Mensch, Mensch!

Buchtipp «Eine kurze Geschichte der Menschheit»

Homo sapiens
Der Homo sapiens verließ vor 70.000 Jahren seine Heimat in Afrika.
Menschheit - vom Homo sapiens bis zum Astronaut
Sein Weg hat ihn sogar schon bis auf den Mond geführt.

Wie konnte es nur dazu kommen, dass der Mensch die Welt eroberte? Der 40-jährige Geschichtsprofessor Yuval Noah Harari aus Israel zeichnet unterhaltsam und lehrreich den widersprüchlichen Weg von Homo sapiens nach – einem Wesen, das Schöpfer und Zerstörer zugleich sein kann.

 

Von Arne Dettmann

Vielleicht hat sich der eine oder andere Zoobesucher beim Anblick eines Schimpansen schon einmal unwillkürlich gefragt, weshalb eigentlich dieser sympathische Artgenosse des Menschen im Käfig sitzt und nicht umgekehrt. Und wie war es überhaupt möglich, ein so gefährliches Tier wie den Löwen einzusperren?
Der israelische Geschichtsprofessor Yuval Noah Harari von der Hebräischen Universität Jerusalem ist solchen simpel anmutenden Fragen nachgegangen und hat mit seinem Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit» eine leicht verständliche, aber tief schürfende Lektüre geschaffen. Das Werk behandelt keine chronologische Zusammenfassung vom Aufstieg und Fall bekannter Hochkulturen und reiht auch nicht die lange Abfolge historischer Ereignisse aneinander. Der Autor fragt vielmehr aus einer kosmischen Ufo-Perspektive heraus: Was ist denn da eigentlich passiert auf der Erde mit diesem Wesen Mensch?

Höhlenmalerei
Die «Cueva de las Manos» («Höhle der Hände») ist eine Höhle im Südwesten Argentiniens und wurde 1999 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Ein Großteil der Höhlenmalereien besteht aus Handnegativen, sie sind wahrscheinlich 9.000 Jahre alt. Was wollten die Maler damit ausdrücken? Vielleicht «Wir waren hier»?

Am Anfang jedenfalls nicht sehr viel. Vor wahrscheinlich 2,5 Millionen Jahren ließ eine Genmutation ein paar Menschenaffen sich nach und nach aufrichten und auf zwei Beinen fortbewegen. Homo erectus wanderte aus Afrika aus und besiedelte Asien und Europa. Doch das war erst einmal alles. Tausende und abertausende Jahre vergingen, die Menschenaffen jagten und sammelten Nahrung, vermehrten sich, wurden von Raubtieren – wie beispielsweise dem erwähnten Zoo-Löwen – gefressen und gaben im Naturbild alles andere als eine Aufsehen erregende Erscheinung ab.
Das änderte sich vor 70.000 Jahren, als sich eine neue Gattung aus der afrikanischen Savanne auf den Weg machte, die Erde zu erobern. Homo sapiens hinterließ bei seinem Vormarsch eine Spur der Verwüstung: In Amerika und Australien starb die Mehrheit der großen Säugetiere aus, und auch alle anderen näheren Verwandten wie Homo ergaster, Homo floresiensis, Homo denisova überlebten die neue Konkurrenz nicht. Der Homo sapiens also nicht nur als eine verheerende ökologische Sintflut, sondern gleichzeitig auch als massenfacher Kain-erschlug-Abel-Mörder?
Diese Vorgänge lassen auf den ersten Blick erstaunen, denn der Neandertaler war körperlich stärker und der Umwelt besser angepasst. Ja selbst sein Gehirnvolumen war größer. Homo sapiens hatte laut Noah Harari nur einen Vorteil: Er war in der Lage, abstrakt zu denken und sich eine fiktionale Gemeinschaft Gleichgesinnter vorzustellen, die dann gemeinsam zahlenmäßig weit den Affenhorden und Neandertalergruppen überlegen waren. Spätere Mythen, Kulturen, Religionen, Nationen, die Menschenrechte, Unternehmen, der Handel – alles beruhe auf der Fähigkeit Homo sapiens, sich Bündnisse vorzustellen und mit Leuten zu kooperieren, die wir gar nicht persönlich kennen. Über die Sprache wurden somit Warnungen und Informationen vermittelt. Erst viel später kam als Bindemittel komplexer Gesellschaften die Erfindung der Schrift hinzu.
Was war vor 70.000 Jahren passiert? Hatte der moderne Mensch vom biblischen Baum der Erkenntnis gegessen? Wir wissen es nicht, so der Autor. Zwar führt er die viel zitierte Theorie an, wonach das mit Feuer zubereitete Fleisch leichter verdaut und somit eine höhere Energieversorgung des Gehirns sichergestellt werden konnte. Eine weitere Annahme besagt, dass der Verzehr von Knochenmark der Beute den Evolutionssprung im Gehirn auslöste. Doch warum letztlich der Neandertaler vor 30.000 Jahren ausstarb und Homo sapiens der letzte Überlebende seiner Gattung darstellt, bleibt ungeklärt.
Die kognitive Revolution brachte jedenfalls die Geschichte erst zum Laufen, denn vorher war alles Handeln der Menschen rein aus der Biologie her begründet.
Vor 12.000 Jahren wurde der Mensch sesshaft und betrieb Landwirtschaft. Noah Harari nennt diesen Vorgang die zweite Revolution – und gleichzeitig den größten Selbstbetrug in der Geschichte. Nicht der Homo sapiens habe die Nutzpflanzen domestiziert, wie es so schön heißt, sondern umgekehrt: Der Anbau von Reis, Mais und Kartoffeln zwang den Menschen dazu, sprichwörtlich im Schweiße seines Angesichts den Acker zu bestellen, ihn zu bewässern, zu düngen und zu schützen. Fortan musste er sich um seine Zukunft Sorgen machen und planen.
Die Agrarwirtschaft war der Impulsgeber für ein stärkeres Bevölkerungswachstum, das wiederum größere Anbauflächen nötig machte – ein Teufelskreislauf, wie der Autor findet. Noah Harari kann diesem Nahrungsmodell nicht viel abgewinnen. Hier begann seiner Meinung nach die Selbstversklavung des Menschen, wobei er allerdings einräumt, dass die vorherige Epoche der Jäger und Sammler nicht als ein romantischer Naturzustand verklärt werden dürfte.
Den vorläufig letzten Qualitätssprung in der Menschheitsgeschichte verortet der Autor vor etwa 500 Jahren. Zu jener Zeit begnügte sich der Mensch in Europa nicht mehr mit dem Leben in den eigenen vier Wänden, sondern wollte neugierig über den Tellerrand hinaus schauen. Das Dreiergespann aus Imperialismus, Wissenschaft und Kapitalismus eroberte zunächst Kolonien und dehnte dann seinen Einfluss praktisch über den ganzen Erdball aus. Die spätere Industrialisierung beschleunigte diese Prozesse gewaltig.
Heute ist die Herrschaft der einstigen Kolonialherren vorbei, doch das Streben nach einem permanenten Wirtschaftswachstum durch immer neue wissenschaftliche Entdeckungen treibe nun die gesamte Menschheit an. Das aus einem kleinen Winkel in Afrika stammende Wesen Mensch hat aus ehemals isolierten Dörfern, Städten und Nationen eine einzige große Weltgemeinschaft geformt.

Atomtest
Das menschliche Zeitalter der Wissenschaft und Forschung: Beim Atombombentest «Romeo» am 27. März 1954 auf dem Bikini-Atoll wurde eine Sprengkraft von 11 Megatonnen TNT-Äquivalent freigesetzt.

Musste das zwangsläufig so kommen? Der Universalhistoriker lehnt die Vorstellung einer kausalen Ereigniskette ab. Homo sapiens habe an vielen Kreuzungen der Geschichte gestanden. Warum er diesen oder jenen Weg einschlug, bleibe im Dunkeln. Hätte es auch anders verlaufen können? Und ob. Geschichte steuere keinem Ziel entgegen und verfolge keinen Zweck, auch wenn uns vieles heute in der Retrospektive als logisch vorkommen mag. Die Vorrangstellung des Menschen auf der Erde sei daher keine instinktiv gesteuerte Erfolgsstory, wie manche Fortschrittsoptimisten gerne glauben machen möchten.
Insgesamt zeichnet Yuval Noah Harari ein sehr ambivalentes, bisweilen düsteres Bild vom Homo sapiens, so dass sich beim Lesen oftmals ein mulmiges Gefühl einstellt. Richtig sei zwar, dass die Menschheit insbesondere in den vergangenen Jahrhunderten eine unglaublich rasante Entwicklung durchlaufen hat, deren Ende nicht abzusehen ist. Atome wurden gespalten, der Mensch betrat den Mond und verlängerte sein eigenes Leben dank der Medizin. Vielleicht werden die Menschen irgendwann einmal sogar unsterblich sein.
Doch wozu wäre das gut, wenn die Bilanz auf der anderen Seite so fürchterlich ausfällt. Homo sapiens spielte im Ökosystem Erde einst eine genauso große Rolle wie Gorillas, Schimpansen oder Quallen. Heute hat er durch Waldrodung und Umweltverschmutzung den Planeten an den Rand eines Klimakollaps gebracht und läuft in Gefahr, seine eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Den Menschen als Krone der Schöpfung zu bezeichnen ist angesichts dieses Desasters mehr als fragwürdig.
Kriege, Kolonialismus und industrielle Revolution forderten Millionen Tote, von Armut und Unterdrückung ganz zu schweigen. Wenn es uns heute gut geht und wir glücklich sind, dann vergessen wir dabei, dass der Weg bis hierhin mit viel Leid und Entbehrung gepflastert war. Und wir sollten bedenken, dass andere Lebewesen leiden müssen, damit wir weiterhin unsere unstillbare Konsumlust fortsetzen können. Gemeint sind Massentierhaltung und Tierversuche.

Weltbevölkerung
Homo sapiens hat die Welt erobert: Derzeit leben mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde.

Überhaupt: Glück. Der Autor wirft die für einen Historiker unkonventionelle Frage auf, was eigentlich Glücklich sein ausmacht und zu welcher Epoche das für die Menschen zutraf. Die Antwort fällt zwar vage aus, kann aber auch beruhigend klingen. Glück ist demnach nicht so sehr von äußeren Faktoren wie Geld abhängig. Auch in turbulenten Zeiten mit wenig Wohlstand habe es wahrscheinlich glückliche Menschen gegeben. Ausschlaggebend seien dabei die eigene Erwartungshaltung und ob es dem Einzelnen gelingt, einen Sinn im Leben zu finden.
Durchaus also möglich, dass so mancher Höhlenbewohner vor 30.000 Jahren im Schoße seiner Familie und Gemeinschaft ein zufriedeneres Dasein führte als seine Nachfahren, die auf dem Feld schufteten oder den heutigen Artgenossen, denen zwar Fernsehen, Handys und Strandurlaube zur Auswahl stehen, die aber oftmals in unserer individualisierten Welt vereinsamen.
Am Ende des Buches versucht der Autor Zukunftsszenarien zu skizzieren, was ihm allerdings mehr schlecht als recht gelingt. Allzu willkürlich scheinen die Optionen, der Autor pendelt zwischen finsteren Utopien, die fröhlich daher erzählt Angst einflößen. So schlummern in Gentechnik und Informatik ungeahnte Potenziale, die eine neue Revolution in der Geschichte auslösen könnte. Vielleicht wird der Mensch in der Lage sein, ein noch intelligenteres Wesen zu erzeugen, ähnlich wie bei der Herstellung von Plastik, das es so in der Natur gar nicht gibt. Und was ist, wenn sich der Mensch womöglich eines Tages selbst abschafft?
Denkbar wäre auch die Erschließung völlig neuartiger Energiequellen und die Erfindung von Techniken, die wir uns derzeit kaum vorstellen vermögen. Sicher scheint für Yuval Noah Harari eines zu sein: Der Mensch in seinem Machbarkeitswahn schreitet unaufhaltsam voran, die Folgen seines Tuns sind ihm nur selten bewusst.

 

 

Info: Yuval Noah Harari: «Eine kurze Geschichte der Menschheit», Deutsche Verlagsanstalt, München 2013. 526 Seiten. Auf Spanisch ist das Buch unter dem Titel «De Animales a Dioses: Una Breve Historia De La Humanidad», Editorial Debate, erschienen und in Chile erhältlich.

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