Hunderte Kirchen verschwinden aus dem Stadtbild

Essay

 

Während in Europa die Moscheen wie Pilze aus dem Boden schießen – allein in Amsterdam existieren 20 –, werden Tausende christlicher Kirchen niedergerissen, durch «Umnutzung» zweckentfremdet, jahrhundertealte Bräuche abgeschafft und mit einem anderen Wertesystem die Gesellschaft unmerklich ausgehöhlt. Fazit: Europas christliches Erbe wird blasser und blasser, eine Identitätskrise ist die Folge.

Von dem Verlust, der beispielsweise der deutschen Kulturlandschaft durch das Kirchensterben droht, nimmt die Öffentlichkeit derweil kaum Kenntnis. Schwindende Zahlen von Gläubigen führen zur Finanzschwäche und schließlich zur Unrentabilität selbst historischer Dorfkirchen.

«Eine Kulturschicht droht wegzubrechen», warnte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Mit jeder Kirche fällt ein Stück Identität des Ortes, geht den Bewohnern Erinnerung verloren. Hier sind neben den wirtschaftlich kalkulierenden Landeskirchenämtern vor allem die Denkmalpfleger gefragt. Und da ist manchmal eine Umnutzung sinnvoller als das Schleifen. Die barocke Parochialkirche in Berlin, eines von zwei erhaltenen Gotteshäusern aus dieser Epoche, etwa wurde jahrelang als Möbellager genutzt, blieb aber wenigstens in ihrer Substanz erhalten.

Im Zeichen einer als Dialog propagierten Toleranz, einhergehend mit Orientierungslosigkeit, folgt die junge Generation oft, wie in Grimms Märchen, falschen Rattenfängern. Der Zustrom zum muslimisch radikalen Salafismus und anderen Götzenbildern belegt dies eindrücklich. Im übersteigerten Konsum, in der Überforderung schlummert der Sprengstoff einer verlorenen Generation, die nach neuen moralischen Wertmaßstäben sucht. Der Islam zum Beispiel bietet sich ihnen ebenso an wie rechtsradikale Gewaltverherrlichung eines falschen Nationalismus. Die Politik ist blind und schielt im Zweifel nach den Wählerstimmen aus dem Schmelztiegel der Migranten. Das Ganze ein Umbruch, wie es ihn in seiner Konsequenz seit der Völkerwanderung in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten nicht mehr gegeben hat.

  • Allein in Frankreich sollen 2.800 Kirchen dem Erdboden gleichgemacht werden und weichen kommerziellen Projekten wie Einkaufszentren und Parkplätzen.
  • In England sieht es nicht viel anders aus und selbst im erzkatholischen Dublin der Iren hat sich in einer ehemaligen Kirche eine Moschee etabliert.
  • In Belgien zeigt sich der Trend, das Christentum aus dem öffentlichen Leben zu entfernen, um der wachsenden muslimischen Bevölkerung entgegen zu kommen. Sechs belgische Senatoren wollen scharfe Kritik am Islam unter Strafe stellen. In der Provinz Wallonien wurden die wichtigsten christlichen Feiern durch säkulare Namen ersetzt, Ostern beispielsweise heißt demnach Frühlingsferien, Weihnachten Winterferien, nicht umbenannte islamische Feiertage sollen dem öffentlichen Schulkalender zugefügt werden.
  • In den Niederlanden werden jede Woche zwei christliche Kirchen geschlossen. Immerhin stehen von den 7.000 Kirchen des Landes 4.000 unter Denkmalschutz, was aber einer Umnutzung nicht im Weg steht. Zahlreiche Immobilienmakler haben sich auf Kirchen und Klöster spezialisiert. Das Schickeria-Architekturstudio Zecc befasst sich damit, Kirchen in Luxusresidenzen umzugestalten. In anderen Gotteshäusern werden Buchhandlungen, Restaurants, Turnhallen, Tanzplätze, Skateparks, Wohnungen und Moscheen angesiedelt, wie etwa die Moschee «Fitih Camii» in Amsterdam. Die Teilnahme an den holländischen Sonntagsgottesdiensten sank von  gut 90 Prozent im Jahr 1959 auf 10 Prozent im Jahr 2012. Der Religionsunterricht an den Grundschulen wurde aus «Sparzwängen» abgeschafft. Nach Angaben der Tageszeitung «Trouw» ist heute jeder sechste protestantische Pastor in den Niederlanden Atheist oder Agnostiker. «Die Kirche der Niederlande verdampft» war das Thema von Wissenschaftlern der deutschen Universität Erfurt. Fazit: Religiöse Weltbilder wurden gegen säkulare eingetauscht.

Auch in Deutschland bahnen sich für Hunderte von Gotteshäusern ähnliche Entwicklungen an. Nur ein Beispiel: In Meschede ist derzeit die St.-Christopheri-Kirche samt Glockenturm und Glocken für 180.000 Euro zu haben. Insgesamt erhielt die westfälische Landeskirche etwa 100 Genehmigungen für sogenannte Entwidmungen. Die Bielefelder Martini-Kirche ist bereits zum Restaurant «Glückundseligkeit» umgestaltet worden. Und immer ist die Finanzfrage das Argument: Der Unterhalt lohnt nicht mehr, heißt es landauf, landab.

Am stärksten vom Kirchensterben sind die Regionen Westfalen und Ruhrgebiet, in Mitleidenschaft gezogen, während in Süddeutschland mit seiner ausgeprägt religiösen Vergangenheit nur wenige Kirchen betroffen sind. Allein im Bistum Essen stehen 96 Kirchen auf dem Plan für Abrissbirne oder Umwidmung. Denn hatte das Bistum 1958 noch 1,5 Millionen Katholiken, so sind es heute nur noch knapp 900.000.

Der Zeitenwandel greift. Und er erfasst auch andere Einrichtungen, wie beispielsweise Klöster. Hier bietet sich die Umnutzung in Krankenhäuser, Altersheime und Tagungsstätten an.

Im Gegensatz dazu steht die Entwicklung des Islams. Immerhin 2.500 Moscheen schmücken bereits unsere Städte, und es kommen ständig neue Bauanträge dazu. Analog dazu geht der behördlich geleitete Umbau der Gesellschaft weiter. Viele Bürger sehen diese Entwicklung mit Furcht und sprechen von der Stärke des Islams. Doch sie vergessen dabei, dass diese vermeintliche Stärke auf dem Boden der eigenen Schwäche fußt.

 

Von Joachim Feyerabend  

Der Autor Joachim Feyerabend, Jahrgang 1940, ist Journalist, lebte 15 Jahre auf den Philippinen und wohnt heute in Hamburg. Er schrieb unter anderem für den «Spiegel», «Die Welt», die «Wirtschaftswoche» sowie das «Handelsblatt». Im Juni 2010 erschien sein Buch «Wenn es lebensgefährlich ist, Christ zu sein – Kampf der Religionen und Kulturen» im Olzog-Verlag.

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