Der alte Schelm lässt das Feixen nicht

Zum 103. Geburtstag von Nicanor Parra

Bitte gut festhalten bei der literarischen Achterbahnfahrt: Der chilenische Autor und Begründer der Antipoesie, Nicanor Parra, wird 103 Jahre alt.
Bitte gut festhalten bei der literarischen Achterbahnfahrt: Der chilenische Autor und Begründer der Antipoesie, Nicanor Parra, wird 103 Jahre alt.

 

Nächsten Dienstag, den 5. September, wird der chilenische Dichter Nicanor Parra stolze 103 Jahre alt. Der Verlag Lumen hat vor Kurzem mit «El último apaga la luz» («Der Letzte macht das Licht aus») eine Auswahl seiner Werke herausgebracht.

 

Von Arne Dettmann

Die Anthologie wurde von Matías Rivas zusammengestellt und enthält auf 400 Seiten – unter anderem – das komplette Gedichtwerk «poemas y antipoemas» aus dem Jahr 1954, mit dem der Chilene in der Literaturwelt über Südamerika hinaus berühmt wurde. Das Buch stellte eine Zäsur dar: Bis dahin dominierte die Vorstellung, Lyrik müsse sprachlich-formale Anforderung erfüllen, also beispielsweise einem Strophenaufbau folgen, Reime und Rhythmen aufweisen und rhetorische Stilmittel verwenden.

Doch der «Antipoet» Parra, wie er sich selbst bezeichnete, pfiff auf alle diese intellektuell hochtrabenden Kriterien und entwickelte radikal seinen eigenen Stil. Poesie muss ästhetisch sein? Papperlapapp! Parra baut sich die Sätze so zusammen, wie es ihm gerade passt, von Schönheit und Klang keine Spur. Ein Gedicht sollte originell sein und etwas Außergewöhnliches thematisieren? Pustekuchen! Dem Antipoeten sind sogar eine alltägliche Zeitungsanzeige und ein Sessel nicht zu schade, um sie in seinem Werk zu verbraten. Und was ist mit der Struktur? Bei Parra werden Textblöcke und Verse lustig durcheinander gewürfelt, bisweilen stehen Wörter jeweils alleine in einer Zeile, von links nach rechts versetzt, so dass beim Leser der Eindruck eines diagonalen Herunterfallens entsteht.

Nicanor Parra mit seiner Tochter Colombina und Sohn Juan de Dios in seinem Haus im Santiaguiner Stadtviertel La Reina.
Nicanor Parra mit seiner Tochter Colombina und Sohn Juan de Dios in seinem Haus im Santiaguiner Stadtviertel La Reina.

 

Hochzeit der Weinflaschen

El último apaga la luz: Nicanor Parra, Verlag Lumen, 2017, ISBN 9789568856540
El último apaga la luz: Nicanor Parra, Verlag Lumen, 2017, ISBN 9789568856540

Wer mit Sprache derart jongliert, muss schon ein ausgebuffter Schelm sein. Und tatsächlich ahnt der Leser hinter jedem Gedicht den Spaßvogel Parra, der sich auf alles einen feixt. In «El chuico y la damajuana» aus «La cueca larga» von 1958 lässt er zwei mit Stroh umflochtene Weinflaschen Hochzeit feiern, in «memorias de un ataud» erzählt ein Sarg seine Gschichte: Wie er in einer Schreinerei geboren wird, monatelang im Verkaufsraum eines Beerdigungsinstituts steht und sich dann plötzlich sein Leben um 180 Grad wendet. Am Ende «wartet» er, begraben unter einer Tonne von Blumen, auf neue Ereignisse.

Schwarzer Humor kommt bei Parra nie zu kurz, und sicher auch nicht der Schlag unter die Gürtellinie, wenn er in «mujeres» alle möglichen Frauentypen mit pikanten Details aufzählt und damit schließt, dass sie ihn um den Verstand bringen. In «misión cumplida» («Mission erfüllt») wiederum eröffnet der Possenreißer seine Lebensbilanz in Form einer Buchhaltungstabelle. «Gepflanzte Bäume: 17», darunter «Söhne: 6» und schließlich «Werke: 7», macht summa sumamrum 30. Dann folgen weitere «Abrechnungen» mit Küssen – normale Küsse, Zungenküsse, Metro-Goldwyn-Mayer-Küsse –, Tränen, Stürzen, Zahnkaries, Erniedrigungen, Wartezeiten. Parras Rechnungswesen wird zwar immer verrückter, doch der Leser ertappt sich dabei, dass er die Zahlen nachrechnet, die natürlich nicht stimmen.

 

Skepsis und Surreales

Nicanor Parra nimmt zwar vieles auf die Schippe. So macht er sich in «Sigmund Freud» über den Begründer der Psychoanalye lustig und erklärt, dass wirklich alles auf der Welt – Tische, Fahrräder, Reisepässe – Sexualsymbole darstellen. Doch gerade hier zeigt sich, dass der Chilene eben nicht niveaulose Blödelei betreibt, sondern auch immer Skeptiker und Kulturkritiker ist. In «soliloquio del individuo», dem «Selbstgespräch des Individuums», wird ein Bogen geschlagen von der Steinzeit bis hin zur Moderne mit der abschließenden Frage, ob die Menschheit nicht zu ihren Steinmalereien zurückkehren sollte, denn das Leben habe doch keinen Sinn.

Dieses Fragen nach der Existenz und das damit verbunden Surreale klingen bei Nicanor Parra immer wieder durch. Und so scheint es berechtigt, Franz Kafka als wichtige Einflussgröße auf Parras Werk anzuführen. Belegstellen für diese Interpretation fehlen allerdings, einzig Parra selbst bezeichnete Kafka als ein entscheidendes Lektüreerlebnis.

Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño (Mitte) war ein großer Bewunderer Nicanor Parras (links). Hier im Foto zusammen mit dem spanischen Literaturkritiker Ignacio Echeverría in der Nähe der chilenischen Ortschaft El Tabo.
Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño (Mitte) war ein großer Bewunderer Nicanor Parras (links). Hier im Foto zusammen mit dem spanischen Literaturkritiker Ignacio Echeverría in der Nähe der chilenischen Ortschaft El Tabo.

Als gesichert gilt dagegen, dass sich Nicanor Parra stets als Opposition zur Lyrik begriff, deren chilenischer Hauptvertreter Pablo Neruda darstellt. Den schöngeistigen Werken des Liternaturnobelpreisträgers setzt der Antipoet konsequent seinen antipoetischen Stil entgegen. «Poemas y antipoemas» bilden die positiven und negativen Ladungen, die aufeinanderprallen – dieser Gedanke mochte für Parra sehr reizvoll gewesen sein, hatte er doch Mathematik und Physik an der Universidad de Chile studiert.

In «Mai Mai Peñi, el discurso de Guadalajara » unterhält sich Nicanor Parra fiktiv mit anderen Autoren über Lektüre. Anlass war der Juan-Rulfo-Preis für Lateinamerikanische und Karibische Literatur, den er im Jahr 1991 erhielt. Der Text ist eine perfekte Fusion aus Poesie und Essay, wobei hinterfragt wird, was denn nun eigentlich von Büchern zu erwarten sei.

Aber Parra lässt sich nicht auf intellektuelle Fachsimpelei ein. In einem anderen Gedicht mimt er einen Marktschreier, der den gesamten Verlauf der Literaturgeschichte kritisiert und dann erklärt:

Ein halbes Jahrhundert
War die Poesie
Ein Paradies für feierliche Trottel.
Dann bin ich gekommen
Mit meiner Achterbahn.
Steigen Sie ein,
wenn Sie Lust haben.
Allerdings: ich hafte nicht, wenn Sie am Ende
Aus Mund und Nase bluten.

 

Cueca, Rap und Payas

Und so geht die Achterbahnfahrt munter weiter. In «Los cuatro sonetos del Apocalipsis» von 1985 erwarten den Leser auf den vier Seiten statt Text nur Friedhofskreuze, immerhin so angeordnet, dass es sich wohl um Wörter gehandelt haben muss, die nun dort begraben liegen. «Brindis» erinnert an die Versform der Payas, die in Chile insbesondere zum Nationalfeiertag Dieciocho improvisiert vorgetragen werden. «La sagrada familia» ist als Rap konzipiert, typisch für die Musikkultur des Hip-Hop. Und bei der «cueca larga» verlegt Parra die chilenische Folklore in die Literatur hinein.

Berührungsängste hat er dabei nicht. Alle Register werden gezogen, alles versucht, nichts wird verschont. So entsteht eine neue Form. Und wer sich noch unsicher ist, dem gibt der Autor sogar noch eine Anweisung, wie die Antipoesie zu lesen sei: In gleicher Reihenfolge, wie sie geschrieben wurde; und mit der gleichen Lust wie bei der Poesie.

Im August 22012 erhält Nicanor Parra den Preis Iberoamericano Pablo Neruda. Die Auszeichnung nimmt stellvertretend sein Enkel Cristóbal Ugarte vom damaligen chilenischen Staatspräsidenten Sebastián Piñera entgegen.
Im August 22012 erhält Nicanor Parra den Preis Iberoamericano Pablo Neruda. Die Auszeichnung nimmt stellvertretend sein Enkel Cristóbal Ugarte vom damaligen chilenischen Staatspräsidenten Sebastián Piñera entgegen.

Die Sammlung «El último apaga la luz» beinhaltet auch «defensa de Violeta Parra», ein wunderschönes Gedicht über die berühmte chilenische Folklore-Sängerin, eine jüngere Schwester Nicanor Parras, die 1967 Selbstmord beging. Ebenfalls ist das Werk «Sermones y prédicas del Cristo de Elqui» dabei, das 1977 geschrieben wurde und eine markante Stelle enthält, in dem der Autor zwar die Menschenrechtsverletzungen während der Pinochet-Zeit sehr subtil anspricht, jedoch zu Bedenken gibt: «Aber nennt mir bitte mal ein Land, in dem die Menschenrechte was gelten.» Das ist unzweifelhaft zynisch und zeugt letztendlich von einer passiven Schicksalsergebenheit, die wieder an Franz Kafka erinnert.

Am 23. April 2012 überreicht Prinz Felipe von Asturien den Cervantespreis für Nicanor Parra an dessen Enkel Cristóbal Ugarte.
Am 23. April 2012 überreicht Prinz Felipe von Asturien den Cervantespreis für Nicanor Parra an dessen Enkel Cristóbal Ugarte.

Einer politischen Lesart entzieht sich Parra jednefalls. Der Chilene, 1914 bei Chillán geboren, hatte über ein Stipendium an der US-amerikanischen Brown University studiert und sich von 1949 bis 1951 an der Universität Oxford in England aufgehalten. Mit der angelsächsischen, westlich-kapitalistischen Welt hatte er offenbar keine Probleme, bekannt ist sein Ausspruch in den 70er Jahren «Cuba sí, yankees también» («Kuba ja, aber auch die Yankees»). Doch die von ihm propagierte Toleranz mündete schließlich in eine Enttäuschung über beide politische Lager. Spöttisch schrieb Parra: «La izquierda y la derecha unidas / jamás serán vencidas.» (in etwa: «Die Linke und Rechte gemeinsam sind einfach unüberwindbar.»)

Im Jahr 1970 wird Nicanor Parra von der Bibliothek des US-Kongresses zu einem Autorentreff eingeladen. Dort in Washington empfängt die damalige First Lady Pat Nixon den Chilenen auf eine Tasse Tee. Parra hat damit keine Probleme, doch die chilenische Linke ist empört.
Im Jahr 1970 wird Nicanor Parra von der Bibliothek des US-Kongresses zu einem Autorentreff eingeladen. Dort in Washington empfängt die damalige First Lady Pat Nixon den Chilenen auf eine Tasse Tee. Parra hat damit keine Probleme, doch die chilenische Linke ist empört.

Parra wäre allerdings nicht Parra, wenn er selbst aus einer ideologischen, starköpfigen Konfrontation nicht doch noch etwas Nützliches für sein Werk ziehen und daraus eine innovative Parodie machen würde. Und so heißt es in einem Gedicht:

Ich habe verdammt große Lust zu schreien
Es leben die Andenkordilleren
Nieder mit den Küstenkordilleren
Warum, das weiß ich selber nicht so genau
Aber ich kann nicht anders
Es leben die Andenkordilleren!
Nieder mit den Küstenkordilleren!

Artefactos heißen die visuellen Kunstwerke Nicanor Parras, die im Einklang mit seiner literarischen Antipoesie stehen: Gewöhnliche Alltagsgegenstände wie dieser Wegwerf-Pappteller werden als Grundlage für Sprüche benutzt.
Artefactos heißen die visuellen Kunstwerke Nicanor Parras, die im Einklang mit seiner literarischen Antipoesie stehen: Gewöhnliche Alltagsgegenstände wie dieser Wegwerf-Pappteller werden als Grundlage für Sprüche benutzt.
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