Steine rollen gegen das verfluchte Schicksal

Essay über den Existenzialismus

 

Hat das Leben einen Sinn? Und wenn nicht, wie werden wir mit der Sinnlosigkeit fertig? Existenzialisten befassten sich mit dem Problem. Ihre Antworten überzeugen nur teilweise.

 

Von Arne Dettmann

Das Leben kann ganz schön eintönig sein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Mittagessen, wieder vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen; Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus. – Der französische Schriftsteller Albert Camus fasste 1942 in seinem philosophischen Essay «Der Mythos des Sisyphos» den ermüdenden, unerfüllenden Lebensstil des modernen Menschen zusammen. So lange man diesen hoffnungslosen Trott wie im Halbschlaf mitmacht, dreht sich das Hamsterrad weiter. Aber irgendwann einmal stellen sich plötzlich Unzufriedenheit und Überdruss ein. Es taucht der Zweifel auf: Wozu das alles?

Das Leben als Rebellion: Albert Camus (1913-1960)
Das Leben als Rebellion: Albert Camus (1913-1960)

Der Mensch fragt nach einem Sinn seiner Existenz, doch das Universum schweigt. «Du kennst die Anfänge nicht, die Enden sind dunkel, irgendwo dazwischen hat man dich ausgesetzt. In der Welt sein heißt im Unklaren sein», schreibt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk. Traditionelle Glaubenssysteme, die einmal Halt gaben, sind zudem eingestürzt – «Gott ist tot», erklärt Friedrich Nietzsche. Ein Gefühl von Einsamkeit und Fremdheit macht sich breit, alles Tun erscheint sinnlos und leer. Hinter den Fassaden der Gewohnheiten gähnt das große schwarze Nichts.

 

Sprung in den Glauben

Für alle solch in Seenot geratene Menschen hatte Søren Kierkegaard noch einen sicheren Hafen geschaffen. Angesichts der Ausweglosigkeit schlug er zwei Optionen vor: Entweder an der Absurdität des Daseins zu verzweifeln oder einen rettenden Sprung in den christlichen Glauben zu wagen.

Doch der Däne lebte bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Die zwei verheerenden Weltkriege sowie die Entfremdung des Arbeiters in der modernen Industrieproduktion waren ihm fremd. Albert Camus dagegen mochte angesichts dieser erschütternden Erfahrungen nicht mehr an ein Heil verkündendes, religiöses Leuchtfeuer glauben.

Was Unsereins bleibe, sei die Absurdität zu akzeptieren. Wie die mythologische Figur des Sisyphos sollten wir den Stein immer wieder den Berg hinaufstemmen, auch wenn der Brocken stets hinunterfalle. Mit Trotz und Beharrlichkeit sowie in Würde müsse der aussichtslose Kampf angenommen werden. Nur so würden wir selbst uns einen Sinn erschaffen. «Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. (…) Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.»

 

«Das kurze Leben»

Auch der uruguayische Schriftsteller Juan Carlos Onetti wollte sich nicht auf das Rezept verlassen, was die Kirche verzweifelten Patienten ausstellt, nämlich den Glauben an Gott. In seinem Roman «Das kurze Leben» aus dem Jahr 1950 präsentiert er den erfolglosen Werbetexter Juan María Brausen in Buenos Aires, der jegliche Lust am illusionslosen Leben verloren hat. Er verabschiedet sich in die innere Emigration.

Flucht in Scheinwelten: Juan Carlos Onetti (1909-1994)
Flucht in Scheinwelten: Juan Carlos Onetti (1909-1994)

Beim Schreiben eines Drehbuchs erfindet der Protagonist einen Doppelgänger, den Kleinstadtarzt Díaz Grey, der in der fiktiven idyllischen Stadt Santa María lebt, irgendwo zwischen Argentinien und Uruguay. Gleichzeitig hört Brausen durch die dünnen Wände zur Nachbarwohnung die Äußerungen der Prostituierten Queca und schlüpft in die Rolle des rücksichtslosen Arce, des brutalen Geliebten. Brausen steigert sich immer weiter rein in diese Scheinexistenzen, die ihm alles erlauben: grenzenlose Freiheit, keine moralischen Verbindlichkeiten und eben Erlösung aus seiner Leere.

Onetti überspannt den Bogen am Ende dermaßen, dass die erfundenen Figuren aus den Parallel-Welten plötzlich miteinander kommunizieren und sogar die Erzähler-Ebene einnehmen. Der Existenzialist will uns mitteilen: Jede mögliche Vorstellungen in unserem Inneren sind recht und billig, wenn sie uns glücklich machen und vergessen lassen, dass die reale Welt dort draußen keine Antworten auf den wirklichen Sinn des Lebens liefert.

Mario Vargas Llosa sagte einmal über seinen Kollegen, dieser sei ein enorm origineller Schriftsteller; seine Welt aus Pessimismus würde er dank der Literatur überwinden. – Doch sind Onettis Fluchtversuche und Camus´ Revolte-Konzept wirklich praktikabel für den Normalsterblichen?

 

Das Unbehagen

Wer sein Leben lang in Zufriedenheit arbeitet, Fernsehen guckt, reist, in Restaurants isst und auf weitere, tiefer gehende Fragen verzichtet, ist tatsächlich vorerst in Sicherheit vor beunruhigenden Existenzfragen. Doch Armut, Arbeitslosigkeit und schwere Krankheiten erzeugen Unbehagen. Und das kann man sich weder innerlich schöndenken noch als heldenhafter Sisyphos in einer permanenten Auflehnung einfach ertragen. Das zu fordern, wäre zynisch.

Der positive Nihilismus, den die Existenzialisten vorschlagen, liest sich daher beeindruckend nur auf dem Papier: Selbstbestimmt, hellwach, leidenschaftlich lebe der absurde Mensch, so Camus. «Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.» Aber wer kann schon diese Harte-Typen-Show ein Leben lang durchhalten? Wahrscheinlicher ist doch, dass irgendwann die verbannte Hoffnung wieder auftaucht, nach der sich der Mensch sehnt. Das sinnsuchende Individuum in einer sinnentleerten Welt ist einfach nicht klein zu kriegen.

Erstaunlich bei Camus und Onetti ist zudem der Umstand, dass beide die Existenz einer höheren Bedeutung oder transzendenten Wahrheit negieren, gleichzeitig aber einen neuen Gott an deren Stelle schaffen: den Menschen selbst. Er steht im Mittelpunkt, um seine Gedanken und Empfindungen dreht sich alles. Er zieht sich quasi selbst am Schopf aus dem Sumpf der Sinnlosigkeit. Das Subjekt bestimmt sein Dasein. Da es keinen göttlichen Masterplan gibt, schmiedet man sich selbst einen. In Abwesenheit von jeglicher Orientierung sind wir «in die Freiheit geworfen», wie der große Existenzialist Jean-Paul Sartre sagte. Dem eigentlichen Grund der Absurdität – nämlich dem Tod – können aber auch die Existenzialisten nicht entfliehen. Das fatale Ende bleibt eine Tragik, mit der man irgendwie zurechtkommen muss.

Doch der Existenzialist mag keinen religiösen Hafen ansteuern. Kühn und verwegen segelt er in die dunkle Nacht hinaus auf offene See. Und der Christ schaut ihm nach und wundert sich kurz: Sein Glaube an einen Gott macht für ihn das Leben auch nicht unbedingt erträglicher. Viel Unbehagen bleibt, die Welt steckt voller unerklärlicher Rätsel. Und seinen eigenen Stein muss er ohnehin rollen.

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