Ein Kuss wie in einem alten schönen Film

Luis Gnecco und Mercedes Morán spielen die Rollen von Pablo Neruda und Delia del Carril.
Luis Gnecco und Mercedes Morán spielen die Rollen von Pablo Neruda und Delia del Carril.

Der neue Film von Pablo Larraínhat den Test bei den Filmfestspielen in Cannes mit Bravour gemeistert. Die internationale Presse feierte «Neruda» als besten Wurf des chilenischen Regisseurs, der sich bereits mit «No» und «El Club» einen Namen gemacht hatte.

Von Petra Wilken

«Neruda»erhebt nicht den Anspruch einer Biografie. «Unmöglich, der Persönlichkeit Nerudas mit einer traditionellen Biografie gerecht zu werden», erklärte Pablo Larraín der chilenischen Presse nach seiner Rückkehr aus Cannes, wo er den Film bei der parallel zum Wettbewerb laufenden «Director’s Fortnight» vorgestellt hatte.

Wie soll man ihn auch darstellen – den Poeten, Nationalhelden, Kommunisten, Frauenliebhaber, Nobelpreisträger, Politiker, Weltenbummler, Lebemann und leidenschaftlichem Sammler aller möglichen Objekte? Larraíns Vorschlag: Mit einem Krimi, der zwischen subtiler Ironie und schwarzem Humor hin- und herspringt und ein rasantes Katz-und Maus-Spiel zwischen einem selbstbewussten Dichter und der tragischen Figureines verzweifelnden   Polizeiinspektors bietet.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Episode im Leben des Dichters: 1948/49, mit Beginn des Kalten Krieges, werden unter Präsident Gabriel González Videla (Alfredo Castro) Kommunisten verfolgt und Pablo Neruda (Luis Gnecco) seines Amtes als Senator enthoben. Er flieht zusammen mit seiner Frau Delia del Carril (Mercedes Morán), und beginnt, sich in Häusern von Freunden zu verstecken. Doch bald muss er außer Landes. Während dieser Zeit schreibt  Neruda wesentliche Teile seines bedeutenden Werkes «Canto General» (Der große Gesang).

Im Film wird dem Kriminalinspektor Óscar Peluchonneau (Gael García Bernal) der Auftrag gegeben, Neruda zu finden. Es beginnt eine Verfolgungsjagd, die an Schauplätze im Süden Chiles, Valparaíso, Buenos Aires und Paris führt. Für den introvertierten Inspektor Peluchonneau wird die Verfolgung des Dichters zur persönlichen Obsession, während der Gejagte sich seinen Spaß mit dem kleinen Beamten macht und ihn in gefährliche Situationen lockt. Nicht nur die Drehorte sind dabei bemerkenswert, sondern auch die Zahl der Nebenrollen und -schauplätze, mit denen der Regisseur den Film mosaiksteinartig zusammenwachsen lässt.

Auch Pablo Larraín hat sich dabei spielerisch ausprobiert. Beim Drehen wurden zusammen mit den Schauspielern neue Szenen erfunden, die es im Drehbuch nicht gegeben hatte. «Ich war mir bis zuletzt nicht sicher, ob der Detektiv den Dichter am Ende bekommt oder nicht», erzählte Gael García der Presse. Welche Szenen dabei letztendlich im Film geblieben sind und welche weggeschnitten wurden, das wissen nur die Produzenten und das Publikum in Cannes. In Chile läuft der Film im August an.

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Die Schauspielerin Heidrun Breier

Eine der zahlreichen Nebenrollen, die erste Frau Nerudas, spielte Heidrun Breier. Die in Chile lebende deutsch-rumänische Schauspielerin wurde dazu Ende Mai vergangenen Jahres von heute auf morgen zu einem Casting gerufen. Knapp einen Monat später drehte sie mit Gael García in Buenos Aires und in Santiago. Der Cóndor sprach mit ihr über ihre Rolle in dem Film.

 

Cóndor: Wer war die erste Frau von Neruda?

Heidrun Breier: Pablo Neruda lernt Maria Antonieta Haagenar 1930 während seiner Zeit als Konsul in Java kennen. Sie ist holländischer Abstammung. Die beiden heiraten, aber die Ehe scheint nicht lange glücklich gewesen zu sein. Sie war wohl eher eine blasse Maus und schaffte es nicht, zur Muse des Dichters zu werden. Ihr Leben war von Verlusten geprägt, sie hatte mehrere Fehlgeburten, bevor 1934 in Madrid das einzige Kind von Pablo Neruda zur Welt kam: Malva Marina wurde mit Hidrosefalía – Wasserkopf – geboren und starb mit acht Jahren. Neruda trennte sich in Spanien von Maria Haagenar und sie geht alleine mit ihrer Tochter nach Holland. Neruda soll sich nie wieder um die beiden gekümmert haben. Es heißt, dass er sie auch finanziell kaum unterstützt hat.

Was passiert mit ihr im Film? 

Sie wird nach Chile geholt, um Neruda wegen Bigamie anzuklagen, da er Delia del Carril geheiratet haben soll, obwohl sie noch mit ihm verheiratet war. Im Film sieht man, wie sie von der Polizei nach Chile gebracht wird. Sie soll in einem Interview im Radio öffentlich gegen Neruda aussagen, doch sie macht es nicht. Sie will, dass er ihr Geld zahlt, aber sie sagt nicht gegen ihn aus. Dann gibt es noch eine Szene in einem Kerker, in dem sie Neruda angeblich verhaftet haben. Ich knie mich nieder und frage ihn: ‚Warum hast du mich verlassen?` Doch es ist nicht der echte Neruda. Es gab damals viele Unterstützer, die sich als Neruda verkleidet haben, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken. Es ist nicht ganz klar, ob sie weiß, dass er es nicht ist. Pablo Larraín liebt diese Ambivalenzen. Es bleibt vieles offen.

Wie war die Arbeit mit Gael García?

Wir haben uns gut verstanden. Beim Drehen der Szene im Kerker sind Pablo Larraín und Gael García spontan auf die Idee gekommen, dass er mich küsst. Das stand nicht im Drehbuch. Ich interpretiere es so, dass der Inspektor für einen Augenblick etwas besitzen wollte, was Pablo Neruda einmal gehört hat. Es war ein Kuss wie in einem alten schönen Film. Eine witzige skurrile Idee von Gael Garcia und dem Regisseur. Maria Haagenar lässt es einfach mit sich geschehen.

Welches Resümee ziehst du aus dieser Erfahrung?

Ich hatte ja nur eine ganz kleine Rolle. Es hat auf alle Fälle Spaß gemacht. Die Rolle war interessant, weil Maria Haagenar so unscheinbar war. Sie soll ganz arm gestorben sein. Eine Holländerin, Pauline Slot, hat einen Roman über sie geschrieben. Er heißt «Tan largo el olvido» und spielt auf das Gedicht von Neruda «Tan corto el amor, tan largo el olvido» aus  «Veinte poemas de amor y una canción desesperada» an.

Heidrun, wir danken dir für das Gespräch.

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