Mehr oder weniger Toleranz?

Für dieses Jahr hat die Lutherische Kirche im Rahmen der «Lutherdekade», die 2017 in der 500-Jahr-Feier der Reformation gipfelt, als Leitthema «Reformation und Toleranz» gewählt. Damit ist ein gar nicht einfaches Thema angeschnitten, denn bekanntlich ist es allen Kirchen und vielen besonders religiösen Menschen nicht leicht gefallen toleranter zu werden.

Warum ist insbesondere religiöse Toleranz eigentlich so schwierig? Irgendwie scheinen «Ich bin fest überzeugt von etwas» und «Ich bin tolerant» im Widerspruch zu stehen. Menschen, die von nichts fest überzeugt sind und an nichts so richtig glauben, haben es leicht, tolerant zu sein, «denn es ist doch alles im Grunde dasselbe» oder «eigentlich ist mir das alles egal». Im Gegenteil dazu haben es Menschen, die an eine Wahrheit glauben und davon überzeugt sind, dass diese Wahrheit absolut und heilsam ist, es nicht so einfach «andere Wahrheiten» zu tolerieren.

Brauchen wir nun mehr oder weniger Toleranz in unserer Zeit und Welt?

Da kommt es natürlich darauf an, auf was man diese Toleranz bezieht. Öfters hören wir in letzter Zeit die Aufforderung zu «Tolerancia 0». Und das ist gut im Hinblick auf Alkohol am Steuer, innerfamiliärer Gewalt, Pädophilie, Menschenrechtsverletzungen, Korruption und so weiter.

Aber hinsichtlich religiösen, ethischen und politischen Fragen gehen die Meinungen auseinander. Da meinen die einen, man dürfe nicht zu tolerant und andere, man müsse noch viel toleranter werden. Es scheinen sich Polarisierungen anzubahnen zwischen mehr «fundamentalistischen» und «liberaleren» Haltungen. Ich habe den Eindruck, dass auf dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrungen in Deutschland der Begriff Toleranz als äußerst wichtiger und zu erstrebender Wert viel positiver besetzt ist als in Chile, wo doch gar nicht so selten Zweifel an «zu viel Toleranz» aufkommen.

Wer mehr Toleranz will, will Freiheit und Respekt vor der Verschiedenheit und Andersartigkeit und hat Angst vor erneuten absolutistischen, diktatorischen und restriktiven Haltungen; auf der andere Seite herrscht die Angst, dass bei zu viel Toleranz sich die ganze Gesellschaft im Chaos auflösen und in Auswüchsen ausarten könnte.

Sicherlich muss man noch deutlicher unterscheiden zwischen einer billigen und feigen Toleranz, die einfach alles fatalistisch und interessenlos hinnimmt und den Problemen ausweicht, und einer proaktiven Toleranz, die sich einsetzt für den Respekt der eigenen und auch der Meinungs- und Glaubensfreiheit der anderen, auch wenn die gar nicht so denken und leben wie «unsereiner».

Und wenn man es dann sogar noch schafft, andere Anschauungen nicht nur zu respektieren, sondern sie sogar als bereichernde Andersartigkeit in der Vielfalt des Lebens schätzen zu lernen, dann kann Toleranz eine sehr anregende Tugend für das persönliche und gesellschaftliche Leben werden. Ja, sie wird für eine friedsame Zukunft einer pluralistischen Gesellschaft sogar lebenswichtig. Nur angesichts von Gewalt und Gefahr muss die Toleranz aufhören. (Damit bleibt natürlich die Frage, wo und wie und wann Gewalt und Gefahr droht.)

Leicht gesagt und gedacht, aber ach wie schwer zu praktizieren, auch (oder besonders?) in und unter religiösen Menschen.

 

Von Siegfried Sander, Bischof der ILCH

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