Priester, Violinvirtuose und begnadeter Tonschöpfer

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Antonio Vivaldi, Kupferstich von F. M. la Cave

Von Walter Krumbach

In der Zeit um 1730 machte sich in Venedig ein Wandel im Musikgeschmack bemerkbar. Bis dahin galt Antonio Vivaldi, der damals um die 50 Jahre alt war, als der größte zeitgenössische Komponist weit über die Grenzen der Lagunenstadt. Besorgt musste er zur Kenntnis nehmen, dass sein Werk nicht mehr gefragt war wie ehedem. Seine Musiksprache wurde von gewissen Kreisen als «aus der Mode gekommen» verworfen, und dazu hatte sich der Stil der neapolitanischen Schule durchgesetzt, sodass Vivaldi sich um seine berufliche Zukunft ernstlich Sorgen machte.

Im Jahr 1728 hatte er den Kaiser Karl VI. in Triest kennengelernt, als dieser zur Einweihung des neuen Hafens angereist war. Karl war ein Bewunderer von Vivaldis Kunst, weshalb der Komponist ausgiebig Gelegenheit hatte, mit dem römisch-deutschen Regenten ins Gespräch zu kommen. Es heißt, Karl habe sich in Triest mit Vivaldi viel länger unterhalten, als mit den politischen Würdenträgern.

Vivaldi erwog daher, nach Wien auszuwandern. Er erhoffte, in der Metropole an der Donau an seine vergangenen Erfolge anzuknüpfen und zudem unter dem Schutz des Kaisers einen ruhigen Lebensabend verbringen zu können. Er löste seinen Haushalt auf, verkaufte Notenhefte mit zahlreichen seiner Werke zu Schluderpreisen, um die Reise finanzieren zu können, und verließ Venedig.

Kurze Zeit nach seiner Ankunft in Wien starb überraschend am 20. Oktober 1740 Kaiser Karl, vermutlich an den Folgen einer Pilzvergiftung. Daraufhin bestieg dessen Tochter Maria Theresia den österreichischen Erzherzogthron, worauf verschiedene Fürsten ihre Ansprüche auf die Habsburgischen Erblande beziehungsweise das römisch-deutsche Kaisertum erhoben. Es brach der österreichische Erbfolgekrieg aus. Maria Theresia floh nach Ungarn und sämtliche Theater Wiens wurden geschlossen.

Vivaldi verlor somit nicht nur die bitter nötige Unterstützung des Wiener Hofs, sondern auch die möglichen Einkommensquellen. Er verarmte rapide, seine Gesundheit verschlechterte sich zusehends, bis er in der Nacht vom 27. zum 28. Juli 1741 – vor genau 275 Jahren – an einer Darminfektion starb.

Die Trauerfeier fand im Stephansdom statt. Die Kosten der Bestattung mit «Kleingeläut» beliefen sich auf 19 Gulden und 45 Kreuzer, was für eine Trauerfeier mit minimalem Glockeneinsatz relativ teuer war.

30 Jahre arbeitete Vivaldi am Ospedale della Pietà
30 Jahre arbeitete Vivaldi am Ospedale della Pietà

 

Frühe Begabung

Antonio Lucio Vivaldi wurde am 4. März 1678 in Venedig geboren. Als er sieben Jahre alt war, erhielt sein Vater eine Stellung als Geiger im Markusdom. Antonio zeigte früh seine Begabung als Violinist. Er hatte als Kind wiederholt Gelegenheit, seinen Vater im Orchester zu vertreten. Als er 15 war, erhielt er die niedere Weihe und wurde tonsuriert. Das bedeutete zwar nicht, dass er später als Priester amtieren würde, sondern signalisierte, dass er daran interessiert war, sich einen höheren gesellschaftlichen Status abzusichern. Mit 18 erhielt er die höhere Weihe zum Subdiakon, womit seine Pfarrerlaufbahn entschieden war. Die Weihe zum Priester erhielt er mit 25. Er wurde zum Kaplan der Kirche Santa Maria della Pietà ernannt und betätigte sich außerdem als Geigenlehrer am Ospedale della Pietà, einem Mädchen-Waisenhaus, das zur Kirche gehörte.

In den folgenden Jahren widmete Antonio Vivaldi sich vornehmlich der Musik. Den Priesterberuf gab er nach einiger Zeit für immer auf. Als Begründung für diese überraschende Entscheidung gab er an, unter «strettezza di petto» (Brustenge) zu leiden, womit er mit einiger Wahrscheinlichkeit Asthma gemeint haben muss. Im Ospedale erfüllte er nun neue Aufgaben: er unterrichtete außer Violine Viola d’amore und Cello.

 

Ärger mit dem Aufsichtsrat

Vivaldi war kaum 25 Jahre alt, als er seine Musikertätigkeit in dem Waisenhaus aufnahm. 30 Jahre seines Lebens sollte er mit dieser Einrichtung verbunden bleiben.

Neben seiner pädagogischen Tätigkeit befasste er sich verstärkt mit dem Komponieren. In der Folgezeit  entstanden zahlreiche Werke, meist für Violine und Begleitung. Zusätzlich schrieb er Sonaten. Seinen Lehrauftrag erfüllte er mit großem Erfolg. Das Mädchenorchester erlangte unter seiner Stabführung großes Ansehen – Vivaldi war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn angelangt.

Für den Chor und das Instrumentalensemble schrieb er Kantaten, Konzerte und geistliche Vokalmusik. Das überaus gute künstlerische Niveau der Waisenmädchen erlangte unter Vivaldis Leitung weit über die Grenzen Venedigs hinaus internationale Anerkennung.  

In der langen Zeit seiner Tätigkeit für das Ospedale della Pietà schuf Antonio Vivaldi nicht nur die meisten, sondern unter ihnen auch die größten seiner Werke. Dort entwickelte er seinen unverkennbaren Stil, der bis heute unter Musikkennern außerordentlich beliebt ist.

Trotz der indiskutablen Leistungen, die Vivaldi vorzeigen konnte, hatte er ein gespanntes Verhältnis mit dem Aufsichtsrat. Laut der Satzungen musste jedes Jahr über den Verbleib der Maestri abgestimmt werden. Die Option Vivaldi wurde dabei selten übereinstimmend angenommen und 1709 passierte es: Er wurde mit sieben gegen sechs Stimmen abgewählt.

Der ehemalige Priester musste gehen und nunmehr als unabhängiger Musiker sein Brot verdienen. Aber bereits ein Jahr danach ereilte ihn eine Einladung des Ospedale: der Aufsichtsrat hatte einstimmig beschlossen, ihn wieder unter Vertrag zu nehmen. Während Vivaldis Abwesenheit war es den Herren bewusst geworden, was sie mit dem einzigartig begabten Musiker und Pädagogen verloren hatten. Der Komponist nahm seinen ehemaligen Arbeitsplatz wieder auf und wurde nach wenigen Jahren zum maestro di concerti (musikalischer Leiter) befördert.

Das Arbeitsklima hatte sich vollkommen zugunsten des Komponisten verändert. Ab 1718 unternahm er zahlreiche Reisen ins Ausland. Das war kein Hindernis, um dem Orchester des Ospedale monatlich zwei Konzerte abzuliefern, die mit zwei Zecchinen honoriert wurden. Allerdings war Vivaldi verpflichtet, fünf Proben von jedem neuen Werk zu leiten. Es folgte eine ungemein fruchtbare Schaffensperiode: Vivaldi bekam laut der Buchhaltung des Ospedale zwischen 1723 und 1733 Honorare für 140 Konzerte.    

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Karl VI. bewunderte Vivaldis Kunst

 

Vokalmusik, von Waisenmädchen aufgeführt

Sein Ruhm als Komponist begründet sich hauptsächlich auf seine zahlreichen Konzerte für Soloinstrument und Orchester. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass Vivaldi wertvolle Vokalmusikwerke geschrieben hat. In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts war die Oper in Venedig überaus beliebt, weshalb er sich in diesem Genre mit wechselvollem Erfolg versuchte. Seine anerkanntesten Bühnenwerke sind «Ottone in Villa» und «Arsilda, regina di Ponto». Viel geschätzter ist jedoch seine geistliche Vokalmusik, wie das leuchtkräftige «Gloria», oder das Oratorium «Juditha Triumphans», welches er im Ospedale aufführen ließ. Solisten waren sowohl in den weiblichen als auch den männlichen Rollen Mädchen des Waisenhauses. Ebenso spielten diese die verschiedenen Instrumentalbegleitungen einiger Arien – für Blockflöte, Oboe, Viola d’amore und Mandoline – ein Beweis des Könnens der jungen Interpretinnen.    

Ab 1718 ging Vivaldi auf Einladung des Landgrafs Philipp von Hessen-Darmstadt nach Mantua, um am Hof als Intendant und Opernkomponist tätig zu sein. Drei Jahre später reiste er nach Rom, wo er zahlreiche Opern- und Kirchenmusikaufträge erhielt. Er hatte zwei Male Gelegenheit, vor dem Papst aufzutreten.

In Mantua lernte er die junge Altistin Anna Girò kennen, eine überaus begabte Künstlerin, die fortan seine wichtigste Mitarbeiterin sein sollte. Alsbald kursierten Gerüchte über ein Verhältnis zwischen dem Komponisten und der Sängerin, wofür es allerdings keine Anhaltspunkte gibt. Erwiesen ist lediglich, dass Girò und Vivaldi kollegial und freundschaftlich miteinander verkehrten. Die Verleumdung kam aber zu Ohren von Vivaldis Arbeitgeber Bentivoglio, weshalb der Maestro in einem Brief an seinen Vorgesetzten vom 16. November 1737 jegliche intime Beziehung abstritt.

Antonio Vivaldis Werke ziehen nicht nur Liebhaber der sogenannten klassischen Musik an. Heute werden sie (nicht selten bis zur Unerträglichkeit) in der Fernsehwerbung sowie als Filmmusik eingesetzt. Paradebeispiel sind die «Vier Jahreszeiten», die berühmten Geigenkonzerte, in denen der Venezianer Meister lautmalerisch Vogelstimmen verschiedener Art, Winde, fließende Bäche, bellende Hunde, summende Mücken, schlittschuhlaufende Kinder, Jäger und selbstverständlich eiskalte Winterlandschaften sowie schwüle Sommertage zum Erklingen bringt.  

Vivaldis Ende in Armut und Vergessenheit bildet einen bitteren Kontrast zum Glanz seines musikalischen Schaffens. Er schrieb fast 500 Konzerte, von denen allein 241 für Violine und Orchester erhalten sind. Sein ausgeprägter Klangsinn, sein Melodienreichtum und der stets ansprechende Umgang mit der Harmonik sind charakteristisch und durchziehen sein gesamtes Werk wie ein roter Faden. Vivaldi ist nach einiger Hörerfahrung meistens sofort erkennbar und verursacht auf Anhieb Freude und Wohlgefallen. Sein Werk ist zudem für Neulinge wie geschaffen, um sich an die Musik der großen Meister heranzuwagen. Darin ist er ohne Zweifel mit dem großen Wolfgang Amadeus Mozart verwandt, was von der Qualität seiner Schöpfungen ein beredtes Zeugnis ablegt.

 

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