Opernkritik «Der Troubadour» im Teatro Municipal Santiagos

Eigenartigerweise  wurde das 200. Jubiläum Verdis – geboren am 10. Oktober 1813 – nicht so gebührend gefeiert, wie man es erwartet hätte. Ohne Zweifel handelt es sich um den wichtigsten Opernkomponisten der Musikgeschichte. Es wäre eine denkwürdige Gelegenheit gewesen, Verdis «Requiem» aufgeführt zu haben, oder vielleicht auch seinen «Nabucco». Unser Stadttheater brachte stattdessen den «Troubadour».

Die leidenschaftliche, rhythmisch mitreißende Musik, voll ansteckender Melodien hat diese Oper zu einer der beliebtesten der Opernfans gemacht. Anfangs nach ihrer Uraufführung 1853 in Rom waren die Kritiken gespalten, jedoch später wurde der Wert dieser Oper weltweit anerkannt und es begann ihr Welterfolg.

In der hiesigen Vorstellung schuf Pablo Maritano, Argentinier, die Regie. Die Gestik und Bewegungen der Solisten und des Chores sind stets natürlich, was zu einem überzeugenden Auftritt der Darsteller beiträgt.

Das Bühnenbild und die Beleuchtung wurden von Enrique Bordolini, Argentinier, entworfen. Das Bühnenbild mit seinem Turm, in der Bühnenmitte platziert, trug sehr geschickt zu der jeweiligen Handlung bei. Die gelungene Beleuchtung, auch von Bordolini gestaltet, erwies sich als sehr geeignete Ergänzung zu schwermütigen Bühnenbild. Die Kostüme von Imme Möller waren sehr geeignet für das Zeitalter. Allerdings hätte das Kostüm der Hexe Azucena sich mehr von den übrigen Zigeunerinnen differenzieren müssen.

Der russische Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters, Konstantin Chudovsky, erwies sich als großer Kenner des «Bel canto», das in dieser Oper sehr stark vertreten ist, so in Passagen voller Virtuosität y Melodienreichtum, wie zum Beispiel in der «cabaletta», «di quella pira» und im Chor des Zigeuner. Die große Herausforderung besteht darin diese Momente großer Dramatik und stimmlichen Aufwands in ein Gleichgewicht zu führen. Dieses gelang ihm im Ganzen makellos mit dem Philharmonischen Orchester, da die anfangs auftretenden Verwirrungen mit den Solisten in den folgenden Begleitungen der Sänger perfekt überbrückt wurden.

Der Chor des Teatro Municipal, unter der Leitung von Jorge Klastornick, bewies wieder einmal sein erstklassiges Niveau.

Der Graf von Luna wurde vom ukrainischen Bariton Vitaly Bilvy verkörpert. Sein ausgezeichnetes  Stimmmaterial, gepaart mit seiner Schauspielkunst kann gar nicht genug gelobt werden. Es gelang Bilvy vortrefflich, Lunas Verderbtheit, seine gemeine Veranlagung in Stimme und Schauspiel darzustellen.

Die nordamerikanische Sopranistin, Giulianna di Giacomo, sang die Leonora, die Geliebte Manricos. Ihr dramatisches Stimmmaterial, ihre beeindruckenden «lirico-spinto»-Höhen  überzeugten mit ihren glanzvollen «fortes» und mit ihrem szenischen Talent.

Der russische Mezzosopran Elena Manistina, Siegerin im Operalia Wettbewerb (2002), spielte die rachsüchtige Azucena. Absolut überzeugend gestaltete sie mit ihrem dramatischen Talent und ihrem schönen Stimmklang die beeindruckende Rolle.

Carolina-García Valentin, chilenischer Sopran, spielte die Rolle der Ines, Begleiterin Leonoras. Sie besitzt ein hübsches Stimmmaterial und ein geschicktes Auftreten. Andreas Bauer,  der deutsche Bass, gab die Rolle des Ferrando, Hauptmann im Heer des Grafen. Schon im «Billy Budd» von Britten  in Santiago begeisterte er uns durch sein stimmliches Talent und sein ausgezeichnete Bühnenauftreten. Mikhail Gubsky, russischer Tenor, verkörperte die Rolle des Manrico, der Geliebte Leonoras. Zwar besitzt er kein sehr starkes Stimmvolumen, jedoch ein schönes Timbre, das er geschickt führt. Eine gewisse Steifheit überbrückend, wird er sicher mit der Zeit szenisch gelöster wirken.

 

Von Sylvia Wilckens, Círculo de Críticos de Arte de Chile

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