Max Frisch und die Schweiz

Dass in der Schweiz gute Schokoladen, Uhren und Käse mit Löchern produziert werden, ist bekannt. Aber Literatur, Romane, Theaterstücke auf hochdeutsch aus Helvetien? Eher weniger.

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Von Mathäus Kubli

Ja doch, einmal und bis anhin nur einmal, etwa 40 Jahre lang. Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die deutschen Städte vorerst in Schutt und Asche lagen. In dieser schweren Zeit, in dieses trümmervolle Elend brachten die Theaterstücke und Texte von Max Frisch aus Zürich und Friedrich Dürrenmatt aus Bern – zwar jeder auf ganz eigene Weise, aber beide in aufwühlenden Darstellungen – erhellende Gedanken, die in penetranter Weise wiederholten: Und du? Ist dir deine Schuld bewusst? (Max Frisch «Andorra», Friedrich Dürrenmatt: «Der Besuch der alten Dame»). Dahinter steckte die ewig quälende Frage an sich selbst: Was bin ich? Wer sind wir? (Max Frisch «Stiller», Friedrich Dürrenmatt «Der Verdacht»).

Vor 25 Jahren ist Max Frisch am 4. April 1991 in Zürich gestorben. Kurz vor seinem Tod sagte er zu Dieter Bachmann, damaliger Chefredaktor der Kulturzeitung «du»: «Mach mich nicht zu einem Schweizer.»

Geboren ist Max Frisch am 15. Mai 1911 in Zürich, er macht die Matura im Realgymnasium Zürichberg und studiert Architektur an der ETH in Zürich. Mit einer einzigen Ausnahme («Triptychon») finden alle Uraufführungen seiner Theaterstücke im Schauspielhaus Zürich statt. Er reist zwar viel und gern, lebt einige Jahre in New York und Berlin und besitzt auch ein Bauernhaus im Tessin, aber im Grunde ist er ein waschechter Zürcher.

Weshalb denn die Forderung: Mach mich nicht zu einem Schweizer? Was ist denn so übel an der Schweiz? Sind sie, Tells Söhne und Töchter, nicht schaffig, pünktlich und verantwortungsbewusst, manchmal ein wenig klobig, aber immer ehrlich und meistens zuvorkommend nett? Leben sie nicht in einem Land mit direkter Demokratie, in dem die persönliche Freiheit groß geschrieben wird?

Ja, aber als Maxli vier Jahre alt war, fing der Erste Weltkrieg an – die Schweiz blieb verschont – und 20 Jahre darauf, am 1. September 1939, überfiel der große nördliche Nachbar Polen. Für Kanonier Frisch begann der Aktivdienst. Zwar bestand im Mai 1940 die akute Gefahr eines deutschen Übergriffs, Frisch beschrieb die gefährliche Situation in «Blätter aus dem Brotsack», aber es kam nicht zum Übergriff. Die Schweiz, rundum eingekesselt, hatte Mühe mit der Nahrungsbeschaffung, hatte auch andere Nöte, jedoch im Vergleich zu den umliegenden Ländern waren das Bagatellen.

Frisch leidet, weil er nicht wirklich leidet, weil er nur Zuschauer ist. Er sitzt in der Loge und schaut dem Geschehen auf der Bühne zu, brennend interessiert aber nicht direkt beteiligt. «Kann ein Ausländer, ein verschonter, vom Tod schreiben?», fragt in einem Brief ein empörter deutscher Soldat, der das Grauen von Stalingrad erlebt hat. Der Verschonte versucht dreimal eine Antwort – unter die letzte schreibt er: nicht abgeschickt (Tagebuch 1946-1949).

Die verschonte Insel im Meer des Leids ist ein Dorn im Auge des Schweizers Frisch; die andere Schwierigkeit bildet sich auf der Insel selbst, auf der die Züge so pünktlich abfahren und alles so sauber ist, dass man die auf der Straße verschüttete Suppe doch noch essen kann, auch ohne Löffel. Es ist langweilig, totlangweilig, es passiert nichts, alle sind so brav, alle machen alles, wie man’s eben macht und schon immer gemacht hat. «Füdlibürger», so riefen 1968 die Studenten, und später auch, manchen Orts bis heute.

Aber das möchte Frisch nicht sein. Nur das nicht. So steht er nicht mehr hinter seinen frühen Schriften, die seinen Glauben an die Bürgerlichkeit bezeugen und zeigen, dass er einmal ein eifriger Bürger sein wollte. Ganz voll ist das Maß, als bekannt wird, dass der Staat Fichen (Karteikarten; Anmerk. d. Red.) über «gefährliche Bürger» anfertigen ließ, auch über Frisch, der diese Geheimdokumente als Zeichen der «Ignoranz, der Borniertheit, der Provinzialität» betitelt, die offizielle Einladung zur 700-Jahrfeier der Eidgenossenschaft (1291-1991) freundlich aber bestimmt ablehnt und von der verluderten Schweiz spricht.

Zwei Gründe mildern die bald eintreffenden Kommentare zum Adjektiv «verludert»: Erstens ist Frisch als einer der wenigen schweizerischen Schriftsteller unterdessen weltberühmt geworden und zweitens sind seine Tage gezählt. Max Frisch stirbt am 4. April 1991 in Zürich.

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