Eindrucksvolle Mystik

Was für ein überwältigender Anfang der Opernsaison in unserem Stadttheater! Mit großer Erwartung hatten wir diesem Werk entgegen gesehen. Aber auch mit Bedenken, ob diese Produktion wirklich den von uns bekannten ausländischen gleichkommen könnte. Es handelt sich ohne Zweifel wohl um das komplexeste Werk Wagners. Jedoch, es war keine Enttäuschung, im Gegenteil: Es wurde zu einem denkwürdigen Erlebnis.

Richard Wagner (1813-1883) kam 1845 zum ersten Mal mit der Gral-Legende von Wolfram von Eschenbach und somit mit «Parzival» in Kontakt. Sein erster Entwurf zu seinem «Opus ultimum» (wie er seinen «Parsifal» nannte), stammt von 1860. Dann folgten 20 Jahre, in denen er immer wieder den Stoff aufgriff und ihn dann beiseite legte.

Nach seinem religiösen geplanten Werk «Jesus von Nazareth» (1849) und seinem projektierten buddhistischen Stück «Die Sieger» (1856) benannte er seinen in Arbeit befindlichen «Parsifal» als «Bühnenweihspiel» Er entwarf am Karfreitag 1857 den «Karfreitagszauber», der im 1. und 3. Akt des Werkes dargestellt ist, und anschließend die aus drei Akten bestehende Oper. Und wieder ließ er das ganze Projekt fallen.

Jedoch 1865 überzeugte ihn König Ludwig II. von Bayern, es zu vollenden, was dann 1882 mit der Partitur und den auch von ihm gedichteten Text geschah. Im selben Jahr fand die Uraufführung im Bayreuther Festspielhaus statt. Wagner bat sich aus, sein «Parsifal» solle ausschließlich im Festspielhaus aufgeführt werden, ein Wunsch, der ihm bis 1913 erfüllt wurde.

 

Religiöse Symbole

Wagners Konzept seiner Werke als Gesamtkunstwerk beruht auf seinem Bestreben, eine absolute künstlerische Verschmelzung zwischen Musik, Drama und Schauspielkunst zu schaffen. Er selbst überwachte jedes Detail der Produktion, die Inszenierung, Kostüme und Beleuchtung, abgesehen von der strikten Interpretation des Orchesters, von Hermann Levi dirigiert.

Die Bedeutung der im «Parsifal» enthaltenen Fülle jeder Art religiöser Symbolismen ist seit je her umstritten. Der berühmte Musikwissenschaftler Guido Adler betonte folgendes: «Alle  Werke Wagners sind von einer Anschauung durchzogen, wie sie der Natur Wagners entspricht, die sich nicht einer bestimmten Konfession unterzuordnen vermag.»

Den «Parsifal» schrieb er in den letzten Jahren seines Lebens, der als wahrlich religiöses Testament angesehen werden kann, in dem Symbole der Verklärung, der Weisheit durch Mitleid, der Entsühnung und der Erlösung durch die Liebe und letzten Endes durch den christlichen Glauben enthalten sind..Wagner hat uns eine schwierige Aufgabe in seinem «Parsifal» auferlegt, seine Erkenntnisse, seine tiefsten Regungen zu deuten. Die Interpretation dieser Symbole bedingt ein intensives Studium dieses letzten Werkes. Wir können sie nur erraten, vor allem, wenn wir von seiner hektischen, abwechslungsreichen Lebensbahn unterrichtet sind.

 

Meisterleistung

An der Orchesterbegleitung ergötzten wir uns schon vom ersten Präludium an, an Maestros Gabor Ötvös Direktion. Er schenkte uns mit dem Philharmonischen Orchester eine erlesene Klangfülle, voller Feinheit in den «pianos» und  strahlende «fortes». Wir erlebten im Orchester die eindrucksvolle Mystik, das starre Zeremoniell der Gralswelt und die schimmernde, betäubende Atmosphäre der Klingsors-Szenen. Klar strukturierte Gabor Ötvös mit den Philharmonikern diese einerseits feierliche, wie andererseits sinnliche Musik. Es war eine vollendete Meisterleistung.

Der Chor, von Jorge Klastornick geleitet, bot wieder wie so oft eine perfekte Leistung. Besonders hervorzuheben waren die Chöre in den Gralsszenen. Auch die perfekte Leistung des Chores der Kinder der Grange School, unter der Leitung von Claudia Trujillo, verdient ein besonderes Lob.

Mit Genugtuung stellten wir fest, dass die Inszenierung den traditionellen Prinzipien folgte. Roberto Oswald (Regie, Inszenierung, Beleuchtung) entwarf berückende Szenen (zum Beispiel den Wald, den Saal des Schreins, den  Gralstempel) und griff zu Projizierungen und Transparenten. Der Zusammenbruch des Klingsor Schlosses, die Verwandlung des Waldes, die sehr gelungene Szene, in der Parsifal den von Klingsor ihm zugeworfenen Speer in der Luft ergreift, die Enthüllung des Kelches in der Abendmahlszene vor den Gralsrittern, um nur einiges zu nennen.

Anibal Lápiz kreierte die geeigneten, kontrastreichen Kostüme, zum Beispiel die zarten pastellfarben gekleideten Blumenmädchen. Auch die Solistenkostüme waren treffend. Eine weniger positive Kreation war das Parsifalkostüm, das für seine Figur ein geeigneteres verdient hätte.

 

Herrliches Timbre

Bei der Besetzung der Solistenrollen ist besonders die Rolle des Gurnemanz, vom russischen Bass Dimitry Ivashchenko interpretiert, zu erwähnen. Sein herrliches Timbre, gepaart mit einer ausgesprochenen Darstellungskunst, bedeutete den Höhepunkt unter den Sängern. Der nordamerikanische Mezzosopran Susan Maclean als Kundry überzeugte stimmlich in ihrer Rolle. Leider zeigten sich mitunter in der Höhe einige durch ihre Erkältung bedingte Schwierigkeiten. Ihre schauspielerische Fähigkeit jedoch als verderbliche und sinnliche Zauberin war außerordentlich.

Der bulgarische Tenor Zwetan Michailov besitzt ein ansprechendes Timbre, jedoch für die Parsifalrolle nicht so sehr geeignet. An seinem Gesang fehlte es an Volumen, vor allem an Vitalität. Seine Ausstrahlung als Held war nicht sehr eindrucksvoll. Es wäre ihm zu wünschen, dass er sich auf andere Rollen konzentrieren möge.

Der nordamerikanische Bariton Gregg Baker gab einen schauspielerisch begabten Amfortas. Trotz eines warmen Timbres mangelte es seiner Stimme leider oft an strahlendem Glanz. Die Rollen des Klingsors und Titurels (letzterer hinter der Bühne gesungen) übernahm der holländische Bass Harry Peeters. Seine Stimme überzeugte als Titurel, aber seine Auftritte als Klingsor waren schauspielerisch in seiner Boshaft und Gehässigkeit nicht so überwältigend. Auch stimmlich fehlte es ihm etwas an Durchschlagskraft. Der chilenische Mezzosopran Evelyn Ramírez, aus der Höhe singend, erfreute uns mit ihrer wohlklingenden Stimme.

Die weitere Besetzung, aus chilenischen Kräften bestehend: Pamela Flores, Nicolás Fontecilla, Exequiel Sánchez, Leonardo Navarro, Ricardo Seguel, Constanza Domínguez, Daniela Ezquerra, Marcela González, Paulina González und Constanza Dörr gestalteten ihre Rollen  lobenswert, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch.

Diese Vorstellung war, wie schon zu Anfang bemerkt, höchst beeindruckend. Möge die Weiterführung der Saison das gleiche Niveau erreichen!

 

Von Sylvia Wilckens, Círculo de Críticos de Arte de Chile

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