Ausstellung «Los muros de Chile» von Louis von Adelsheim in Santiago de Chile

Die Welt hinter chilenischen Gefängnismauern

Das Leben hinter der Mauer: Der Schweizer Videokünstler Louis von Adelsheim widmet sich in einer Ausstellung den chilenischen Gefängnissen.
Das Leben hinter der Mauer: Der Schweizer Videokünstler Louis von Adelsheim widmet sich in einer Ausstellung den chilenischen Gefängnissen.

 

Der Schweizer Videokünstler Louis von Adelsheim zeigt in Santiago de Chile in einer emotional bewegenden Ausstellung das Leben von chilenischen Gefängnisinsassen.

 

Von Arne Dettmann

War es Zufall oder Absicht? Vom gleißenden Sonnenlicht geblendet betritt der Besuch das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (Museo de Arte Contemporáneo) der Universität Chile, in dem derzeit der Schweizer Künstler Louis von Adelsheim seine Ausstellung «Los Muros de Chile» («Die Mauern von Chile») über chilenische Gefängnisse präsentiert. Die Fensterläden sind alle verbarrikadiert, düster und beklemmend ist die Atmosphäre. Das war sicher Absicht.

Doch selbst die Toilette liegt im Dunkeln. Hilflos tastend sucht die Hand ängstlich nach dem Lichtschalter. Gehört das zum Konzept oder war es die Museumsleitung, die den Besucher einfach achtlos vergessen hatte – so wie vielleicht die Gesellschaft seine Bürger hintern den Gefängnismauern?

 

Aus dem Museum wird ein Knast

Das Gefühl der Enge und Angst lässt den Gast jedenfalls während der gesamten Ausstellung nicht mehr los. In zwölf Räumen widmet sich Louis von Adelsheim mit Videoinstallationen den Haftanstalten – und verwandelt das Museum fast schon selber in einen Knast. Hinter eisernen Gitterstäben laufen großflächige Filmsequenzen über das Alltagsleben der Insassen ab. Nackte Oberkörper stemmen Gewichte, andere trinken Tee und verrichten Tischlerarbeiten oder spazieren im Kreis. Ein Wirrwarr aus Menschen in einem viel zu engen Gefängnishof, über den sich Wäscheleinen und Stacheldraht spannen.

Die desaströsen Zustände in chilenischen Haftanstalten sind ein offenes Geheimnis. Alleine in der Ex Penitenciaría in der Hauptstadt Santiago de Chile sitzen 4.586 Häftlinge ein. Von 17 Uhr abends bis 8.30 Uhr morgens werden jeweils sechs von ihnen in eine Zelle von drei mal vier Meter eingeschlossen. Was dann passiert, weiß niemand. Zumindest nicht die 25 Wächter, die eigentlich für Ruhe und Ordnung sorgen sollen. Das macht ein Wachmann auf 183 verurteilte Straftäter. Die Hälfte aller 84 Gefängnisse im Land gelten als überfüllt, einige darunter zu 240 oder gar 279 Prozent. Hinzu kommen sanitäre und bauliche Mängel.

In der Stille der Nacht ist ein ratschendes Geräusch von Metall zu hören. Vier Wächter projiziert Louis von Adelsheim in einem dunklen Raum an die Wände. Unbeteiligt, ausdruckslos blicken sie in die Mitte, wo auf dem Boden eine andere Filmszene abläuft: Ein Häftling sägt und feilt an Stahlstreben aus den Metallbetten, um eine Stichwaffe herzustellen. Von 2010 bis heute gab es in der Ex Penitenciaría Santiago Sur bei Kämpfen und Bandenkriegen 350 Tote.

Videoprojektionen eines Wächters und eines Häftlings, der nachts an Metallteilen sägt und feilt, um eine Stichwaffe herzustellen. Foto: Jazmin Palacios
Videoprojektionen eines Wächters und eines Häftlings, der nachts an Metallteilen sägt und feilt, um eine Stichwaffe herzustellen. Foto: Jazmin Palacios

 

Strafe für zwei

Spätestens seit dem Erstlingsroman «Die Stadt und die Hunde» des peruanischen Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa aus dem Jahr 1962 wissen wir, dass die Stadt eben nicht an der Kadettenanstalt endet, sondern gesellschaftliche Verhältnisse auch im abgeschotteten Innenhof weiterhin präsent sind. Das gleiche gilt für die chilenischen Gefängnismauern. Per eingeschmuggelter Handys organisieren Häftlinge weiterhin den Drogenhandel sowohl innerhalb als auch außerhalb der Anstalt.

In dem Raum «condena x2» – auf Deutsch «Strafe für zwei» – zeigt Louis von Adelsheim das Video einer Frau im Hochzeitskleid, die Supermarkttüten zum Gefängnis trägt. Aufopferungsvoll werden von den Frauen lange Besucherschlangen erduldet, um dem inhaftierten Ehemann Kleinigkeiten zu bringen. Dann wieder zu Hause erwarten sie meistens die Kinder, Arbeit und Armut.

Über ihre erschütternden Schicksale berichten die Straftäter selbst in einem nachempfundenen Gefängnistrakt. Zwischen den engen Mauern steht der Besucher vor den einzelnen Videobotschaften, in denen es um Drogen, falsche Freunde, aber auch Halt gebende Familien geht. Gegenüber in einem anderen Raum mit dem Namen «Trauer» hat der Schweizer sieben Särge aufgebahrt. Brennende Kerzen werden an die Wand projiziert, Angehörige von Mordopfern erzählen auf berührende Weise über den Schmerz des Verlustes, über Ohnmacht, Angst, Einsamkeit und die schwierige Frage der Vergebung.

 

Im Teufelskreislauf von Armut und Kriminalität

Die virtuelle Reise in das fragwürdige Staftvollzugsystem Chiles ist das Ergebnis von drei Jahren Arbeit im Inneren des Gefängnisses der Hafenstadt Valparaíso. Louis von Adelsheim und die Dichterin Andrea Brandes thematisieren aber auch den aktuellen Skandal um das chilenische Jugendamt Sename, in dessen Obhut in den vergangenen elf Jahren 1.313 Minderjährige starben. Etwa 43 Prozent aller Häftlinge in chilenischen Gefängnissen durchliefen zuvor das in der Kritik stehende Sename – der Schweizer zeigt lange TV-Aufnahmen von Kindergesichtern in dunklen Kästen, deren Weg wahrscheinlich vorgezeichnet ist. Programme zur Resozialisierung von Straftätern so wie in Deutschland gibt es in Chile praktisch gar nicht. Wer einmal auf die schiefe Bahn geraten ist, steckt im Teufelskreislauf und kommt dort nicht mehr heraus.

Für einige kam jede Hilfe zu spät: Im Dezember 2010 erstickten und verbrannten bei einem Feuer im Gefängnis San Miguel in Santiago de Chile 81 Insassen. In der Ausstellung stellt Louis von Adelsheim das tragische Unglück in Form eines Quaders aus Mauern dar, hinter dem die Flammen lodern.

Im krassen Gegensatz dazu stehen in zwei anderen Sälen die Gefühle und Träume der Häftlinge. Da sind die Angst vor Gewalt und Verlassen werden, aber auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt in Form von bunten Blumenwiesen, deren Bilder über eine ärmliche Wellblechhütte laufen, untermalt mit schöner Musik. Für jemanden, der in einem chilenischen Gefängnis sitzt, liegt dort, hinter den chilenischen Mauern, das Paradies.

 

Los Muros de Chile

MAC Quinta Normal
Avenida Matucana 464
Santiago de Chile
www.mac.uchile.cl

Die Ausstellung ist noch bis zum 24. Juni zu sehen.

 

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