Die Bekehrten

Die chilenischen Schriftsteller Mauricio Rojas und Roberto Ampuero
Die chilenischen Schriftsteller Mauricio Rojas und Roberto Ampuero

In einem freundlichen Brief lädt der chilenische Schriftsteller Roberto Ampuero seinen Kollegen Mauricio Rojas unter eine sommerlich warme Laube in Olmué ein. So entsteht der «Diálogo de Conversos» – ein aufregendes Buch, das sowohl den persönlichen Lebensweg der beiden beschreibt, als auch die jüngste chilenische Vergangenheit und Gegenwart aus ihrer Sicht erhellt.

Von Mathäus Kubli

Prägend im Leben Mauricio Rojas (geboren 1950) waren seine Mutter, Lehrerin der ökonomischen Geschichte, Marxistin und glühende Anhängerin Allendes, und sein Großvater, der als Hermano Marista Schulen in Chile mitgründete, später den Orden verließ und heiratete, jedoch immer dem katholischen Glauben treu blieb. Seine Tochter, die mit Roberto in seinem Haus lebte, war mit ihren politischen Ideen und einer Ehescheidung das schwarze Schaf in der Familie. Trotz dieser contradictio vitae – Rojas: «Soy hijo de una revolucionaria y de un ultraconservador» – verlief Mauricios Primarschulzeit dank dem verständnisvoll gütigen Großvater in geordneten Bahnen.

Doch bereits in der Mittelschulzeit meldet sich der mütterliche Einfluss tatkräftig zu Wort. Mauricio tritt der MIR (Movimiento de Izquierda Revolucionario) bei, beteiligt sich an Protestmärschen und schleudert Steine in die US-Botschaft. Revolution, totaler Umsturz ist die Losung, und die Rosenkranzgebete mit den Großeltern sind vergessen.

Roberto Ampuero (geboren 1953) verbrachte mit seiner Schwester eine unbeschwerte Kindheit im bürgerlichen, toleranten Elternhaus in Valparaíso, wo er auch 13 Jahre lang die Deutsche Schule besuchte. Doch im kritisch pubertären Alter gelangte Roberto nach Santiago und erlebte hier die Welt als revolutionäres Brodeln, erhitzt von Pablo Nerudas Gedichten und frechen Liedern Victor Jaras. Als frisch gebackener Student trat er der kommunistischen Jugendpartei bei (Juventud Comunista de Chile). Und Ende 1970 ging der Traum der einen und der Albtraum der andern in Erfüllung: Chiles neuer Präsident hieß Salvador Allende.

Bezeichnend spiegeln Roberto Ampuero und Mauricio Rojas mit ihren politischen Einstellungen die von Anfang an gespaltene Situation der Regierungspartei Unidad Popular. Während die Kommunisten einen zwar forcierten, jedoch gewaltlosen Wandel der Gesellschaft anstrebten, wollten die Miristen und andere extreme linke Gruppen mit Waffengewalt den Sturz der Republik erzwingen, um dann die klassenlose Gesellschaft, die Herrschaft des Proletariats und schließlich das Paradies auf Erden einzurichten.

Mauricio Rojas spricht vom jugendlichen, messianischen Sendungsbewusstsein, das in schwierigen Zeiten die Sicht auf die immense Gefahr versperrt, alle bestehenden Werte und Ordnungen über den Haufen zu werfen. Der Hiatus zwischen «Revolution» und «Reform» trug wesentlich dazu bei, das politisch einmalige Experiment «Kommunismus nach chilenischer Manier, mit Pastetchen und Rotwein» tragisch scheitern zu lassen.

Exil und Bruch

11. September 1973: Militärputsch. Präsident Allende richtet sich selbst. Vier Generäle regieren Chile. Traum und Albtraum sind ausgeträumt und beginnen neu mit umgekehrten Vorzeichen.

«Du musst fort von hier, sonst bringen sie dich um.» Mauricio Rojas befolgt den klugen Rat seiner Mutter und steigt im Oktober 73 in den Bus nach Mendoza (Argentinien). Als immer noch fraglos überzeugter Mirist erreicht er anfangs 1974 Stockholm – sein zweites Leben beginnt.

«Bin ich ein Feigling, ein Verräter?», so fragt sich Mauricio Rojas immer wieder, während er im friedlichen Uppsala eine Mechanikerlehre absolviert. Schuldbewusst tritt er der GAM bei (Hilfsgruppe der MIR im Ausland) und wird auserwählt, sich in Kuba als Guerillakämpfer auszubilden, um dann in Chile gegen das Militärregime zu kämpfen.

Ein Mirist des Zentralkomitees, der die chilenische Lage aus eigener Erfahrung kennt, beschreibt die Sinn- und Ausweglosigkeit des bewaffneten Widerstands so plastisch, dass Roberto Rojas nicht nur den selbstmörderischen Plan aufgibt, sondern auch eine innere Stimme vernimmt, die ihn am revolutionären Ideal, wie es Che Guevara gezeigt und gelebt hat, zweifeln lässt. 1977 beginnt Rojas ein Studium der Geschichte an der Universität in Lund. Er will verstehen, was den Marxismus im Grunde zusammenhält und wie weit die kommunistische These der idealen Gesellschaft wissenschaftlich begründet ist.

Welches Erlebnis gibt Roberto Ampuero den Anstoß zur inneren politischen Wandlung? Am 11. September 1973 fährt er, gemäß der parteilichen Weisung für den Ernstfall, zu allem bereit mit seinem Minicooper an den vereinbarten Ort und macht eine bittere Erfahrung: Anwesend sind einige Parteikameraden, jedoch ist kein Führer darunter. Nie mehr will ich Kanonenfutter für irgendein Ideal sein, schwört sich der betrogene Jungkommunist, enttäuscht, aber noch aktiv dabei. Während die Jagdbomber die Moneda beschießen und das Militär die verdächtigen Orte immer enger einkreist, reißt er in aller Eile revolutionäre Propaganda und verräterische Namenlisten von den Wänden, und mit viel Glück gelingt ihm die Heimkehr.

Im Unterschied zu Rojas, der in die westliche, freie Welt exilierte, verbrachte Ampuero, nach kurzem Aufenthalt in Ostdeutschland, die folgenden sechs Jahre in La Habana, erlebte also den Kommunismus nicht mehr aus Büchern, sondern real aus erster Hand. Die Erfahrungen, die er in Kuba und in der DDR machte, waren für ihn erschreckend und ernüchternd. Während in jeder Demokratie mit mehr oder weniger Geschick versucht wird, Rechte und Pflichten des Bürgers einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen, ist im totalitären Staat die oberste Devise, entweder – oder, entweder bist du dafür, dann geht es dir gut, oder du bist dagegen, dann musst du weg.

Im «Dialog» zeigt sich eindrücklich, wie unterschiedlich die Bekehrung der beiden Konvertiten vor sich geht. Wie bei Apostel Paulus ist ein «Sturz vom Pferd» sinnbildlich auszumachen – Rojas Erwählung zum Heldentod als Mirist und Ampueros Erlebnis am 11. September 73. Doch der langsam reifende Zweifel an Marxens Lehre, der schließlich zum Bruch überwältigt, erringt Rojas in jahrelangem Geschichts- und Philosophiestudium, Ampuero dagegen im durchseuchten kommunistischen Alltag.

Chile heute

Wer hätte es geahnt? Das Land am Ende der Welt, weit hinter den Kordilleren, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht wünschten, erlebte in den letzten 35 Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung und Bauboom ohnegleichen. Santiago, die gemütliche Hauptstadt mit Einfamilienhäusern und Gärten, verwandelte sich in Sanhattan, mit modernen Geschäftszentren, futuristischen Wolkenkratzern, überfüllter Metro, Lärm und Stau.

4188_12bNicht nur die Fassade, auch die Menschen dahinter, veränderten sich in nie dagewesenem Tempo. Wie die Statistiken zeigen, wurde die extreme Armut in Chile weitgehend überwunden. Ein einmaliges, über Jahrzehnte anhaltendes Wachstum der Wirtschaft, Ex- und Import, hoher Kupferpreis und nicht zuletzt militärische Disziplin während 18 Jahren gaben den Boden ab für einen soliden Mittelstand und eine beträchtliche Anzahl Neu- und Superreicher.

Vergleichbar mit der 68er-Studentenunruhe in Westeuropa meldete sich im neuen Jahrtausend in Chile eine Jugend zu Wort, die weder Allendes Unidad Popular noch Pinochets Militärdiktatur bewusst erlebt hatte und sich ungeduldig gebärdet. Sie fordert vom Staat vor allem eine bessere Bildung.

Im letzten Kapitel des Buchs dreht sich das Gespräch um die Frage: ¿Y ahora que? – Und jetzt, wie weiter?

  • Zuoberst auf der Werteskala steht der politische Liberalismus, größtmögliche Handlungsfreiheit für die größtmögliche Zahl von Individuen. Das Glück – so Ampuero und Rojas – hängt nicht von materiellen Gütern ab, sondern von der Möglichkeit, wie weitgehend die Menschen durch eigene Bemühung ihre selbst gesteckten Ziele erreichen können.
  • Doch wer an das Ende der Ideologien glaubt, irrt sich. Vor lauter Geschäften fielen die Ideen und Ideale aus dem Blickfeld. Freiheit wurde als Merkantilismus interpretiert, als Freiheit, sich rücksichtslos zu bereichern. Wir brauchen gute Ökonomen, aber wir brauchen auch Überzeugungen und Grundwerte, Gerechtigkeit, soziale Sensibilität, Chancengleichheit, Hoffnungen und Träume.
  • Eine Gesellschaft, in der die Mehrheit der Kinder wegen miserabler öffentlicher Schulen keine Möglichkeit hat, ihre Anlagen optimal zu entwickeln, ist nicht nur aus ethischer Sicht ungerecht, sondern auch ineffizient, weil viele Talente gar nicht zur Entfaltung kommen. Not täte eine konkrete, praxisnahe Verbesserung der von der Verfassung festgelegten, 12-jährigen, obligatorischen Schulzeit, vor allem im Hinblick auf Lehrerausbildung und -entlohnung.
  • Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen. Das 2010 eröffnete Museo de la Memoria y de los Derechos Humanos zeigt zwar die Gräueltaten der Militärdiktatur, aber so, als ob die chilenische Geschichte am 11. September 1973 begonnen hätte. Um die historische Entwicklung zu verstehen, die von Allende zu Pinochet führte, sollten die nachkommenden Generationen auch über die Taten der Unidad Popular und die vorgängigen, sozial unhaltbaren Zustände unterrichtet werden.

Der peruanischer Autor und Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, dem der Dialog gewidmet ist, wies Ende November 2015 in der Zeitung El Pais auf die zwei gleichzeitig auftretenden, herausragenden Ereignisse in Lateinamerika: Erstens wählten die Argentinier Mauricio Macri zum neuen Präsidenten und zweitens erschien der «Diálogo de Conversos» in Chile.

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One Comment

  1. carrillozeiter@yahoo.com

    Was fuer ein Geschmocke…..
    Im Zeitalter von Wikipedia sind solche Artikel etwas peinlich, lieber Mathaeus Kubli.

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