Der schwierige Weg zur Weisheit

Sokrates
Sokrates

Taugen die großen Philosophen zum Vorbild? Der US-Politologe James Miller begab sich auf die Suche.

Von Arne Dettmann

«Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?» – Wahrscheinlich hat sich jeder zumindest einmal in seinem Leben diese Fragen gestellt, wie sie einst der große Denker Immanuel Kant formulierte. Und es liegt nahe, sich bei der Suche nach Antworten an die großen Philosophen der Weltgeschichte zu wenden.

In «Examined Lives» analysiert der US-Politikwissenschaftler James Miller zwölf «Freunde der Weisheit» (das griechische Wort philosophia meint wörtlich «Liebe zur Weisheit»), angefangen von Sokrates bis hin zu Nietzsche, und schildert deren Leben.

Die Idee dazu ist nicht neu. Schon der britische Philosoph und Literaturnobelpreisträger Sir Bertrand Russell brachte 1945 seine «Philosophie des Abendlandes» von den Vorsokratikern bis ins frühe 20. Jahrhundert heraus. Und der deutsche Philosoph Wilhelm Weischedel betrat 1966 «Die philosophische Hintertreppe», um die vertrackten Seinsreflexionen von 34 bekannten Philosophen aus deren Alltag her zu erklären und ihr Denken leicht verständlich zu vermitteln.

4177_p11_4
Friedrich Nietzsche

Und somit kritisiert James Miller vielleicht nicht ganz zu Unrecht in seiner Einleitung, dass sich die Fachdiskussionen innerhalb der Philosophie zu sehr vom Leben der Normalsterblichen abgehoben hätten. Man denke dabei an den Streit der Experten, ob zwei Parallelen sich nicht doch im Unendlichen irgendwann treffen und kreuzen müssen. Das mag für Gelehrte eine interessante Erörterung bieten; doch ist eine solche Frage für einen Busfahrer in Berlin oder einen chilenischen Koch in Santiago wirklich wesentlich?

Also, zurück zu den Wurzeln der Philosophie, meint Miller und beginnt mit Sokrates, dessen Leitsatz «Erkenne dich selbst» die Basis schuf für jedes sinnvolle Denken über Gott und die Welt. Für den US-Autor steht fest, dass das Leben des großen Griechen im Einklang mit seinem Ringen um Selbsterkenntnis stand. «Ich weiß, dass ich nichts weiß», lautet das berühmte Zitat. Und mit dieser Einstellung zur unbedingten Bescheidenheit nahm der Philosoph auch sein Todesurteil ohne zu Mucken an.

René Descartes
René Descartes

Ein Ausbund an Bedürfnislosigkeit war auch Diogenes, der freiwillig ein Leben in Armut führte und gelegentlich die Nächte in einem Vorratsgefäß verbrachte. Auch dieser griechische Philosoph der Antike erreichte auf seine Weise ein glückliches Dasein und hatte auch nichts dagegen, dass er als Hund bezeichnet wurde. Mit so viel Unabhängigkeit und Selbstsicherheit ausgestattet konnte Diogenes selbst Alexander dem Großen mit todesverachtender, stoischer Ruhe entgegentreten.

In den nächsten Jahrhunderten – so viel wird bei fortschreitender Lektüre des Buches klar – fällt es den großen Philosophen der Weltgeschichte aber immer schwerer, den hohen Anspruch ihrer moralischen Integrität mit dem eigenen Leben zu vereinbaren. Philosophie zu betreiben scheint den Protagonisten jedenfalls kaum Trost gespendet zu haben. Verbiegungen, Selbstzweifel und Obsessionen bildeten ständige Begleiter. Als letzter in dieser Reihe steht schließlich Nietzsche, der an seinem pompösen Ideal der Selbstüberwindung jämmerlich in geistiger Umnachtung zerbricht.

Immanuel Kant
Immanuel Kant

Andererseits stellt sich hier die Frage, warum überhaupt von Philosophen Perfektionismus eingefordert werden sollte, handelt es sich doch schließlich auch nur um Menschen. Seneca und Augustinus von Hippo jedenfalls wirken im Gegensatz zu Sokrates, Plato und Diogenes nicht seltsam künstlich und unerreichbar, eben weil deren Leben voll von Zwischenfällen, Erfolgen und Niederlagen geprägt waren. Jean-Jacques Rousseau kam schließlich zum Schluss, dass Konsistenz und Widerspruchsfreiheit niemals erlangt, sondern nur angestrebt werden könnten.

Als Vorbilder für Lebensweise und Denkart taugen die großen Philosophen wie Aristoteles, Descartes und Kant daher nur bedingt, resümiert Miller. Ihre Bemühungen, glücklich zu werden, innere Ruhe und die transzendentale Bedeutung des Lebens zu ergründen, geben uns heute nur Anhaltspunkte und Hinweise, mehr aber wohl nicht.

Ist damit die Philosophie in einer immer stärker technisierten, verwissenschaftlichen Welt an ihre Grenzen gelangt? Der Astrophysiker Stephen Hawking spottete einst, dass die Naturwissenschaften den Spielraum für innere Gedankengänge immer mehr eingeschränkt haben, bis Wittgenstein sogar sagte, dass alle Philosophie nur Sprachkritik sei. Hawking: «Was für ein Niedergang für die große philosophische Tradition von Aristoteles bis Kant.»

Man mag dem zustimmen oder nicht, so James Miller in seinem Nachwort. Doch für jeden Menschen gelte immer wieder aufs Neue der Spruch, der am Eingang des Tempels vom Orakel von Delphi gestanden haben soll: «Erkenne dich selbst.»

«Examined Lives: From Socrates to Nietzsche» von James Miller, 2012, New York, 432 Seiten auf Englisch, ISBN-10: 125000232X
«Examined Lives: From Socrates to Nietzsche» von James Miller, 2012, New York, 432 Seiten auf Englisch, ISBN-10: 125000232X
Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*