteratenwelt-Blog

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*