Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein

Kein Tag ohne Musik

Leonard Bernstein – eine schillernde Künstlerpersönlichkeit
Leonard Bernstein – eine schillernde Künstlerpersönlichkeit

 

Er war der erste nordamerikanische Dirigent, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland auftrat. Auf Einladung des damaligen Münchener Generalmusikdirektors Georg Solti gab der 29-jährige Leonard Bernstein mit dem Bayerischen Staatsorchester ein Konzert.

 

Von Walter Krumbach

Die Musiker zeigten sich dem jungen Amerikaner zunächst misstrauisch, ließen sich jedoch nach kurzer Zeit durch sein Können überzeugen. An dem Abend dirigierte er zwei sinfonische Werke und leitete vom Flügel aus das Klavierkonzert von Maurice Ravel.

Leonard Bernstein war in der Tat eine vielseitige Begabung. Er leistete nicht nur als Dirigent Beachtliches, sondern war auch ein untadeliger Pianist. Dazu kam sein pädagogisches Talent, das er in zahlreichen Fernsehsendungen anwenden konnte. Er hatte die Gabe, komplexe Musikinhalte einem breiten Publikum interessant zu gestalten. Die von ihm moderierte und musikalisch geleitete Sendung «Young People’s Concerts» war nicht nur bei dem jungen Publikum, wie man dem Titel entnehmen könnte, beliebt, sondern wurde von Interessenten aller Altersgruppen, von Schulkindern bis zu Greisen, mit Hingabe verfolgt.

Nicht zu unterschätzen ist zudem sein Wirken als Komponist. Bernstein hinterließ Werke, die seit nunmehr Jahrzehnten zu den amerikanischen Klassikern gehören. Sein Musical «West Side Story», eine moderne Romeo-und-Julia-Handlung, stellt an seine Darsteller sowohl in Gesang, Schauspiel als auch in Tanz hohe Ansprüche. Die Verfilmung unter der Regie von Robert Wise und Jerome Robbins erhielt 1961 zehn Oscars.

 

Nachfahre jüdisch-ukrainischer Einwanderer

Am 25. August gedenkt die Musikwelt Leonard Bernsteins 100. Geburtstags. Er kam 1918 in Lawrence, Massachusetts, zur Welt. Seine Vorfahren waren jüdisch-ukrainische Einwanderer. An der Harvard-Universität ließ er sich in Klavier und Komposition ausbilden. 1943 wurde er zum Assistenten von Artur Rodzinski, dem Chefdirigenten des New York Philharmonic Orchestra, ernannt. Noch im gleichen Jahr konnte er seinen ersten großen Erfolg verzeichnen, als Bruno Walter erkrankte und ein Konzert absagen musste. Bernstein sprang ein und dirigierte Robert Schumanns «Manfred»-Sinfonie und den «Don Quixote» von Richard Strauss. Das imponierende Konzert wurde vom Rundfunk landesweit übertragen, der junge Assistent wurde über Nacht berühmt.

Auf seine Leistungen rückblickend ist es sicher nicht einfach zu bestimmen, auf welchem Gebiet der Maestro seinen größten Beitrag geleistet hat. Freilich ist man geneigt, sich für seine Erfolge als Dirigent zu entscheiden, da er zahlreiche Schallplatten eingespielt hat, die heute als Referenzaufnahmen gelten. So etwa war er als Mahler-Dirigent sehr gefragt, da er diesen – sicher nicht ohne weiteres zugänglichen – Komponisten in einer Zeit, als kaum jemand außerhalb der Konservatorien sich für dessen Werk interessierte, vorbildlich zur Wirkung brachte. Bernstein leistete in Sachen Mahler Pionierarbeit, keine Frage. Wenn man sie heute hört, stellt man fest, dass die von ihm dirigierten Sinfonien nichts an Frische, Spontaneität, Authentizität und vor allem Kraft eingebüßt haben.

 

Bernsteins Auftritte im deutschsprachigen Raum

Oft und gern trat er im deutschsprachigen Raum Europas auf. Bernsteins Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern etwa ist ein Kapitel für sich, ebenso seine Auftritte bei den Salzburger Festspielen, wo er ab 1959 dirigierte. Unvergessen sind seine Produktionen des «Rosenkavalier» von Richard Strauss und des «Fidelio» von Ludwig van Beethoven, sowie sein «Falstaff» von Giuseppe Verdi an der Wiener Staatsoper.

Mit dem Journalisten Jonathan Cott führte der redegewandte Leonard Bernstein ein Interview, das zwölf Stunden dauerte. Er war bereits über 70, konnte also Bilanz ziehen über sein Leben und Schaffen. Mit Phantasie und Witz spricht er über Musik, Politik, Psychologie, Pädagogik und vieles mehr. Die schillernd-facettenreiche Persönlichkeit des Musikers blüht noch einmal auf und ermöglicht einen tiefgründigen Einblick in seine Gedankenwelt. Das Buch trägt den Titel «Kein Tag ohne Musik».

Zu Weihnachten 1989, knapp ein Jahr vor seinem Tode, lud Justus Frantz ihn ein, im Rahmen der Feierlichkeiten zum Fall der Berliner Mauer Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie zu dirigieren. Bernstein ließ zu dem einmaligen Anlass Musiker aus Russland, Nordamerika und Frankreich kommen, um das Werk gemeinsam aufzuführen. Das Fernsehen übertrug das Konzert in über 20 Länder und die Deutsche Grammophon gab davon eine CD heraus. Schillers berühmten Vers «Freude, schöner Götterfunken» ließ Bernstein als «Freiheit, schöner Götterfunken» singen. Nach dem Grund gefragt, antwortete er, als sei es das das Selbstverständlichste von der Welt: «Ich bin sicher, Beethoven würde uns zustimmen».

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