Wer ist die bessere Lügnerin?

Münchner Kammerspiele sind mit dem Stück LUEGEN bei Santiago a Mil vertreten

Theaterstück LUEGEN. Foto: Münchner Kammerspiele

 

Zum ersten Mal sind die Münchner Kammerspiele mit einem Stück aus ihrem Repertoire beim Theaterfestival Santiago a Mil vertreten. LUEGEN ist die Debütarbeit der 28jährigen Regieassistentin Verena Regensburger an dem Theater der bayerischen Hauptstadt. Ein Stück, in dem uns eine hörende und eine gehörlose Schauspielerin vormachen, wie Kommunikation, Wahrnehmung und Lügen funktionieren.    

 

Von Petra Wilken

Auf der Bühne des 2017 uraufgeführten Stücks stehen die in Deutschland namhafte Theaterschauspielerin Wiebke Puls und die gehörlose Tänzerin, Choreografin und Schauspielerin Kassandra Wedel. Wiebke Puls, Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele, erhielt 2005 für ihre Rolle der Kriemhild in «Die Nibelungen» den Alfred-Kerr-Darstellerpreis. Kassandra Wedel wurde 2012 zweifache Deutsche Hip Hop Meisterin und Weltmeisterin im Solo und Duo der inklusiven Hip Hop Meisterschaften. 2015 spielte sie in dem Tatort «Totenstille» eine gehörlose Tanztrainerin. Der Cóndor führte vor Ankunft des Ensembles ein schriftliches Interview mit der Regisseurin Verena Regensburger.

Cóndor: Sie sagen, wir lügen zwischen zwei und 200 Mal am Tag, je nachdem wie man Lügen definiert: Unwahrheiten, Postfakten, Übertreibungen, Auslassungen, Höflichkeiten, Redefloskeln. Was hat Sie an dem Thema gereizt? 

Verena Regensburger: Das Thema Lügen stand zunächst nicht im Fokus meines Interesses, sondern vielmehr die unterschiedlichen Möglichkeiten zu kommunizieren: Lautsprache, Gestik, Mimik und schlussendlich auch Gebärdensprache. Dabei reizt mich besonders die Frage, worauf wir unseren Fokus legen. Zeitgleich nehmen wir die unterschiedlichsten Informationen unseres Gegenübers unbewusst auf, verarbeiten und rezipieren sie. Dabei steht das gesprochene Wort meist im Vordergrund. Warum glauben wir dem gesprochenen Wort mehr als dem, was wir sehen? Wenn ich damit rechnen muss, angelogen zu werden — und damit werde ich rechnen, wenn ich mir einen Theaterabend mit dem Titel LUEGEN ansehe — dann versuche ich, das Dargebotene mit all meinen Möglichkeiten der Rezeption zu hinterfragen. Dass sich dieser Effekt, die Schärfung der Wahrnehmung, beim Zuschauer einstellt — dies zu erzeugen, hat mich gereizt.

Verena Regensburger. Foto: Münchner Kammerspiele
Verena Regensburger. Foto: Münchner Kammerspiele

Sie haben eine hörende und eine gehörlose Schauspielerin dazu eingeladen. Warum? 

Wiebke Puls hat eine erhöhte Aufmerksamkeit für ihre Umwelt und einen virtuosen Umgang mit der Sprache der Worte. Dem gegenüber bzw. als Ergänzung steht Kassandra Wedel, die durch ihre Gehörlosigkeit darauf angewiesen ist, genau hinzusehen. Kassandra liest von den Lippen ab und dabei besonders auch von der Mimik ihres Gegenübers. Sie selbst betont den Ausdruck ihrer Gebärdensprache mit ihrer Mimik, so wie Wiebke dies mit der Modulation ihrer Stimme variieren kann. Doch Kassandra spricht auch Lautsprache und Wiebke analysiert auch die Gesichtsausdrücke ihres Gegenübers. Die Frage ist also, ob eine der beiden die bessere Lügnerin oder Lügen-Aufdeckerin ist. Und warum.

Ist es richtig, dass Sie das Stück zusammen mit den beiden Schauspielerinnen geschrieben haben? Wie ist es entstanden? 

Zunächst hatte ich eine umfangreiche Recherche zu den verschiedenen Möglichkeiten von Kommunikation sowie zu den Themen Lüge und Wahrheit angestellt. Mit meiner Dramaturgin Manon Haase hatte ich einen Fragenkatalog aufgestellt. Ausgehend von diesem, haben wir im Team unterschiedlichste Theorien behandelt und eigene Erfahrungen miteinander geteilt. Unsere Gespräche hatten wir ursprünglich allein aus Gründen der Dokumentation aufgezeichnet, uns dann jedoch entschieden genau diese, beinahe Wort für Wort, als Stücktexte zu verwenden. 

Sind die Texte somit authentischer? Der schwierigen Frage nach der Authentizität gehen wir auch in LUEGEN nach: Ist die Stimme der Gehörlosen authentischer als die der Hörenden, da Kassandra ihre eigene Stimme nicht hören kann? Und macht die Tatsache, dass Wiebke feinste Nuancen hören und den Klang ihrer Stimme manipulieren kann, sie automatisch unfähig, authentisch zu sein?

In der Präsentation von LUEGEN heißt es, die Bühne werde zu einem Versuchsraum für bewusst und unbewusst Kommuniziertes, einem Authentizitätslabor. Wie sieht das praktisch aus? 

Praktisch sehen wir die Bühne eben als genau das, ein Labor. Zu diesem Labor zählen bereits unsere gemeinsamen Proben. Die Ergebnisse aus diesen werden nicht als solche feststehend präsentiert, sondern mit dem Publikum geteilt, jedes Mal aufs Neue hinterfragt. Der Abend besteht zum einen aus authentischen Aussagen, die während der Proben formuliert wurden — authentisch deshalb, weil die beiden Schauspielerinnen zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, dass ihre Antworten später auf der Bühne so verwendet werden und sich somit als «Privatperson» frei formulierten. Zum anderen arbeitet die Inszenierung mit Improvisationen, nicht planbaren Momenten, die das Bühnen-Ich in der Konfrontation mit dem Gegenüber zeigen.

Ihrer Meinung nach ist Sprache ein Influencer. Werden wir heute durch Social Media ständig belogen?

Wir bilden uns unsere eigene Wahrheit / Lüge. Es kommt also darauf an, welchen Sozialen Medien trauen wir und von wem lassen wir uns bewusst oder unbewusst belügen. Manchmal ist es zu schön, den leichten Weg zu nehmen und nicht einen zweiten Blick zu riskieren. Die klassischen «Influencer» können wir abonnieren oder eben auch ignorieren. Lügen haben kurze WLAN-Verbindungen.

In welchen Situationen lügen Sie selbst?

Ich bin Freund der offenen Worte, aber auch von Timing. Manchmal ist es nicht der richtige Moment, um Klartext zu sprechen. Dann formuliere ich das entweder genauso oder nutze die Flexibilität der Worte oder die Kraft eines Gesichtsausdrucks. 

LUEGEN: 10., 11. , und 12. Januar 2019, Teatro UC Sala 2, Jorge Washington 26, Ñuñoa, Santiago. Deutsch, mit spranischen Untertiteln

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