«Heimat»: Deutsche Zeitgeschichte im Hunsrück von 1919 bis 2000

Film-Trilogie von Regisseur Edgar Reitz

Marita Breuer spielt Maria Wiegand vom jungen Mädchen bis zur 82-jährigen Greisin.
Marita Breuer spielt Maria Wiegand vom jungen Mädchen bis zur 82-jährigen Greisin.

 

Von Walter Krumbach

Die Chronik beginnt am 9. Mai 1919, einem Freitag, wie es der Titel über der ersten Szenenfolge kundtut. Paul Simon kehrt aus dem Weltkrieg heim. Sechs Tage war er aus Frankreich zu Fuß unterwegs, nachdem man ihn aus der Gefangenschaft entlassen hatte. Erfreut und neugierig betrachtet er die altbekannte Gegend, während er das Elternhaus aufsucht.

Als er Mathias, den Vater, in der Schmiede hämmern hört, geht er ihm entgegen und hilft ihm, das Rad eines Ochsenkarrens zu montieren, ohne dass dabei ein Wort gewechselt wird. Als sie mit der umständlichen Arbeit endlich fertig sind, legt Mathias eine Verschnaufpause ein, blickt seinen Sohn an und sagt: «Gott sei Dank». Katharina, die Mutter, hat den Vorgang beobachtet und stellt fest: «Der Paul ist wieder da». Man fällt sich nicht gegenseitig um den Hals, jeder geht unbeirrt seiner Tätigkeit nach.

Allerdings kontrastiert die Schweigsamkeit des ersten Kontaktes mit dem Heimkehrer mit der darauffolgenden Redseligkeit der restlichen Familienmitglieder. Der lungenkranke, etwas deppenhafte Eduard liest laut aus der Zeitung vor, ein Ehepaar aus der Nachbarschaft eilt herbei, um sich Paul aus der Nähe anzugucken und dabei zu erwähnen, dass ihr Sohn «in Russland geblieben ist», und die übrigen schwatzen munter drauflos, sodass Paul bald bestens über die Verhältnisse im Dorf informiert ist.

Pauls Rückkehr in die Heimat als Zugehörigkeitsbeweis des jungen Mannes zu seinem Fleckchen Erde und seiner Familie? Irrtum, er lebt sich nie wieder ein. Obwohl er Maria Wiegand heiratet und mit ihr zwei Kinder zeugt, packt ihn das Fernweh, und eines guten Tages geht er, wie er behauptet, «ein Bier trinken», und verschwindet spurlos für viele Jahre. Ende der Folge eins.

Die Ungewissheit seines Aufenthaltsorts, die quälende Einsamkeit der nun allein erziehenden Mutter Maria, macht den Haupthandlungsstrang des größten Teils der ersten Staffel aus.

Der Regisseur Alexander Kluge baute als gebürtiger Hunsrücker selbsterlebtes in die Handlung ein.
Der Regisseur Alexander Kluge baute als gebürtiger Hunsrücker selbsterlebtes in die Handlung ein.

Regisseur Edgar Reitz konzipierte diese Film-Trilogie fürs Kino. Aufgrund ihrer Länge – 31 abendfüllende Folgen – fand sie hauptsächlich im Fernsehen Verwendung. «Heimat» ist die Geschichte der Familie Simon aus dem erfundenen Dorf Schabbach im Hunsrück.

«Heimat I – eine deutsche Chronik» (1984) erzählt den Werdegang der Maria Simon geborene Wiegand, von ihrem 19. Lebensjahr bis zu ihrem Tod als 82jährige. «Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend» (1992) schildert das Schicksal Hermann Simons, Marias Sohn, von 1960, als er sein Musikstudium in München aufnimmt und wie er zehn Jahre später nach Schabbach zurückkehrt. «Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende» (2004) beginnt mit dem Fall der Berliner Mauer und endet mit der Neujahrsnacht der Jahrtausendwende. Die Handlung folgt weiterhin dem Schicksal Hermanns, seiner Frau und seiner Tochter Lulu.

Edgar Reitz (1932) ist selbst gebürtiger Hunsrücker. Seine Verbundenheit zur «Heimat»-Thematik drückt sich im Laufe des Geschehens wiederholt aus. So sind zum Beispiel im ersten Teil der Serie der Schmied Mathias Simon und der Uhrmacher Robert Kröber wichtige Figuren, die an Reitz‘ Großvater (Schmied) beziehungsweise Vater (Uhrmacher) angelehnt sind.   

Die Erzählung schildert den tagtäglichen Ablauf im Dorf, wobei der Genauigkeit der dargestellten Epoche große Wichtigkeit beigemessen wird. Das bezieht sich sowohl auf das politische Geschehen jener Zeit, als auch dem damaligen technischen Fortschritt. Als Paul etwa einen Radioempfänger bastelt, erfährt der Zuschauer eine Unmenge an Information über die Eigenart des damaligen Rundfunks.

Oder als Anfang der 1920er Jahre in Schabbach bei stürmischem Regenwetter ein Denkmal zu Ehren der Gefallenen des Ortes eingeweiht wird, hält ein angereister Beamter eine für die damalige Epoche typische Ansprache: «Sie wussten, wofür sie kämpften. Wir sollten kämpfen für Recht und Treue und Sittlichkeit im Namen unserer Gefallenen. Gerade wegen des Versailler Fastnachtsfriedens, der unser Volk so spekulativ zur Schau hält, wird Deutschland eines Tages den Genius aus seinem Blute erwecken, der uns aus diesem Kerker der Erniedrigung holen wird wie ein Heiland. Schon ahnen wir in der Ferne seine Lichtgestalt.»

Die akkurate Milieuschilderung verbindet Regisseur Edgar Reitz mit einer überaus gelungenen Typengestaltung. Die Figuren sind von einer verblüffenden Echtheit. Gleich in der ersten Folge versetzt Willi Burger als Mathias Simon mit seinen Schmiedekünsten in Erstaunen. Er geht mit Hammer und Amboss absolut professionell um. Marita Breuer erbringt als Maria Simon eine vortreffliche schauspielerische Leistung. Vom jungen Mädchen bis zur 82jährigen Greisin erfolgt ihr Reife- und Alterungsprozess, subtil, aber unausweichlich. Ähnliches geschieht mit Kurt Wagner als Glasisch Karl, einem hellen Kopf, der als unbekümmerter junger Mann in Erscheinung tritt und sich im Laufe der Jahre in eine menschliche Ruine verwandelt.

In der «zweiten Heimat» tritt der extravagante Schauspieler Alfred Edel in einer Nebenrolle auf. Edel verstand es wie keiner im deutschen Film zu extemporieren und mit einem unendlichen Reservoir an Einfällen gescheit daher zu quatschen. Es ist ein seltener Genuss, ihm zuzuhören. Leider eliminiert der Drehbuchautor seine Figur viel zu früh durch deren plötzlichen Tod.   

Reitz vermittelt bei der Personengestaltung Glaubwürdigkeit. Dazu bedient er sich wiederholt Laiendarsteller, die privat den Beruf der darzustellenden Person ausüben. Die Trauerfeiern – und es sind verschiedene davon in «Heimat» zu erleben, wo die Serie doch einen Zeitraum von 81 Jahren überbrückt – werden sehr eindrucksvoll von Pfarrern beider Konfessionen abgehalten.

Hermanns Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule München nimmt ihm – kein Zweifel – ein «richtiger» Musikdozent ab. Als Anton Simon stirbt, stellt sich eine sehr taktvolle Frau als Gisela Pick vor, um mit den Hinterbliebenen die Einzelheiten der Beerdigung zu besprechen. Im Nachspann stellt Frau Pick sich als Eigentümerin eines Bestattungsunternehmens heraus.

Auch Prominenz spielt mit: August Dahl, ein evangelischer Pfarrer, der in den 1980er Jahren durch seinen Einsatz gegen die Aufstellung von nordamerikanischen Atomraketen im Hunsrück einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte, spielt sich selbst. Ebenso der Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz Kurt Beck, der sich in der Eigenrolle sichtlich wohl fühlt.  

Die Bildgestaltung der «Heimat»-Serie ist ein Kapitel für sich. Die Hunsrück-Landschaften sind von beeindruckenden Schönheit und fabelhaft eingefangen (Kamera: Gernot Roll, Christian Reitz, Thomas Mauch). Reitz verwendet in der gesamten Trilogie den Sprung von farbig auf schwarzweiß und umgekehrt als Ausdrucksmittel. Nicht immer hat der Wechsel eine dramaturgische Logik, was beim Zuschauen eine gewisse Verwirrung verursacht.

2006 schnitt Edgar Reitz nicht verwendete Szenen der Trilogie zusammen, wodurch ein weiterer abendfüllender Film entstand: «Heimat-Fragmente – Die Frauen». Inhalt ist das Schicksal der weiblichen Figuren der drei Staffeln, die Hermanns Tochter Lulu ablaufen lässt und kommentiert. Damit nicht genug, drehte Reitz 2013 «Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht», ein 230-Minuten-Film, der vorerst die Serie abschließt. Zeit der Handlung ist 1842-1845, Hauptthema die damalige Auswanderungswelle, die auch die Einwohner im Hunsrück erfasst, von denen einige sich nach Brasilien aufmachen.        

«Heimat» hat nicht nur im deutschsprachigen Raum viele Bewunderer. Einer von ihnen war der große nordamerikanische Filmregisseur Stanley Kubrick («2001: Odyssee im Weltraum», «Barry Lyndon»). Kubrick hielt Reitz‘ Serie für einen seiner Lieblingsfilme.

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