Stradivari, die Geige unter den Geigen

Wenn Niccolò Paganini (1782-1840) auftrat, knisterte es im Konzertsaal. Seine hagere Erscheinung, die ungepflegte Haartracht und das dämonisch-anziehende in seinem Gesichtsausdruck, die große Nase und das spitze Kinn, machten die Konzertbesucher neugierig, bevor er seinem Instrument überhaupt erst einen Ton entlockte.

Antonio Stradivari: Seine Instrumente sind im Klang unübertroffen

Er stellte das rechte Bein leicht vor, griff mit der linken Hand entspannt ins Brett, klemmte es behutsam unter sein Kinn und setzte mit der rechten Hand den Bogen auf. Was nun folgte, ist von zahlreichen Zeitgenossen mit Staunen, Begeisterung und oft Fassungslosigkeit beschrieben worden. Paganini war imstande, unerhört schwere Passagen mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit und dazu hochvirtuos zu spielen. Der Mann besaß eine Jahrhundertbegabung, daran war kein Zweifel. Dazu verstand er es, die außerordentliche Dehnbarkeit der Finger seiner linken Hand voll auszunutzen. Ebenso schwang er einen Bogen von übermäßiger Länge, was seiner irrwitzigen Technik zugute kam.

Paganini besaß insgesamt 15 Geigen, darunter sieben von Antonio Stradivari, vier von Giuseppe Guarneri und zwei von Nicola Amati. Sein Lieblingsinstrument war jedoch nicht etwa eine der Stradivaris, wie man aufgrund der hohen Anzahl, die er besaß, hätte annehmen können, sondern eine Guarneri, «il cannone violino», wie er sie nannte, oder «il cannone Guarnerius». Ihr Klang, laut und durchdringend – daher der Spitzname «Kanone», veranlasste den Virtuosen, mit ihr neue Spieltechniken auszukundschaften. Es hieß, dass sie «den Glanz eines Soprans und die Tiefe eines Baritons in sich versammelte».

Niccolò Paganini: Seine Konzerte versetzten die Zuhörer in Erstaunen

Antonio Stradivari war ein Jahrhundert vor Paganini (1737 in Cremona) gestorben. Er gilt als der größte Geigenbaumeister aller Zeiten. Etliche seiner Instrumente sind heute noch im Einsatz. Sie haben von ihrer klanglichen Qualität nichts eingebüßt und werden zu Höchstpreisen gehandelt. Die meisten Violinvirtuosen können es sich gar nicht leisten, eines dieser begehrten Instrumente zu erwerben. Verschiedene befinden sich im Besitz von Banken, die sie ausgesuchten Künstlern zur Verfügung stellen.

Stradivaris Geigen haben einen lebhaften Ton, sie «flackern», und weisen im hohen Register erhebliche Kraftreserven auf. Selbst ein pianissimo gestrichener Ton dieser Stimmlage ist in der letzten Reihe eines großen Konzertsaales einwandfrei zu hören.

Der Meister verwendete edle Hölzer, die er vom Schlagen bis zum Verarbeiten 20 Jahre aufbewahrte und trocknen ließ. Der Handwerker Stradivari hatte eine besondere Beobachtungsgabe, die ihm nicht nur ermöglichte, das richtige Rohmaterial auszusuchen, sondern auch Herstellungsverfahren anzuwenden, die jedem Instrument, das seine Werkstatt lieferte, das Prädikat eines Meisterwerks gewährte. Der typisch tiefrot lackierte Resonanzkörper einer Stradivari-Geige ist klanglich, wie Experten meinen, unübertroffen. Seine Glanzzeit erreichte der Meister im Zeitraum 1700-1725, wie Fachleute es anhand der heute verfügbaren Instrumente und deren Baudaten festgestellt zu haben glauben.

Eine romantisierende Darstellung des Meisters: «Stradivari in seiner Werkstatt», Gemälde von Edgar Bundy

Wenn heute eine Stradivari zum Verkauf angeboten wird, dann berichten die Medien davon. Den höchsten Preis erzielte bisher die «Lady Blunt», für die ein unbekannter Käufer im Juni 2011 in London 9,8 Millionen Pfund Sterling zahlte. Stradivaris Geigen sind in Anbetracht dieser Preislagen nicht nur bei Musikern, Bankern und Sammlern begehrt, sondern auch bei Dieben. Die «Oistrakh» zum Beispiel wurde im Mai 1996 gestohlen und gilt heute noch als vermisst. Die «Gibson» raubte man Bronislav Hubermann 1936 aus seiner Garderobe in der New Yorker Carnegie Hall. Später tauchte sie auf und war ab 1988 im Besitz des ersten Geigers des Amadeus-Quartetts. Die «Le Maurien» wurde 2002 gestohlen und ist bis heute noch nicht gefunden worden. Ebenso die «Colossus» und die «Davidoff», welche 1998 beziehungsweise 1995 entwendet wurden.

Am 21. April 2008 ließ Philippe Quint die «Kiesewetter» aus Versehen in einem Taxi liegen. Am nächsten Tag suchte der Fahrer den zerstreuten Geiger auf, und gab ihm das Instrument zurück. Aus Dankbarkeit gab Quint daraufhin ein Sonderkonzert für Taxifahrer am Flughafen Newark.

Antonio Stradivari baute auch zahlreiche Bratschen und Violoncelli. Außerdem sind fünf Gitarren seiner Manufaktur erhalten. Jede von ihnen hat fünf Doppelsaiten. Er stellte während seiner gesamten Laufbahn eine einzige Harfe her. Sie ist erhalten und kann im Museum des Konservatoriums von Neapel besichtigt werden.

Von Walter Krumbach

 

Lesen Sie auf den nächsten Seiten über berühmte Künstler, die auf der Stradivari-Geige spiel(t)en und ein Interview mit dem Violinisten Alberto Dourthé.

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