Fjodor Dostojewskij und sein Roman «Die Dämonen»

Besessen von bösen Geistern

Fjodor Dostojewskij und sein Roman «Die Dämonen»
«Der Verzweifelte» (1843-1845) von Gustave Courbet

 

Die Welt ist aus den Fugen geraten, heißt es derzeit häufig angesichts von Krisen und Konflikten. Doch warum? Fjodor Dostojewskij fand darauf schon vor knapp 150 Jahren eine Antwort.

 

Von Arne Dettmann

In eine beschauliche, russische Provinzstadt nahe Sankt Petersburg kommt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Bewegung: Der junge, schöne und charismatische Aristokrat Nikolai Stawrogin kehrt nach einem ausschweifenden Leben in Petersburg und im Ausland zurück. Der für seine Frauengeschichten bekannte Exzentriker soll mit der vermögenden Lisweta verheiratet werden, so will es jedenfalls seine Mutter, die verwitwete und reiche Warwara Stawrogina. Und dann taucht da noch nach langer Abwesenheit Pjotr Werchowenskij auf, ein radikaler Nihilist, der die staatliche Ordnung Russlands zerstören und eine neue Gesellschaft aufbauen will. Nun ist es mit der Ruhe in dem Provinznest endgültig vorbei.

Was dann auf mehr als 900 Seiten (Insel-Verlag) folgt, ist ein Strudel an Intrigen, Lügen und intellektuellen Verführungen, dessen Sog sich die handelnden Pesonen sowie Leser kaum entziehen können. Dostojewskij zeichnet das Bild einer entwurzelten Generation, die den Glauben verloren hat. Die einen rebellieren gegen das alte zaristisch-feudale Russland rennen dabei orientierungslos umherschwirrenden Ideologien aus Westeuropa nach. Die anderen suchen ihr Heil in der slawischen, orthodoxen Tradition. In diesem Spannungsfeld verrohen zusehends Sitten und Moral, Skrupel- und Kompromisslosigkeit stellen sich ein.

 

Von diffuser Unzufriedenheit bis hin zum fantatischen Revolutionsgeist

Erst muss das Alte zerstört werden, um etwas Neues entstehen zu lassen. Nach dieser trivialen Überzeugung schart der Anarchist Werchowenskij bald eine Gruppe williger Gefolgsleute um sich. Er lügt ihnen vor, ihr konspiratives Komitee sei nur Teil einer landesweiten Bewegung, gesteuert von einer geheimen Zentrale, die wiederum mit der in Europa vorbereiteten Weltrevolution verbunden sei. Die diffuse Unzufriedenheit der Mitglieder wird somit in fanatischen Revolutionsgeist verwandelt.

Eine Schlüsselszene des Romans ist hierbei die Sitzung des «revolutionären Komitees». Der Intellektuelle Schigalew präsentiert dort ein System für die Zeit nach dem Umsturz, wobei ein Zehntel der Menschheit in Freiheit lebt und 90 Prozent als Sklavenherde in unbegrenztem Gehorsam dienen müsse – eine Alternative zu diesem Despotismus gebe es nicht, seine Theorie sei auf naturwissenschaftlichen Tatsachen begründet, nur mit einer solchen totalen Diktatur lasse sich Gleichheit und ein irdisches Paradies schaffen.

Dostojewskijs Kritik am autoritären Sozialismus ist an dieser Stelle besonders eindrucksvoll, da sein Werk «Die Dämonen» im Jahr 1873 erschien und somit die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts unter Stalin und Hitler vorwegnahm. Gegenseitige Bespitzelung und Verdächtigung, absurde Abstimmungen auf Versammlungen, Demagogie, stumpfsinniger Populismus und schließlich Mord halten Einzug in das Provinznest.

 

Vom Teufel besessen

Doch ob nun Sozialismus, Liberalismus, Konservatismus oder Nihilismus – praktisch alle Protagonisten im Roman handeln wie sinnlos Besessene, die sich für Ideologien und Anschauungen ohne jegliche Reflexion begeistern und wie im Fieber handeln. Dostojewskij stellte seinem Buch die Stelle aus dem Neuen Testament voran (Lukas 8,32-36), bei der Dämonen auf Jesu Wort hin von einem Menschen hinaus- und in eine Herde Säue hineinfahren, die danach einen Abgrund hinunterstürzt und im See ertrinkt. Diese «Teufel», «Gifte» und «Miasmen», bekennt der Hauslehrer Stepan Trofimowitsch auf seinem Sterbebett, hätten von Russland Besitz ergriffen.

Mitunter nehmen diese Dämonen eine plastische Gestalt an. Der Nihilist Stawrogin berichtet dem Mönch Tichon, er würde nachts von einer Halluzination heimgesucht werden, ein «böser Geist» in Gestalt eines Mädchens, welches er einst missbraucht und später vor dem Selbstmord nicht bewahrt habe. Angesichts dieser kaltblütigen Gleichgültigkeit zitiert Tichon eine Stelle aus der Offenbarung des Johannes (3,15+16): «Ich weiß deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.»

 

Dostojewskij und seine Frage: Gibt es Gott oder gibt es ihn nicht?

Existiert Gott oder existiert er nicht? Immer geht es bei Dostojeweskij um diese alles entscheidende letzte Frage. Der Ingenieur Kirillow hat dazu seine eigene Philosophie entwickelt: «Es gibt für mich nichts Höheres als den Gedanken, dass es keinen Gott gibt. Der Mensch hat sich Gott nur ausgedacht, um leben zu können, ohne sich zu töten; darauf beruht die gesamte Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich bin der erste und einzige, der sich Gott nicht hat ausdenken wollen.»

Und um allen zu beweisen, dass er selbst Gott sei und furchtlos über einen Eigenwillen verfüge, erschießt sich Kirillow schließlich selbst. Der französische «Philosoph des Absurden» und Literaturnobelpreisträger Albert Camus nannte dieses Vorhaben einst einen pädagogischen Selbstmord.

Dass die Welt eine vom Teufel ersonnene Komödie sei, eine einzige Unwahrheit und dumme Verhöhung, so Kirillow, mag der Schöngeist Stepan Trofimowitsch ähnlich sehen. Wie die Säue in der besagten Bibelstelle würden sich die Menschen «sinnlos und rasend vom Felsen ins Meer werfen und alle ertrinken, und das ist auch unser verdientes Los; denn zu etwas anderm sind wir nicht zu gebrauchen». Doch Trofimowitsch findet im Gegensatz zu Kirillow und Stawrogin Zuflucht im christlichen Glauben: «Meine Unsterblichkeit ist schon deswegen mit Notwendigkeit anzunehmen, weil Gott nicht ein Unrecht begehen und das einmal in meinem Herzen entbrannte Feuer der Liebe zu Ihm nicht wird ganz auslöschen wollen. Und was ist kostbarer als die Liebe? Die Liebe steht höher als das Dasein; die Liebe ist die Krone des Daseins, und wie wäre es möglich, dass das Dasein ihr nicht untertan sein sollte?»

 

Atheismus und Materialismus bis zum Selbstmord

Dostojewskij macht letztendlich Atheismus und Materialismus als die eigentlichen Ursachen für persönliche und gesellschaftliche Katastrophen aus. Auch Stawrogin, dieser jenseits von Gut und Böse agierende «Übermensch», der aus einer Laune heraus heimlich eine verkrüppelte und geisteskranke Frau geheiratet hat, die er finanziell unterstützt, ohne sie zu lieben, zerbricht am Ende an seinen unerträglichen Schuldgefühlen und erhängt sich.

Dostojweskij vergisst nicht in den letzten Sätzen hinzuzufügen, dass die medizinische Obduktion des Leichnams keine geistige Zerrüttung feststellen konnte. Will heißen: Eine Art Entschuldigung oder Ausrede für seine Taten und Unterlassungen fallen damit weg. Seine «Besessenheit» war seine Gottlosigkeit. Sie schuf erst den freien Raum, wo sich der Dämon einnisten konnte.

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