Frutillarer Musikwochen 2017: Weltpremieren und Unerhörtes

Musik-Highlight in Südchile

Musikwochen Frutillar
Tobias Feldmann und Muriel Razavi: fein aufeinander abgestimmt. Foto: Walter Krumbach

Der 1. Februar ist ein windiger, aber sonniger Vormittag in Frutillar. Einige Sommerfrischler haben bereits ihre Badekleidung angelegt und strecken ihr Handtuch auf dem Strand aus. Von den furchtbaren Waldbränden, die nordwärts im Land wüten, verspürt man hier nichts, außer den alarmierenden Meldungen, die ständig über das  Fernsehen kommen. Frutillar ist ein Friedenshort, in dem die Musik nach wie vor den Ton angibt.

Von Walter Krumbach

Im Amphitheater treten zwei junge Künstler auf, die Bratscherin Muriel Razavi und der Geiger Tobias Feldmann. Beide Instrumente harmonieren ungewohnt, ist doch diese Kombination für den Konzertliebhaber nicht alltäglich. Johann Sebastian Bachs Inventionen BWV 772-786 spielen Feldmann und Razavi fein aufeinander abgestimmt und innig empfunden. Etwas mehr Risikofreude wäre sicher dankbar entgegengenommen worden. Wolfgang Amadeus Mozarts Duo Nr. 2 in B-Dur KV 424 glückt ihnen ausdrucksvoll und gut geerdet. Henri Vieuxtemps Caprice für Bratsche solo op. 9 «Hommage à Paganini» trägt Razavi con sentimento und Geschmack vor. Nach der Pause nimmt sie sich Paul Hindemiths Sonate für Viola solo vor. Hindemith war selbst Bratscher. Sein herbes Werk verlangt vom Interpreten ein Vielfaches an Ausdrucksfähigkeit. Die junge Musikerin kann dem gerecht werden, indem sie sich kraftvoll und furchtlos ins Zeug legt. Während der langen pizzicato-Passage hätte man im Theater eine Stecknadel fallen hören können. Auch Tobias Feldmann bestreitet ein Stück allein: Die «Erinnerungen an die Alhambra» von Francisco Tárrega konzipiert er als delikates Kleinod, durchaus treffend.

Am Abend desselben Tages trat das Orquesta Sinfónica Nacional de Chile zum ersten Mal auf. Das Andante für Streicher von Alfonso Leng ließ gleich zu Beginn aufhorchen. Dirigent Helmuth Reichel artikulierte präzise, steigerte sich vehement, erzeugte Klänge von erhabener Schönheit und ließ diminuendi von magischer Wirkung entstehen. Der Schlussakkord war betörend – ein Höhepunkt des Festivals.

Das Quartett Prometeo: Texttreue als oberstes Gebot

Kann man aus einem Dauerbrenner, den jeder Konzertbesucher zu pfeifen imstande ist, etwas Neues herausholen? Man kann. Die Polowetzer Tänze aus «Fürst Igor» von Alexander Borodin (Orchesterfassung), vier überaus farbenreiche Stücke, uferten dieses Mal nicht aus, von einigen Attacken auf das Trommelfell der Zuhörer vielleicht einmal abgesehen. Das Orchester stellte eine opulente Strahlkraft zur Schau, Reichel hatte mit seinen Musikern die innerliche Dramatik des Stücks trefflich herausgearbeitet.

Bei Pjotr Tschaikowskys 5. Sinfonie in e-Moll op. 64 wurde der junge Dirigent zum Energiebündel schlechthin. Seine Ausbrüche waren mitreißend. Der große Russe erklang einmal nicht kitschig verklärt, wie man ihn so oft serviert bekommt, sondern ungeahnt direkt, auf das Wesentliche konzentriert. Die zahlreichen präzise ausgefeilten Feinheiten waren zudem kein Hindernis, den großen Bogen der Sinfonie glaubhaft zu spannen, was bei diesem Werk von grundlegender Wichtigkeit ist. Helmuth Reichel ist eine Offenbarung. Seine Zusammenarbeit mit diesem Orchester ist ein wahrer Glücksfall. Das Sinfónica Nacional de Chile hat schon mit so manchem Dirigenten Duelle ausgefochten, die zumeist zum Nachteil beider Parteien – und natürlich des Publikums – ausfielen. Hier war exakt das Gegenteil der Fall.      

Der junge Pianist Leonardo Hilsdorf aus Brasilien siegte vergangenes Jahr im Wettbewerb José Jacinto Cuevas in Mexiko. In Frutillar begann er seinen Vortrag mit den Variationen op. 21 von Johannes Brahms. Das Stück nahm gefühlvoll, aber ausgeglichen Gestalt an. Sergei Rachmaninov fordert in seiner zweiten Sonate Extremes (wie so oft): Von perlenden Läufen bis zu gigantischen Ausbrüchen. Hilsdorf stellte sich mutig der Herausforderung und bestand sie untadelig. Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 26 op. 81a, «Les Adieux» gelang ihm stilsicher, technisch unanfechtbar, die zahlreichen Hürden überzeugend erklimmend und ohne dabei den Blick aufs Ganze zu verlieren.  

Das zweite Konzert des Sinfónica Nacional de Chile brachte Walzer, Polkas, Märsche und eine Ouvertüre von Johann Strauss Vater und Sohn, sowie Ungarische Tänze von Johannes Brahms. Alles altbeliebte Stücke, die unter der geschmeidigen Hand Helmuth Reichels zupackend straff erklangen. Sein glutvolles Musizieren riss den Saal förmlich mit. Das Publikum war fasziniert. Die präzise Zeichengebung, von der Körpersprache vorbildlich unterstützt, erzeugten eine Klangwelt, deren Spektrum von betörender Zartheit, über nobler Eleganz bis zu gesund-extrovertierten fortissimi reichte. Es sprühten die Funken, es krachte und splitterte.

Johannes Brahms’ Ungarische Tänze Nr. 5 und 6, zwei volkstümliche aber anspruchsvolle Werke, gingen ohne eine Spur von Gefühlsduselei über die Bühne. Das bestens aufgelegte Orchester und Reichels stilistisches Gespür ließen den Abend zum Ereignis werden. 

Helmuth Reichel: Den Namen sollte man sich merken

Vor zwei Jahren gründeten vier junge Musiker während eines Lehrgangs in Detmold das Quartett Prometeo. Inzwischen haben sie auf verschiedenen Bühnen Deutschlands Erfahrung gesammelt. In Frutillar leiteten sie ihr Konzert mit Wolfgang Amadeus Mozarts Quartett in g-Moll KV 478 ein. Ihre Gestaltung war gekonnt, gut fokussiert, das Wesentliche freisetzend. Sie gewährten sich keine Freiheit, was beim Mozartspiel durchaus als Tugend zu werten ist. Es folgte eine Weltpremiere. «Calbuco» von Carlotta Rabea Joachim (1995) beschreibt den Ausbruch des gleichnamigen südchilenischen Vulkans vor zwei Jahren. Die urplötzliche Explosion stellt die Komponistin mit einem Knall dar, dem eine chaotische Sequenz folgt. Die Interpreten legten eine eloquente Sprache an den Tag. Ratlosigkeit, Bestürzung und Betroffenheit konnten sie beeindruckend ausdrücken. Johannes Brahms’ Quartett Nr. 2 in A-Dur op. 26 wurde zum Höhepunkt des Abends. Schon die vom Pianisten berückend schön gespielte Einleitung des Kopfsatzes signalisierte etwas Außergewöhnliches. Dieses Thema variiert Brahms und lässt es wiederholt in seiner Urgestalt erscheinen. Das Quartett hatte die Fähigkeit, das Motiv zu Herzen gehend darzubieten. Dabei war ihnen Texttreue oberstes Gebot, ohne jemals pedantisch zu scheinen. Es ist den Prometeo-Jüngern zu wünschen, dass sie weiter heranreifen und große Erfolge haben. Die Prognose dazu ist sehr gut.  

Das Abschlusskonzert übernahmen traditionsgemäß das Orquesta Sinfónica Nacional de Chile und der von Juan Pablo Villarroel einstudierte Coro Sinfónico der Universidad de Chile. Auf dem Programm stand Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 9 in d-Moll, op. 125, die «Chorale». Gleich beim Paukenschlag, zu Beginn des ersten Satzes, flogen die Fetzen. Helmuth Reichel waltete resolut und kraftstrotzend. Scharf schneidende Streicher, schwelgende Bläser und ungestüme Pauken riefen einen stürmischen, pulsierenden Schauplatz ins Leben. Was der Dirigent im ersten Satz suggerierte, bestätigte er im zweiten. Bei einem ungewohnt schnellen Tempo – besonders in den Bläser-Passagen – liefen die wundervollen Melodien Gefahr, dahingehudelt zu werden. Einen balsamischen Kontrast dazu bot das Adagio molto e cantabile, innig und empfindsam vorgetragen. Dem folgte, den letzten Satz einleitend, ein fortissimo-Ausbruch gewaltigen Ausmaßes. Wie überzeugend hörte sich danach der Satz des Basssolisten an: «O Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen!» Das herrliche crescendo des Freudenmotivs ertönte fast überirdisch, der Chor meisterte die zahlreichen Klippen des Notentextes gekonnt. Der Freudefunken, den Beethoven mit diesem Jahrhundertwerk zündete, flammte ohne Zweifel auf, allerdings hatte man als Teilnehmer dieses denkwürdigen Abends eher den Eindruck, der Bonner Meister hätte eine Ode an die Kraft vertont. Ein besonderes Lob gebührt in diesem Kontext dem Kesselpauker Gerardo Salazar, der mit seinen unzähligen fordernden Einsätzen ein Marathonläufer-Durchhaltevermögen unter Beweis stellte. Man kann heftig darüber diskutieren, ob diese Deutung des ruhelosen Helmuth Reichel zutreffend ist. Mit Sicherheit darf man aber feststellen: So hat man Beethovens Neunte hier noch nicht gehört.
 

Frutillar: Musikalische Höhepunkte der vergangenen Jahre

Von Walter Krumbach

2018 begehen die Frutillarer Musikwochen ihr 50. Jubiläum. Vom anfänglichen Laienchorsingen entwickelte sich das sommerliche Treffen in ein international anerkanntes Festival, zu dem Künstler aus allen Erdteilen anreisen. Der Cóndor hat seit 2001 regelmäßig in seiner ersten Märzausgabe über das Festival berichtet. Es folgen Auszüge unserer Kritiken, in denen wir auf die Höhepunkte verschiedener Festivals hinweisen.

 

2001 – Exquisite Madrigale

Der italienische Chordirigent Marco Dusi lebt seit den 1950-er Jahren in Chile. Bezeichnend für seine Konzerte waren höchste Qualität im Ausdruck, Stilsicherheit und Geschmack.

Am 27. Januar, dem 100. Todestag von Giuseppe Verdi, trat der A-capella-Chor Jubilate aus Valparaíso unter der Leitung von Marco Dusi in der Katholischen Kirche auf. Mit sauberer Intonation sang der homogene Klangkörper Renaissance-Werke von zum Teil höchstem Schwierigkeitsgrad. Claudio Monteverdis «Sfogava con le stelle» und «A un giro sol de bell‘ occhi lucenti» bewältigte Dusi trotz der häufigen plötzlichen Rhythmen- beziehungsweise Tonartenwechsel ohne sichtbare Anstrengung.

 

2002 – Ratzeburger Domorganist gibt drei denkwürdige Konzerte

Geistliche Musik wurde geschaffen, um einer höheren Sache zu dienen, heißt es. So versteht es Neithard Bethke, dessen solide Technik darauf hinzielt, die religiösen Inhalte der Werke an den Tag zu fördern und erst an zweiter Stelle virtuos aufzutrumpfen.      

Neithard Bethke, Organist, Cembalist, Komponist und Feuerwehrmann, stellt sich insgesamt drei Male dem Frutillarer Publikum. Das zweite Konzert gibt er an der Orgel der Evangelischen Kirche. Drei altbekannte Bachchoräle spielt Bethke nachdenklich-erhebend – Bach pur, wie man ihn sich wünscht. Guilmant und Mendelssohn scheint Bethke als einen Beitrag zum Lobe Gottes zu empfinden. Er nähert sich beiden Autoren als Diener des Herrn, ohne mit der eigenen Kunst glänzen zu wollen. Als Zugabe schenkt er seinen dankbaren Hörern Jeremiah Clarkes Trumpet Tune, ein kurzer, festlich glitzender Ohrwurm. Dem Charakter des Werks entsprechend erlaubt sich der Organist, das Instrument einmal königlich auftrumpfen zu lassen.  

 

2003 – Blasorchester ungewohnt gut – Emsländer wie aus einem Guss

Einen unerwarteten musikalischen Höhepunkt bescherte der neue Leiter des FACh-Blasorchesters, Luis Lobos, den Musikwochen. Unter seinem Dirigat war der Klangkörper wie verändert. Militärkapellen haben normalerweise mit sinfonischen Werken harte Nüsse zu knacken. Nicht so hier, wo das gesamte Programm fabelhaft vorgetragen wurde.

Das 50-Mann-Blasorchester der Luftwaffe unter Luis Lobos überraschte durch ein erstaunlich hohes Klangniveau. Das gemischte Programm reichte von Klassik und Marschmusik, bis zu Count Basie, Ray Conniff und Vangelis. Lobos nutzte mit sparsamer, unspektakulärer und präziser Zeichengebung jede Partiturnuance aus.

Das Emsland-Ensemble, geleitet von Olaf Niessing, konzertierte zum zweiten Mal in Frutillar. Das Quintett in c-Moll, op. 54 von Robert Kahn, ein Werk mit zahlreichen Tücken und Hürden, für die ausgefallene Besetzung Klavier, Klarinette, Horn, Geige und Cello geschrieben, konzertierten die Deutschen souverän, der Zusammenklang war wie aus einem Guss. Sie erweckten den Eindruck, sich sorgfältigst vorbereitet zu haben. Auf der Bühne forderten sie sich das Maxuimum ab. Eine Meisterklasse.

 

2004 – Tief bewegender Vortrag

Die Sopranistin Patricia Cifuentes stand vor 13 Jahren am Beginn ihrer Laufbahn. In der Zwischenzeit hat sie eine erfolgreiche internationale Karriere aufbauen können.

Patricia Cifuentes, Siegerin im letzten Luis-Sigall-Wettbewerb, begann ihr  Konzert mit Richard-Strauss-Liedern. Trotz des unsentimentalen Vortrags wirkte das Ergebnis tief bewegend. Cifuentes überraschte ferner mit ihrer vis comica, der sie als Norina in Donizettis «Don Pasquale» und Adele in Straussens «Fledermaus» freien Lauf ließ. In Svetlana Kotova hatte sie eine kongeniale, einfühlsame Klavierbegleiterin. Dem jubelnden Publikum schenkte sie als Zugabe Schuberts «Ave Maria». Jeder kennt dieses Lied, selten hört man es jedoch mit den zarten, rührenden piani ausgestattet, die Patricia Cifuentes singen kann.

 

2005 – Weltklassepianist beeindruckt mit Brahms und Beethoven

Schon als Student hörte er auf den Spitznamen «Dr. Beethoven»: Seine Ansätze waren ungewohnt, apart aber echt, immer im Dienste des Autors. Dazu greift Michael Korstick mit einer phänomenalen Technik in die Tasten. Bei ihm stimmt einfach alles. Korstick – der absolute Höhepunkt in 50 Jahren Musikwochen Frutillar?  

Michael Korstick: Absoluter Höhepunkt der vergangenen 50 Jahre?

In diesem Jahr weihte der deutsche Pianist Michael Korstick den neuen, von ihm in Hamburg ausgesuchten Steinway-Flügel mit zwei Konzerten ein. Seinen Solo-Abend begann er mit Beethovens Waldstein-Sonate. Das Eingangs-Allegro-con-brio startete er mit unerwarteter Schnelligkeit, die er den ganzen Satz über hielt. Als er im Schluss-Allegro moderato das Hauptthema anschlug, kam die edle Tongebung des Instruments gänzlich zur Geltung, womit er Augenblicke von berückender Schönheit entstehen ließ. Es war eine beethoventreue Deutung, obwohl man den Eindruck hatte, die Waldstein-Sonate zum ersten Mal zu hören. In seinem zweiten Konzert spielte Michael Korstick Brahms‘ zweites Klavierkonzert. Gleich nach dem Hornsolo, das das Werk eröffnet, sagte er mit seinem energischen Anschlag einen bewegten Abend an. Der Dirigent David del Pino teilte dieses Konzept. Beide Künstler hielten einen ständigen Blickkontakt und führten einen eloquenten Dialog. Nach der langen Einleitung des Andante nahm Korstick seine Arbeit mit zartem Melos auf, wovon der große Spannungsbogen des Werkes übrigens keinen Schaden nahm. Diesen steigerte er vielmehr bis zum ergreifenden Höhepunkt im Schlusssatz. Ein Solist ersten Ranges trat, im Zenit seiner Leistungsfähigkeit, zusammen mit einem bestens disponierten Orchester auf.    

 

2006 – Präzision und Souveränität

Da kommt ein schlaksiger Teenager auf die Bühne, setzt sich an den Flügel und legt los, als sei er bereits 30 Jahre im Geschäft. Nach dieser Leistung vor 11 Jahren versprach man sich viel von ihm – er hat es gehalten: Heute ist Gustavo Miranda ein international gefragter Solist.

Gustavo Miranda: Pianist mit Zukunft

Gustavo Miranda, der 14-jährige Sieger im letzten Claudio-Arrau-Wettbewerb, legte eine für sein Alter außerordentlich reife Deutung der Haydn-Sonate in Es-Dur, Hob. 52, an den Tag. Dieser Pianist verfügt über eine gut entwickelte Technik, die ihm gestattet, schnelle Läufe und heikle Arpeggien mit Bravour zu meistern. Auch komplexeste Klangkonstruktionen, wie Rachmaninoffs Studien op. 33, spielte er präzise und souverän. Als Zugabe wählte er bemerkenswerterweise die Tonada Nr. 10 von Allende. Miranda vereint Begabung, sicheres Auftreten, Sympathie und Ehrgeiz. Man kann nur hoffen, dass er sich wie bisher weiterentwickelt.

 

2007 – Dvořáks Cellokonzert – ein Genuss

Dvořáks Cellokonzert ist derart bekannt-beliebt, dass jeder Solist, der es vorträgt, eine originelle Deutung parat haben sollte, wenn er es aufführt. Eine komplexe Vorarbeit, die Mihai Marica gewissenhaft meisterte.

Der Rumäne Mihai Marica, Sieger im letzten Luis-Sigall-Wettbewerb, spielte das Cellokonzert in h-Moll, op. 104 von Dvořák, erstaunlich entspannt. Die berühmte Partitur ist ihm aufs Beste vertraut; der Hörer empfindet, dass er sich die Zeit nahm, um seine Idealvorstellung heranreifen zu lassen. Er versteht es, seinem klangschönen Instrument – das wohlgemerkt nicht aus Holz, sondern aus Kohlefaserfiber hergestellt wurde – einen ganz persönlichen Ausdruck zu entlocken. Die Ausarbeitung der Melodik und die nuancenreiche Phrasierung ist in Maricas Händen ein Genuss.

 

2008 – Trio Dumas: Abgestimmtes Ensemblespiel

Wer ein anspruchsvolles Werk wie das Mozart-Trio KV 563 so gut beherrscht wie diese Musiker, dem scheint eine Karriere auf höchstem Niveau in die Hände gelegt zu sein.  

Drei junge Männer aus Deutschland und Österreich bilden das Trio Dumas: Christoph Ehrenfellner, Manuel Hofer und Julian Arp vermitteln den Eindruck, schon Jahrzehnte miteinander musiziert zu haben. Mozarts Divertimento KV 563 verlangt nicht nur reine Tongebung, sondern auch ein abgestimmtes Ensemblespiel und viel Phantasie. Ein langes aber dafür umso dankbareres Werk, vorausgesetzt, es wird auf hohem Niveau dargeboten. Genau dies war in Frutillar der Fall: Die drei Dumas-Musikanten sind auf dem besten Weg zum Weltklasse-Trio.

 

2009 – Mozartsängerin ante portas

Catalina Bertuccis außerordentliche Begabungen offenbaren sich nicht allein auf musikalischem Gebiet. Sie ist eine großartige Komödiantin und ein seltenes Sprachtalent: Dem Cóndor gab die gebürtige Chilenin ein Interview in grammatikalisch einwandfreiem Deutsch.

Die Sopranistin Catalina Bertucci, Gewinnerin des vergangenen Luis-Sigall-Wettbewerbs, gab zwei Konzerte, eines mit dem Orquesta Sinfónica de Chile und eine Lieder- und Opernarienmatinee. Die junge Sängerin stellte Textverständnis und die Fähigkeit unter Beweis, die Verse in echte Gefühle zu kleiden. Das glückte ihr stets in der richtigen Dosierung: von Schubert und Schumann bis zu Wolf und Berg. Sie erlaubte sich weder die geringste Übertreibung noch den leisesten Sentimentalismus. Ihr Vortrag war ein Dienst an den Meistern, womit sie an die Tradition der großen Liedgestalter anknüpft. Im zweiten Teil ihres Vortrags sang sie Opernarien. Mozarts «Hochzeit des Figaro» und «Zauberflöte» machten den Anfang. Bei dem Salzburger Meister ist höchste Präzision in den Notenwerten angesagt. Bertucci wich keinen Millimeter beiseite und gestaltete die Rollen mit lyrischer Eindringlichkeit und maximaler Deutlichkeit; die Susanna frisch-frech und die Pamina depressiv-resigniert. Eine Mozartsängerin ante portas? Auch Bellini, Weber und Puccini ging sie mit inniger Anteilnahme an. Catalina Bertucci besitzt die Gabe, edle Gestalten zu schaffen und strahlt dazu ihre angeborene hinreißende, von einem auratischen Zauber umgebene Sympathie aus, weshalb ihr Vortrag so anziehend ist. Tobias Krampen begleitete einfühlsam und mitgestaltend.

 

2010 – Fulminante Crescendi

Die russische Pianistin Sofia Gülbadamova hinterließ einen tiefen Eindruck, sowohl künstlerisch als auch menschlich. Wir schrieben damals einleitend: «Sie lebt seit 13 Jahren in Deutschland und konzertiert gegenwärtig im Pendelverkehr zwischen Paris und Hamburg. In Frutillar gab die junge, bescheidene Frau mit dem ausgeprägten Sinn für Humor und dem absoluten Gehör einen denkwürdigen Abend.»

Die Fantasie in f-Moll op. 49 von Frédéric Chopin spielte sie zunächst ernst und verhalten, um sich dann zu einer ungemein kraftvollen Darbietung zu steigern. Während dieser wahrhaften Vulkanausbrüche war sie stets auf Klarheit und Transparenz bedacht. Bei Poulenc schaffte sie gleich zu Beginn Atmosphäre und verlor bei den schnellen Akkordfolgen nie den Sinn für die Melodie.

Es ist bekannt, dass Johannes Brahms sich im privaten Umgang heiter und gemütvoll verhalten konnte. Er selbst hat einmal gesagt, dass seine gesamte Musik einen ernsten Charakter habe. Genau dies drückte Sofja Gülbadamova in der Fantasie op. 116 aus: norddeutsche Schwere verbreitete sich aufwühlend-ruhelos im Saal, obwohl die langsamen Sätze durchaus entspannt ertönten.

Hatte die Pianistin bis dahin die breite Palette ihrer Ausdrucksmöglichkeiten eindrucksvoll gezeigt, so entfesselte sie mit Franz Liszts Spanischer Rhapsodie S. 254 noch ein zusätzliches Gewitter. Eine feurige Steigerung folgte der anderen. Die fulminanten Crescendi meisterte sie ebenso gekonnt wie die überraschend angenehmen Diminuendi. Das höllisch schwere Finale ließ den Atem anhalten.

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