Grenzgänger im Angesicht des Todes

Wo sind dem Menschen Grenzen gesetzt? Und ist der Tod wirklich sinnlos? – Der Cóndor sprach mit dem deutsch-chilenischen Philosophen Cristóbal Holzapfel über sein jüngstes Buch «De cara al límite» (Verlag: Metales Pesados).

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Cóndor: Herr Holzapfel, in Ihrem Buch geht es um Grenzen verschiedener Art, innerhalb derer wir Menschen leben uns zurecht finden müssen.

Cristóbal Holzapfel: Ja, der Mensch wird in diesem Buch als Grenzbewohner verstanden, also jemand, der an einer Grenze wohnt und damit vor der Möglichkeit steht, diesseits zu bleiben oder die Grenze zu überschreiten. Solche Fälle versuche ich zu analysieren, zum Beispiel im geschichtlichen Kontext wie bei der französischen Revolution oder auch in der Literatur.

Die allererste Möglichkeit der Grenze ist die «Begrenzung», die wir als Menschen mit der Gesamtheit des Seienden im Universum teilen. Aber innerhalb solcher Begrenzung empfinden wir plötzlich ein «Gefühl des Grenzhaften» und eben dieses Gefühl veranlasst uns zum Überschreiten der Grenze. Somit entstehen neue Möglichkeiten des Menschen angesichts der Grenze:

Zunächst die «Entgrenzung», danach die «Erweiterung der Grenze», die «Absetzung» und die «Umgrenzung» (translimitación), wenn ein neues Paradigma im Leben eines Einzelnen oder der Gemeinschaft, der wir angehören, entsteht.

Doch selbst bei einer Umgrenzung, zum Beispiel aufgrund einer Revolution, taucht die Begrenzung wieder auf und bestimmt alles von Neuem, nämlich in einer neuen Ordnung. Im äußersten Fall der Umgrenzung kann aber auch ein neues Gefühl entstehen, diesmal das «Gefühl des Unendlichen». Was danach folgt ist ein «Sprung in die Unbegrenztheit», der besonders in der Mystik, in der Kunst und der Metaphysik vollzogen wird.

 

Geben Sie uns bitte ein Beispiel.

Ich will im Folgenden ein Beispiel der «Entgrenzung» anführen. Gemeint ist damit, dass die Grenze sich verwischt und wir sie überschreiten, dann aber wieder zurückkommen.

Jetzt das Beispiel: Stefan Zweig beschreibt in seiner Novelle «Brennendes Geheimnis» einen jungen Adligen, der sich im Urlaub langweilt und in eine etwas angejahrte, aber noch attraktive Frau verliebt. Über deren zwölfjährigen Sohn Edgar versucht der Baron an sie heranzukommen. Der Junge versteht nichts von der Liebschaft, die sich dort anbahnt, er fühlt sich ausgeschlossen und ausgenutzt, er reagiert mit Wut, es kommt zur handgreiflichen Auseinandersetzung. Am Ende versöhnt er sich mit der Mutter, beide teilen nun ein Geheimnis, der pubertierende Junge ist gereift. Er hat eine Grenze überschritten.

 

Mit einer Grenzüberschreitung eröffnen sich also neue Horizonte.

Zunächst einmal ja. Sitten, familiäre und politische Verhältnisse sowie kulturelle Rahmen, die Ökonomie – alles begrenzt uns. Erweitern oder überschreiten wir solche Grenzen, dann tun sich neue Koordinaten auf. Zum Beispiel, wenn sich jemand verliebt oder einen neuen Beruf ausübt. Allerdings ergeben sich dann eine neue Ordnung und damit neue Grenzen, an die wir stoßen.

 

Sie schreiben, der eigene Tod bildet die absolute Grenze.

Angesichts des Todes als etwas so Gewaltsames, Endgültiges fragen wir uns nach dem existenziellen Sinn: Was machen wir hier eigentlich? Wozu das Ganze? Weil alles vergänglich ist, sogar unsere Sonne, die Milchstraße, das Universum, wird innerhalb der Philosophie beim Thema Tod auch immer die Frage nach dem Sinn aufgeworfen.

Verständlicherweise suchen viele Menschen auf diese schwierigen Fragen Antworten bei den Religionen zu finden, sei es nun im Christentum oder bei orientalischen Weltanschauungen, wo es dann je nach Ausrichtung um ewiges Leben und Wiedergeburt geht.

 

Der verstorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki glaubte nicht an religiöse Heilsversprechen. Er hat einmal gesagt, sich mit dem Tod auszusöhnen sei unmöglich. Der Tod sei vielmehr sinnlos und vernichtend.

Die Philosophie muss die Frage stellen können, ob es auch andere Möglichkeiten gibt, anstatt das Sinnlose immer mit Traurigkeit und Unterdrückung zu verbinden. Und ich denke, so etwas gibt es. Humor zum Beispiel, das Spiel oder die Kunst nehmen das Sinnlose auf. Hier kann das vermeintlich Sinnlose für eine Person sogar zum Heil werden.

Sinn und Sinnloses sind übrigens zwei Seiten einer Medaille. Wenn wir Geburtstag feiern und die Kerzen auf der Torte auspusten: Hat das wirklich einen Sinn? Oder wenn sich zwei liebende Menschen küssen: Denken die wirklich jedes Mal nach, kurz bevor sich die Lippen berühren, ob das einen Sinn hat? Das Sinnhafte und das Sinnlose sind in einem Paradox gefangen. Etwas, selbst wenn es scheinbar wichtig oder entscheidend ist, hat einen Sinn und zugleich nicht. Das nenne ich den «Hintergrund des Sinnes».

 

Herr Holzapfel, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Arne Dettmann.

 

 

Cristóbal Holzapfel stammt gebürtig aus Valdivia, wo er die Deutsche Schule Carlos Anwandter besuchte und an der Universidad Austral de Chile Philosophie studierte. Weitere Stationen waren die Universidad de Chile in Santiago sowie die Universität Freiburg im Breisgau, an der Holzapfel mit einer Arbeit über Martin Heidegger promovierte. Der 60-Jährige ist seit 1981 Dozent an der Universidad de Chile sowie an der Universidad Andrés Bello. Forschungsaufenthalte führten den Deutsch-Chilenen zudem zu Universitäten in Mainz, Berlin und Oldenburg. Seine bisher veröffentlichten Bücher beschäftigen sich mit Fragen der Ethik und der philosophischen Anthropologie. Weitere Informationen: www.cristobalholzapfel.cl

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