Noch lange nicht ausgeleiert

Ihre Herstellung ist ein handwerkliches Kunststück, die Musik erinnert nostalgisch an vergangene Zeiten: Sogar heute noch wird die Drehorgel gespielt, auch in Chile.

Orgelübergabe beim Internationalen Orgelfest Waldkirch 2011. Links Orgelbaumeister Heinz Jäger, rechts Orgelbaumeister Wolfgang Brommer von der Werkstatt «Waldkircher Orgelbau Jäger und Brommer». In der Mitte der chilenische Drehorgl-Erbauer und Drehorgelspieler Manuel Lizana mit seiner Frau und dem Rest der Familie. Auf der Lizana-Orgel ist vorne das chilenische Wappen und rechts das badische Wappen zu sehen. Die Orgel spielt vier chilenische und vier deutsche Volkslieder. Die Orgel ist nun im Besitz der Waldkircher Orgelstiftung.

Das baden-württembergische Waldkirch gilt als die «Hauptstadt» des Orgelbaus, wo bereits 1999 das 200-jährige Jubiläum gefeiert wurde. Bis zum Ersten Weltkrieg stieg Waldkirch fast konkurrenzlos zur europäischen Orgelbaumetropole auf: Kirchenorgeln, Karussellorgeln sowie Drehorgeln wurden von dort aus in die ganze Welt geliefert. Und auch heute noch genießen Orgeln aus den vielen Waldkircher Orgelwerkstätten internationale Anerkennung.

Der Ruf der gut klingenden Leierkästen aus Waldkirch reicht sogar bis nach Chile, wo heutzutage noch etwa 28 Familien das Drehorgelspiel pflegen. Ethnomusikologe Augustin Ruíz erklärt, dass das Instrument in Chile erstmalig Mitte des 19. Jahrhunderts in den Straßen von Valparaíso erklang, wo es eine Prachtentfaltung wie in nur wenigen südamerikanischen Häfen entwickelte.

Italienische Wandermusiker brachten das Instrument wohl auf den Kontinent. Die Organilleros der Familie Lizana entwickelten das Drehorgelspiel weiter. Bei ihren Auftritten wird nicht nur der Leierkasten gedreht, es kommen auch so genannte Chinchineros zum Einsatz. Diese trommeln auf die selbstgefertigten Pauken, die sich auf ihren Rücken tragen, und wirbeln dabei in kreisähnlichen Tanzschrittkombinationen umher.

Seit der Kontaktaufnahme der Lizanas zu Orgelbaumeister und Restaurator Wolfgang Brommer bei der Werkstatt «Waldkircher Orgelbau Jäger & Bommer» besteht ein tiefer Freundschaftsbund zwischen Waldkirch und Chile. Die Sprache mag die verschiedenen Nationalitäten nicht verbinden, die Drehorgel aber tut es. Wolfgang Brommer selbst besuchte Chile bereits dreimal.

Im Jahr 2005 war er dabei, als die Organillero-Familie für die Wahrung von nationalem Kulturgut von der chilenischen Regierung geehrt wurde. «In Deutschland werden Drehorgeln eher weniger als historisch wertvoll betrachtet. Deswegen ist die Freundschaft zu den chilenischen Organilleros sehr bereichernd», so Brommer.

Alle drei Jahre veranstaltet die Stadt Waldkirch das internationale Orgelfest, um ihr Wahrzeichnen zu pflegen. Daran nahm auch die Lizana-Familie schon zum dritten Mal teil. Seit der letzten Veranstaltung im Jahr 2011 ist die Waldkircher Orgelstiftung im Besitz einer Lizana-Drehorgel, deren Musikwalze jeweils vier chilenische und vier deutsche Lieder abspielt. «So zeigen wir unseren Besuchern die Verbundenheit mit Chile und wie sich dort diese tolle Tradition des Orgelspiels erhalten hat und in eigener Weise mit den Chinchineros weiterentwickelt hat», fügt Bommer begeistert hinzu.

Viele Drehorgelfreunde haben sich zusammengeschlossen, um das Brauchtum am Leben zu erhalten. Die Internationalen Drehorgelfreunde Berlin zum Beispiel zählen 250 Mitglieder zu ihrem Verein. Davon leben 70 in Berlin, der Großteil jedoch verstreut über die ganze Bundesrepublik. Einzelne Mitglieder kommen auch aus anderen Ländern Europas sowie den USA.

«Schwerpunkt der Drehorgel ist jedoch Deutschland. Merkwürdigerweise wurden in den letzten 30 Jahren sogar mehr Drehorgeln gebaut als noch vor 100 Jahren. In Deutschland gibt es etwa 1.500 Drehorgeln. Viele Privatpersonen stellen sich eine Drehorgel in die Wohnung und spielen gelegentlich. Auf Drehorgeltreffen kommen an die 100 Spieler zusammen», so Pressesprecher Hans-Joachim Krause.

 

Die Herstellung

Im bayerischen Dinkelsbühl liegt die Drehorgelmanufaktur Deleika. An der handgefertigten Herstellung einer Drehorgel ist ein Mitarbeiter zwischen 14 Tagen bis zu einem knappen halben Jahr beschäftigt. Die Bauzeit variiert je nach Größe und Ausstattung des Gehäuses. Kai Rafeldt erläutert den Arbeitsprozess:

Ein Mitarbeiter der Deleika-Drehorgelmanufaktur in der Werkstatt beim Pfeiffenbau.

«Unsere hauseigene Schreinerei schneidet maßgenau, bohrt und fräst Nussbaumholz für Gehäuse, Pfeifen, Blasebalg, Windlade oder Spieltisch. Die gedackten Pfeifen für jeden einzelnen Ton bestehen aus neun Einzelteilen. Bei unseren Instrumenten mit bis zu 112 Pfeifen ist Fingerspitzengefühl gefragt. Wir lackieren alle Bauteile, damit diese vor Witterungseinflüssen geschützt sind. Die Windlage wird mit über 180 Bohrungen, Stellschrauben, Messinghülsen für die Luftführungen und Lederventilen versehen. Anschließend wird das Gehäuse bemalt. Der Blasebalg wird mit einem Kuhfell beledert, das eine Spezialgerbung durchlaufen hat. Die Bespannung wird ausgeschnitten, verstärkt und mit Leim aufgebracht.»

Viele weitere Arbeitsschritte später, werden in der Endmontage alle fertigen Teile zusammengefügt. Kai Rafeldt übernahm 2006 die Firma vom Gründer Gerhard Fischer, um ihren Fortbestand zu sichern. «Der Umgang mit dem Material Holz, aus dem zum Schluss ein klingendes, im Grund selbstspielendes Instrument wird, ist für mich jedes Mal ein Höhepunkt», schwärmt der Leiter.

Für die kostspieligste Deleika muss ein Käufer 36.900 Euro bezahlen. Das günstigste Instrument, für das ebenfalls alle Materialem im Hause selbst hergestellt werden und bei dem immer noch 120 Arbeitsstunden anfallen, ist für 1.695 Euro zu erwerben. «Einen typischen Kunden gibt es nicht bei uns. Zu unseren Klienten zählen sowohl Millionäre als auch finanziell Schwächere. Entweder man mag das Instrument oder eben nicht», so Rafeldt.

 

Die Geschichte

Die Herkunft der Drehorgel kann nicht eindeutig nachgewiesen werden. Viele sehen in Pater Athanasius Kirchner (1601-1680) den Erfinder. Der aus Deutschland stammende Jesuit wurde mit der Aufsicht der vatikanischen Museen beauftragt. In seinen lateinischen Veröffentlichungen gibt er bereits genaue Anleitungen, wie die Walze einer mechanischen Orgel zu bestiften sei. Nach seinem Tod wurde den Schriften wenig Beachtung geschenkt.

Ende des 17. Jahrhunderts erhielt Jesuitenpater Filippo Bonann den Auftrag, die Sammlung zu restaurieren. Dabei katalogisierte er auch die Musikinstrumente des päpstlichen Museums. In seinen Aufzeichnungen ist unter anderem das «Organo portatile» vermerkt, was soviel wie «tragbare Orgel» bedeutet. Weil es Kirchen oftmals an einer richtigen Orgel mangelte, erklang in den Gotteshäusern später häufig eine Drehorgel.

Für das musikalische Unterhaltungsprogramm in nahezu allen Herrscherhäusern wurde damals eine Drehorgel eingesetzt. Gaukler, Artisten oder Kriegsinvaliden verdienten sich ihren Lebensunterhalt sozusagen im Handumdrehen an der Kurbel. Viele Drehorgelspieler platzieren noch heute ein Plüschäffchen an ihrem Instrument. Dies soll an die Zeit erinnern, als umherziehende Musikanten oft von einem Kapuzineräffchen begleitet wurden, das meist Münzen beim Publikum sammelte.

Schon bald kamen Drehorgeln bei immer größeren Aufführungen zum Einsatz. Auf Jahrmärkten spielten mechanischen Kirmesorgeln, die den ganzen Festplatz beschalten.

Blütezeit der Drehorgel als Straßeninstrument war die Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Siegeszug des Grammophons ab 1887, des Radios seit 1923 und des Tonfilms seit 1929 ließen dann die Drehorgel in den Hintergrund rücken. Erst im Zuge der Nostalgiewelle in den 1980er Jahren interessierte man sich wieder etwas mehr für den Leierkasten. Das rettete wahrscheinlich so manch alte Drehorgel vor der Entsorgung beim Sperrmüll.

In Deutschland erinnert heutzutage unter anderem das Bergische Drehorgelmuseum in Marienheide an das oft melancholisch klingende Instrument zurück. Dort sind 180 Instrumente aus drei Jahrhunderten ausgestellt. Vor allem Schulklassen und Senioren gehören zu den Besuchern. «Ältere Menschen fasziniert die Drehorgel aufgrund der eigenen Kindheitserinnerung an dieses Instrument», erklärt Museumsleiter Dr. Ullrich Wimmer. «Doch auch Jugendliche sind oftmals von diesem völlig anderen Klangbild begeistert.»

 

Von Lena Pirzer

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