«Das Boot» – Der Zweite Weltkrieg aus der Unterwasserperspektive

Ein Klassiker des deutschen Films von Regisseur Wolfgang Petersen

Szene aus dem Film «Das Boot»: Die Mannschaft und der Kapitän (Jürgen Prochnow, rechts) beim Appell vor der Abfahrt aus La Rochelle.
Szene aus dem Film «Das Boot»: Die Mannschaft und der Kapitän (Jürgen Prochnow, rechts) beim Appell vor der Abfahrt aus La Rochelle.

 

Von Walter Krumbach

La Rochelle, Frankreich, Oktober 1941. Am Vorabend zu einer neuen Ausfahrt reagiert sich die Besatzung der U-96 in einem Bordell ab. Die Männer erfahren einige Neuigkeiten von der Front. Sie sind denkbar schlecht. Etliche Bekannte sind vor kurzem gefallen.

Am nächsten Tag sticht das U-Boot unter dem Jubel der zurückgebliebenen Freunde in See. Kapitän und Offiziere halten Ausschau nach alliierten Handelsschiffen, die sie versenken sollen. Außer einem kurzen, heftigen Fliegerangriff ohne Folgen laufen die ersten Tage routinemäßig ab. Langsam aber beständig macht sich jedoch in der nächsten Zeit eine gewisse Spannung unter den Männern bemerkbar. Die Enge, das Gefühl, eingesperrt zu sein, werden immer unangenehmer.

Ein Unterwasserbombenangriff fügt dem Boot Schäden zu, die schnell repariert werden müssen. Der unheimliche Vorfall weckt Ängste, von denen die Mannschaft nicht mehr loskommt. Endlich stoßen sie auf eine Kolonne Frachter. Die U-96 greift an und erzielt verschiedene Torpedotreffer. Es folgt ein furchtbarer Gegenangriff, der das Boot zwingt, in gefährliche Tiefen abzutauchen, um den Bomben zu entgehen und gleichzeitig die nötigen Reparaturen vorzunehmen.

Als alles vorbei ist, taucht das U-Boot auf, um den brennenden Frachter zu treffen, auf dem sich noch lebende Besatzungsmitglieder befinden, die sich nun auf das feindliche U-Bott retten wollen. Der Kapitän ordnet jedoch Rückfahrt an und rechtfertigt seine Entscheidung vor seiner Mannschaft: «Musste sein, weil ein Boot wie unseres kaum für die 50 Mann ausreicht, die an Bord sind». Die Besatzung ist geschockt.

Es soll aber noch schlimmer kommen: Unversehens trifft ein dreifach verschlüsselter Funkspruch mit dem Befehl ein, in Vigo (Spanien, Atlantischer Ozean) Treibstoff und Proviant aufzunehmen, um in La Spezia (Italien, Mittelmeer) einen neuen Auftrag zu erfüllen. Im Hinblick auf die von England bestens bewachte Enge von Gibraltar, die durchbrochen werden muss, um nach La Spezia zu gelangen, gleicht der Befehl einem Himmelfahrtskommando.

Der Film liegt dem gleichnamigen Roman von Lothar-Günther Buchheim zugrunde, der darin seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg schildert. Das Buch erschien 1973. Der Film wurde 1980 gedreht, die Arbeiten zogen sich in Anbetracht der technischen Schwierigkeiten über ein Jahr hin.

Die Regie übernahm Wolfgang Petersen (1941), der 1971 mit «Reifezeugnis», einer Folge des Fernsehkrimis «Tatort», auf sich aufmerksam gemacht hatte. Petersen schrieb auch das Drehbuch, das nicht lediglich eine Adaption von Buchheims Roman ist, sondern die meisten Dialoge neu gestaltet. Außerdem fasste Petersen mehrere Figuren in einer zusammen, da bekanntlich in einem Film der zur Verfügung stehende Zeitraum im Gegensatz zu einem Buch begrenzt ist.

Petersens Regieleistung wurde international anerkannt. Sie öffnete ihm die Tore Hollywoods, wo er so erfolgreiche Streifen wie «Air Force One» (1997) und «Troja» (2004) drehte.

Das Innere des U-Bootes musste detailgetreu nachgebaut werden, was notwendig war, da die Männer fast ständig mit den technischen Apparaturen beschäftigt sind, diese also ebenso wie die Menschen eine Rolle spielen. Manchmal wird Blaulicht eingeschaltet, dann Rotlicht, Ventile platzen bei dem Überdruck beim Tieftauchen, Torpedos werden startklar gemacht und nach den erlittenen Angriffen wird an den verschiedensten Apparaturen umständlich repariert. Sogar eine echte Enigma-M4-Maschine wird beim Entschlüsseln codierter Funksprüche eingesetzt.

Bavaria-Filmstudio München: Teilansicht des detailgetreuen Nachbaus des Bootsinneren.
Bavaria-Filmstudio München: Teilansicht des detailgetreuen Nachbaus des Bootsinneren.

Die Außenaufnahmen entstanden auf dem Bodensee, in La Rochelle, die Sturmszenen auf der Nordsee und die Innen- und Unterwasserszenen in den Studios der Bavaria in München. Die Kulisse, die den Innenraum des Bootes darstellte, war auf eine hydraulisch betriebene Apparatur aufgebaut, um die Auf- und Abwärtsfahrten sowie das Kippen darstellen zu können. Diese Spezialeffekte fielen gut aus, allerdings waren die Antriebsmotoren der Hydraulik derartig laut, dass nicht mit Originalton gedreht werden konnte, sondern später nachsynchronisiert werden musste.   

Als Darsteller der Bootsmannschaft verpflichtete Petersen zum großen Teil junge, noch relativ unbekannte Schauspieler, von denen etliche nach Erscheinen dieses Films berühmt wurden. Der Regisseur forderte sie auf, sich zehn Tage vor Drehbeginn nicht mehr zu rasieren. U-Bootsbesatzungen pflegten sich während der Fahrten nicht zu rasieren, um Trinkwasser zu sparen. In den Sommermonaten wies Petersen die Darsteller strikt an, sich nicht die Haut bräunen zu lassen.

Ein Detail ist dem peniblen Filmemacher jedoch in seinen Bemühungen um die authentische Erscheinung der Männer entgangen: Die Haartrachten entsprechen meistens nicht im Entferntesten den kurzen Schnitten, die für deutsche Soldaten in den 1940er Jahren üblich waren.

Das Hauptmerkmal von «Das Boot» ist zweifelsohne die Darstellung der Platzangst, die sich im Verlauf der Handlung immer deutlicher und intensiver bemerkbar macht. Die Männer müssen sich wochenlang auf engstem Raum dulden, was häufig zu Auseinandersetzungen führt. Die sanitären Bedingungen sind nicht gut: 50 Mann müssen mit einem ein Klo und ohne Dusche auskommen. Tag für Tag halten sich die Männer in der stickigen Luft des Bootsinnern auf. Das Tageslicht sehen die meisten während der Feindfahrt nie.

Der Film stellt diese Atmosphäre so überzeugend dar, dass der Zuschauer von ihr regelrecht angesteckt wird. Jedes Mal, wenn das Boot auftaucht und die Offiziere den Turm besteigen, um Ausschau zu halten, atmet man erleichtert auf. Regisseur Petersen zeichnet die bedrückende Stimmung ungeschminkt-glaubwürdig, von den Besatzungsmitgliedern erstellt er ein Psychogramm. Dabei fallen eigenartigerweise höchst selten Namen. In der Regel reden sich die Männer mit dem Dienstgrad an. Vom Kapitän erfährt der Zuschauer nie den Namen. Er wird mit «Herr Kaleu» (Kapitänleutnant) angeredet und, wenn er nicht anwesend ist, «der Alte» genannt.

«Das Boot» schlug mit seinem nüchternen Erzählstil, mit der Anwendung der Spannung als wesentliches dramaturgisches Mittel und dem Scharfsinn, mit dem die Schicksale der Beteiligten geschildert wurden, in Hollywood wie eine Bombe ein. Mag es daran gelegen haben, dass das Kriegsgeschehen aus der bis dahin beim Publikum unbekannten Unterwasserperspektive, eindringlich geschildert, einen tiefen Eindruck hinterließ? Oder ist es darauf zurückzuführen, dass erstmals der deutsche Soldat in Amerika nicht wie ein brutaler Geistesgestörter gezeigt wurde?

Tatsache ist, dass der Film sechs Oscar-Nominierungen bekam: beste Regie, beste Kamera, bestes adaptiertes Drehbuch, bester Schnitt, bester Ton und bester Tonschnitt. Allerdings ging er bei der Statuettenverteilung leer aus. In Europa dagegen wurde er mit Preisen überhäuft.

Heute, über 30 Jahre nach der Premiere, hat sich der Wirbel gelegt. Damals wurde er nicht nur im Kino, sondern auch im Fernsehen vermarktet. Als sechsteilige TV-Serie hat «Das Boot» eine Gesamtspielzeit von über fünf Stunden. Die 1981 uraufgeführte Kinoversion hatte 149 Minuten Spieldauer.

Wolfgang Petersen erstellte später einen Director‘s Cut, also eine Schnittversion, in der er seine persönliche künstlerische Absicht umsetzt. Diese Fassung hat eine Länge von 208 Minuten. Die Bildqualität wurde einer Verjüngungskur unterzogen und der Ton auf 7.1 Kanäle verteilt, wobei der Subwoofer (die Basslautsprecherbox) effektvoll eingesetzt wurde. Diese Fassung erschien 2010 als Blu-Ray-Disc, ist aber gegenwärtig vergriffen. Eine Neuauflage wäre den Rechteinhabern zu empfehlen, da es für Filme wie «Das Boot» immer ein dankbares Publikum geben wird, welches solch hochqualitative Werke zu schätzen weiß.   

 

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