Eine absolut vorzügliche Darstellung

Voller Erwartung sahen wir dieser Vorstellung entgegen. Handelte es sich doch um eine der beliebtesten und berühmtesten Opernstücke.

Giacomo Rossini (1792-1868) schuf dieses «mellodrama buffo» (komische Oper) im Jahre 1816, das als sein Meisterstück innerhalb seiner Produktion von insgesamt 40 verschiedenen Opern angesehen werden kann.

Der Text stammt von Cesare Sterbini nach dem Theaterstück von Agustin de Beaumarchais. Dieses Stück war bereits 1786 von Mozart für «Figaros Hochzeit» mit Text von Lorenzo da Ponte und 1782 von Giovanni Paisiello für seinen «Barbier von Sevilla» verwendet worden. 1806 wurde Rossini beauftragt, eine Oper für Rom zu schreiben. Mit Sterbini wurden einige Änderungen, vor allem in den Namen, vorgenommen, und die Oper wurde mit «l´ínutile precauzione» (Die unnötige Vorsicht) betiteltet. Später wurde der jetzige Titel des „Barbier“ festgelegt.

So entstand in nur 13 Tagen eine einmalige Charakterkomödie voller Witz, Humor und Situationskomik, gepaart mit raffiniertem Orchestersatz, in dem die Ausprägungen der «opera seria» und der «buffa» sich ständig abwechseln. Alternierend erscheinen rezitative und singbare Partien, Arien und Duette. Im Finale (Ende des Aktes) erreichen sie ihren Höhepunkt im «concertato» (Zusammenklang) mit dem Chor. Mit ihrer hinreißenden Melodik und ansteckenden Rhythmen wurde Rossinis Meisterwerk bald zum Welterfolg.

Der Dirigent der hiesigen Aufführung war Konstantin Chudovsky, der jetzige Chefdirigent der «Orquesta Filarmónica», der mit absoluter Überlegenheit eine transparente Version lieferte, mit ausgesprochenen Kontrasten, dynamischen Phrasierungen und Akzenten, in perfekter Zusammenarbeit zwischen Orchester und Sängern. Das Orchester bewies somit seine hervorragende Leistung unter einem solch hoch musikalischen Dirigenten wie Chudowsky, der sogar selbst das Solo auf der Gitarre, die Serenade des Grafen Almaviva, begleitete.

Diese Wiederaufführung basiert auf der Regie vom abwesenden Fabio Sparvoli, der sie 2008 schuf, und wurde von Rodrigo Navarrete übernommen. Es gelang Navarrete ausgezeichnet den «buffo»-Charakter des Werkes zu treffen Er führte einige Regieneuheiten ein, die die schauspielerische Wirkung belebten, sowohl bei Solisten, Pantomimen als auch im Chor

Die Inszenierung von Giogio Ricchelli schuf eine phantasiereiche Bühnenszenerie modernen Stils, geistreichen Einfällen, wie zum Beispiel in der Szene des Gewitters mit Pantomimen und Regenschirmen, sehr beeindruckend der «Commedia dell´ arte» anklingend.

Wieder einmal überzeugte der Chor des Teatro Municipal unter der Leitung von Jorge Klastornick, sehr musikalisch und auch im Schauspiel, zum Beispiel bei den Instrumentalisten in der Almaviva-Serenade und auch bei den Polizeiwächtern.

Der russische Bariton Rodion Pogossov gab einen ausgezeichneten Figaro, sowohl dank seines schauspielerischen «buffo»-Talents als auch in seiner Stimmführung, und den hervorragenden Koloraturen. Bemerkenswert seine Arie «Largo ad factotum» sowie in seine Duetten und «concertati».

Ketevan Kemoklidze, gregorianischer Mezzosopran als Rosina, besitzt ein weites Stimmregister, perfekte Höhen und einen wohlklingenden Alt, und selbst ihre Koloraturen sind wirklich perfekt in einer Gesangspartie, die all diese schwierigen Ansprüche erfordert.

Kenneth Tarver, nordamerikanischer Tenor als Graf Almaviva, überzeugte zwar mit seinem schönen Timbre, besonders in seiner Serenate, jedoch in den Koloraturen zeigte er keine makellose rhythmische Sicherheit. Sein Talent liegt wohl mehr im Gesanglichen als im Schauspielerischen. So gelang ihm seine Rolle als betrunkener Soldat etwas plumpartig und als der Musiklehrer Don Alonso wirkte er etwas naiv.

Don Bartolo, der italienische Bariton Bruno Practicó, bezaubernd in seiner ultrakomischen Rolle als der alte mürrische Doktor Bartolo, beweist sein großes schauspielerisches Talent als Komiker. Diese Fähigkeiten sind mit seinem herrlichem Timbre und Musikalität gepaart. Selbst die komischen Zungenbrecher gelingen ihm makellos. Eine absolut vorzügliche Darstellung.

Der ukrainische Bass Ievgen Orlov, als intriganter Musiklehrer Don Basilio, zeigte vor allem in der berühmten Arie «La Calunnia» (Die Verleumdung) seine soliden Stimmfähigkeiten. Die dramatischen Rollen mögen ihm sicher besser liegen, in dieser Oper vermisste man etwas die erforderte komische Ader.

Daniela Exquerra, der chilenische Sopran, hat schauspielerisches Talent und in ihrer Arie bewies sie auch gutes Stimmmaterial. Der chilenische Bass Carlos Guzman als Unteroffizier besitzt gute Stimmführung und überzeugt auch als Schauspieler, sowie Ramiro Maturana als Fiorello.

Insgesamt wohnten wir einer ausgezeichneten Aufführung bei, die ausgesprochene Begeisterung beim Publikum hervorrief.

 

Von Sylvia Wilckens, Círculo de Críticos de Arte de Chile

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