Alles Glück liegt auf dem Land

Wie führt man ein glückliches Leben? Leo Tolstoi gibt in seinem Buch «Anna Karenina», geschrieben in den Jahren 1873 bis 1878, Antworten auf diese Frage, die so alt und doch immer wieder aktuell ist.

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Kann man eigentlich überhaupt noch etwas zu einem Klassiker der Weltliteratur wie «Anna Karenina» sagen? Ist nicht schon alles analysiert, alles debattiert worden?

Doch, man kann.

Denn «klassisch» bedeutet, dass etwas zeitlos und unabhängig von modischen Schwankungen besteht. Und ein solcher Stoff reizt immer wieder aufs Neue, ihn zu begutachten und aus der jeweils aktuellen Perspektive zu betrachten.

Seit 1914 wurde das achtteilige Romanepos um das Schicksal von Anna Karenina 13-mal verfilmt, zuletzt mit Keira Knightly und Jude Law in den Hauptrollen. Und auch eine italienisch-deutsche Koproduktion wagte sich erneut an eine Verfilmung in Form einer Mini-Serie, die nach der Premiere in Italien nun auch am 4. Januar im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird. In der Rolle von Anna Kareninas Liebhaber, dem Offizier Wronski, ist übrigens der chilenische Schauspieler Santiago Cabrera zu sehen.

Natürlich hat der Roman alle Zutaten, mit dem die ganz großen Geschichten immer und immer wieder erzählt werden können. Die Tragik einer wagemutigen Frau, die entgegen allen Konventionen sich für die Liebe opfert und daran schließlich zerbricht, ist allemal eine Inszenierung fürs Kino und Fernsehen wert. Zudem gibt das gesellschaftliche Leben der russischen Adelskreise im 19. Jahrhundert auf Bällen, Opernlogen und Salons eine vorzügliche Grundlage für spektakuläre Kostüme und üppige Szenenbilder ab.

Doch ist das, was Thomas Mann 1939 in einem Essay als den «größten Gesellschaftsroman der Weltliteratur» bezeichnete, mehr als die Thematisierung von Verantwortung und Haltlosigkeit, von Pflicht und Leidenschaften. Tolstois Kritik an den damaligen Vorstellungen von Ehre und Moral – der Roman fällt in die Epoche des russischen Realismus – und die Frage der Ehescheidung lesen sich aus heutiger Sicht zwar interessant, würden aber wohl kaum noch Aufsehen erregen.

Der eigentliche Held des Romans heißt denn auch nicht Anna Karenina, sondern Lewin, der Gutsbesitzer, auf den Tolstoi viele Fakten seines eigenen Lebens und seiner Weltanschauung übertrug: seine Erfahrungen als Landwirt, das schrecklich-schöne Ereignis der Geburt seines ersten Kindes, die Konfrontation mit dem Tod, vor allem aber sein Grübeln über den Sinn des Lebens und die Aufgabe des Menschen. Lewin ist der ewige kritische Räsoneur, der ständig an sich und seiner Umgebung zweifelt, bisweilen verzweifelt, dass er sich sogar das Leben nehmen will.

Der Autor kontrastiert das städtische Leben, das Lewin so entfremdet erscheint, mit den Tätigkeiten auf dem Landsitz. Die Moderne, das sind Anna Karenina und Wronski, denen nur noch Ästhetik und Äußerlichkeiten gelten und die alte Werte sowie Religion als überholt verachten. Diese Oberflächlichkeit und Koketterie sind verführerisch, auch Lewin und seine spätere Frau Kitty verfallen fast dieser Versuchung.

4070_p12bDoch Tolstoi verhängt schließlich das Urteil über seine Figuren. Während Anna Karenina, die der Autor bis zuletzt anmutig, klug und herzlich und damit sympathisch zeichnet, schließlich unter einem Eisenbahnzug Selbstmord begeht, zieht Wronski völlig desillusioniert in den serbisch-türkischen Krieg, um dort ebenfalls den Tod zu suchen. Das Fazit: Die rücksichtlose Gesellschaft bestraft jeden, der das verlogene Spiel nicht mitmachen will. Wer seinem Begehren nachgibt und dem Herz folgt, ist verdammt.

Konstantin Lewin dagegen findet sein Glück in der liebevollen Hinwendung zu seiner Frau, Kindern und der Natur. Das asketische und vernunftfeindliche Leben auf dem Land, wo Anständigkeit, Aufrichtigkeit und Ernst dem Menschen in der Einsamkeit gegeben sind, steht als Gegenpol zur städtischen Zivilisation, in der er sich mit Schwätzern, Lügner und Narren konfrontiert sieht.

Es ist ironischerweise am Ende des Romans ein einfacher Bauer, der Lewin aus seiner Trübsal und seinem zerrütteten Verhältnis zum Universum befreit. Wir leben nicht für unser leibliches Wohl, sondern auch immer in der Hingabe zum Guten, einem göttlichen Willen entsprechend, so lautet die Erkenntnis.

Lewin findet damit eine Antwort, die er vergeblich in der Lektüre vieler philosophischen Schriften gesucht hatte. Und diese eine Antwort ruht letztendlich in ihm wie in jedem Menschen als eine ureigene Eingebung, die rein gar nichts mit Vernunft zu tun hat. Für das Wohl des Nächsten zu sorgen und sich nicht nur den eigenen Wanst zu füllen, steht außerhalb jeder wissenschaftlichen Verkettung von Ursache und Wirkung.

Liegt das Glück also auf dem Land, wie uns Tolstoi weißmachen will? Es gibt eine sehr schöne und mitreißende Szene, in der Lewin sich entschließt, mit den Bauern zur Sense zu greifen und die Felder zu mähen. Die schwere Arbeit gemeinsam mit diesen einfachen Menschen bereitet ihm einen außerordentlichen Genuss, eine Genugtuung für Körper und Geist.

Ein «prachtvolles, echt tolstoisches Kapitel», erklärte Thomas Mann dazu, widersprach aber gleichzeitig Tolstois Verdammung alles Geistlichen. Der kunstfeindliche Lewin liege falsch, wenn er das artistische Schaffen als überflüssigen Luxus verurteilt. Anders als seine Romanfigur habe Tolstoi die Kunst gekannt, habe um sie gelitten, in ihr Gewaltiges geleistet und vielleicht angesichts ihrer Übergewalt nicht erkannt, dass sie «das schönste, strengste, heiterste und frömmste Symbol alles übervernünftig menschlichen Strebens nach dem Guten, nach Wahrheit und nach Vollendung» ist.

Tatsächlich beeindrucken zwar Tolstois detailreiche Beschreibungen menschlicher Empfindungen in seinem Roman, doch die moralische Polarisierung zwischen städtischem Tumult und dem «ungeistigen» Landleben überzeugt weniger. Zu sehr idealisiert der Autor Lewin als fortschrittlichen Gutsbesitzer und dessen Frau als vorbildliche Mutter. Die Idylle ist zu perfekt. Zudem entsteht der Eindruck, dass Naturverbundenheit samt harter körperlicher Arbeit den Weg zur Menschwerdung ebnen. Diesem Irrtum unterliegen auch heute Extremsportler und Mount-Everest-Besteiger, die die Ausschüttung von Glückshormonen mit religiöser Offenbarung verwechseln.

Die Frage nach dem Glück hatte Tolstoi gleich am Anfang im ersten Satz seines Romans aufgegriffen. «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.» Laut dem sogenannten Anna-Karenina-Prinzip müssen bei einer glücklichen Familie alle Faktoren wie zum Beispiel Religion, Beruf, Partnerschaft und Kindererziehung stimmen, während bei einer unglücklichen Familie nur ein Faktor fehlt oder nicht stimmt, was dann den Misserfolg verursacht.

Welche Faktoren das genau sind, das bleibt die alte und immer wieder neue Frage für jeden Einzelnen.

 

Von Arne Dettmann

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